Karl Lippegaus' diary of jazz

#06 Delirien und Wunschträume |

Der Bandolinist Hamilton de Holanda

Text: Karl Lippegaus | Fotos: Hamilton de Holanda

Köln, 30.07.2014 | Duke Ellington schätzte besonders die Musiker, die ‚jenseits der Kategorien' ("beyond categories") operierten, was mit dem heutzutage so beliebten Begriff des Grenzgängers nur vage angedeutet ist und eigentlich viel mehr bedeutet. Dem erstaunlichen Saitenvirtuosen Hamilton de Holanda liegt – wie seinen Idolen Egberto Gismonti und Hermeto Pascoal - jedes Schubladendenken völlig fern und ein Purist ist er definitiv auch nicht. "Gute Musik braucht keine Etiketten, um zu existieren", sagt Hamilton de Holanda, der schon seit 33 Jahren vernarrt in den Bandolim ist, eine Weiterentwicklung der Mandoline.

Am 3. Juni 1976 in Rio de Janeiro geboren und in Brasilia aufgewachsen, wurde aus Hamilton nicht nur ein Meister des Choro-Jazz oder New Choro, der die verschiedensten Genres und Stile vermischt, ohne die Ingredienzien zu verwässern. An seinem fulminanten Album "O que será" mit dem italienischen Pianisten Stefano Bollani, dem Tondokument ihres ersten gemeinsamen Konzertes, lobt der britische ‚Guardian' "die unglaubliche Virtuosität, den Humor und die fesselnde Zärtlichkeit".
De Holanda ist nicht nur ein Virtuose an der zehnsaitigen Konzertmandoline, sondern fand zeitgemäße neue Ausdrucksformen für den Choro, die etwa zeitgleich mit Jazz und Tango entstandene Musik aus Rio, die durch Kulthelden wie Pixinguinha und Jacob do Bandolim in den Rang einer klassischen Musik erhoben wurde. "Choro ist wie die Mona Lisa, muss man die etwa überpinseln?" fragt De Holanda augenzwinkernd. Wer sich die lange Liste der großen Künstler aus E- und U-Gefilden anschaut, mit denen er sich schon "duellierte", kommt ins Staunen. Obwohl de Holanda schon etliche Latin Grammys für seine über zwanzig Alben bekommen hat, ist er keine mit Preisen überhäufte Institution geworden, sondern wie viele der wahrhaft großen Musiker bescheiden, neugierig auf Begegnungen und vor allem daran interessiert, sein durch zwei Extrasaiten erweitertes Bandolim noch besser zu meistern. Nach seinem grandiosen Konzert mit neuem Trio am 20. Juni in der Kölner Philharmonie hatte ich Gelegenheit zu einem Interview mit ihm.

Ich heiße Hamilton de Holanda, bin 38 Jahre alt, Musiker und Komponist, ich spiele den Bandolim. Geboren wurde ich in Rio de Janeiro und aufgewachsen in Brasilia, der Hauptstadt; heute lebe ich wieder in Rio, vor elf Jahren bin ich dorthin zurückgekommen.

KL: Was waren Ihre ersten musikalischen Erlebnisse?
Ich hatte das Glück, in eine musikalische Familie hinein geboren zu sein. Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sowie mein Bruder waren bzw. sind Musiker. Als kleiner Junge betrachtete ich all die Instrumente in unserem Wohnzimmer: Bandolim, Cavaquinho, Gitarre, eine siebensaitige Gitarre, Pandeiro, Orgel… Immer umgab uns dieses musikalische Ambiente. Bevor ich überhaupt lesen und schreiben konnte musizierte ich schon; Musik hat sie immer gegeben in meinem Leben, ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich mal ohne sie gelebt habe.

KL: Warum lernten Sie Bandolim spielen?
Der Bandolim war ein Weihnachtsgeschenk meines Großvaters, als ich fünf Jahre alt war. Aber schon davor spielte ich Tonleitern auf einer Melodica; ich konnte einige Melodien nach Gehör nachspielen, dabei hat mir mein Vater geholfen. Doch ich war noch zu klein, um ständig Tonleitern zu spielen - man muss lange kräftig hinein blasen, was mir als Junge schwer fiel. Deshalb schenkte mir der Großvater ein Bandolim. Weihnachten 1981, fünf Jahre war ich alt. Damit ging's los und seither hab ich dieses Instrument nie mehr losgelassen.

KL: Jedem Besucher fällt sofort auf, dass Musik in Ihrem Land omnipräsent ist.
Ja, Brasilien ist ein sehr musikalisches Land, das war immer schon so. Musik ist für uns auch ein wichtiges Medium der Kommunikation: man äußert seinen Protest damit, klagt über etwas oder feiert durch sie das Leben… Durch Musik finden alle möglichen Arten von Gefühlen ihren Ausdruck: Glück, Trauer, Romanze, Verführung. Ein Brasilianer kommt schon ‚batucando' (den afrobrasilianischen Rhythmus trommelnd) zur Welt.

KL: Erzählen Sie uns etwas von Ihrer Begeisterung für den Choro.
Die Musik, die ich spiele, gilt als das erste wirklich populäre Genre in der Musik Brasiliens. Vor allem die jüngere Generation heute spielt viel Choro. Es gibt Bars und Clubs, in denen die Leute Choro hören und dazu tanzen. Ich selbst spiele zweimal pro Monat in einer "Baile", wie wir diese Clubs nennen - der "Baile do Almeidinha" in Lapa, im Zentrum von Rio. Choro hat einen sehr stimulierenden Rhythmus, zu dem man leicht tanzen kann und ist in gewisser Weise Vater und auch Bruder des Samba. Beide tauchten beide fast zur gleichen Zeit auf, der Choro etwas früher; er trägt noch das europäische Erbe des Walzers mit sich, der Polka, dessen was man Scottish nannte; sie alle vermischten sich mit dem Lundu und anderen afrikanischen Rhythmen, und daraus ist der Choro entstanden. Fast gleichzeitig kam der Samba auf, aber er war sehr bald populärer und schwärzer. Die Schwarzen konnten sich durch den Samba besser ausdrücken; letztlich aber waren es oft die selben Musiker, ob sie nun Choro oder Samba spielten. Man könnte also sagen, beide Genres sind miteinander verwandt….oder genauer: Choro ist gleichsam Vater-Sohn-Bruder des Samba. Übrigens ist es ein Musikgenre, das bei uns nie aus der Mode kommt; Choro ist nie wirklich Mode gewesen, wird jedoch ständig wiederentdeckt. Manche der Jüngeren sehen darin eine "Musik von alten Leuten", aber dann kommt die nächste Generation und entdeckt die Sachen neu. So geht das die ganze Zeit; sie erinnern sich an Pixinguinha, Jacob do Bandolim, Ernesto Nazareth und machen etwas erfrischend Neues daraus.

KL: Pixinguinha, der 600 Choros komponierte und oft als "brasilianischer Louis Armstrong" bezeichnet wird, gilt als legendäre Figur.
Ja, Pixinguinha ist zweifellos ein Mythos. Er ist es, der es geschafft hat, das Choro-Genre zu vereinheitlichen und die Sache auf den Punkt zu bringen. Er mischte viele Einflüsse zusammen, und von ihm ab fingen die Leute die Musik, die er machte, als Choro zu identifizieren.

KL: Ist Choro nun eine klassische Musik Brasiliens geworden?
Das ist etwas kompliziert, denn Choro ist wirklich beides: klassisch und populär. Heute abend trat ich hier in der Kölner Philharmonie auf, spiele aber auch bei Bällen, wo die Leute zu unserer Musik tanzen. Choro ist also beides.

KL: Pixinguinha kam als junger Mann nach Europa…
… reiste 1922 nach Frankreich, wollte zwei Wochen bleiben und am Ende wurden sechs Monate daraus.

KL: Auf einem Ihrer neuen Alben, "O Mundo de Pixinguinha" spielen Sie ein fabelhaftes Duett mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Ich dachte an das Foto, das von Pixinguinha und Armstrong existiert. Sehen Sie sich als Erbe einer großen Tradition?
Schwer für mich, das zu sagen. Was ich sagen kann ist, dass ich diese Musik liebe. Und spüre, dass ich durch meine Musik, die ja nicht nur aus Choro besteht, einige Türen öffne. Hier in Europa zum Beispiel fangen die Leute an, den Choro durch mich anders zu sehen. Ich bin in letzter Zeit ziemlich oft herüber gekommen und spiele auf "O Mundo de Pixinguinha" (Die Welt des Pixinguinha) mit Musikern aus der ganzen Welt einige seiner bekanntesten Stücke: mit Chucho Valdés aus Cuba, Richard Galliano aus Frankreich, Wynton Marsalis aus den USA, Stefano Bollani aus Italien… Es ist eine andere Art, dieser Musik Verbreitung zu verschaffen, einer ausgesprochen traditionellen und sehr belebenden Musik.

KL: Jorge Luís Borges sagte, jeder Künstler schaffe sich seine Vorgänger und vermische die Einflüsse.
Das ist das Schlüsselwort: mélanger – vermischen. Mein Land entstand aus der Melange von Europa, Afrika und Amerika. Von Beginn an war für uns Brasilianer dieser Aspekt Normalität, dass Zusammenhalt in unserem Land überhaupt nur möglich ist durch das Vermischen, weil die Menschen von überallher zu uns kamen…

KL: Schon Ihr Name de Holanda weist ja darauf hin…
Meine Familie kommt ursprünglich aus dem Nordosten, aus Pernambuco, das einmal holländische Kolonie war. Um mit meiner eigenen Musik weiterzukommen beschloss ich, all diese Einflüsse zu absorbieren von Künstlern wie Pixinguinha, Jacob do Bandolim, Egberto Gismonti, Hermeto Pascoal und Baden Powell - ganz zu schweigen von den Künstlern der musica popular brasileira, Chico Buarque, der Bossa Nova, Tom Jobim… Ich bin jünger als sie und fand mich in der glücklichen Lage wieder, dass der Weg von ihnen schon geebnet worden war. Dieses Erbe vorgefunden zu haben war ein Privileg, und von da aus versuche ich meinen eigenen Weg zu finden, um die Musikhistorie meines Landes zu feiern.
KL: Ähnliches gilt auch für den italienischen Pianisten Stefano Bollani, mit dem Sie 2012 in Antwerpen das fulminante Livealbum "O que será" aufnahmen und der brasilianische Musik sehr gut kennt.
Wir waren uns nur ein Mal vorher begegnet, bei einem Festival in Bozen/Südtirol, da haben wir spontan einfach mal ein Stück zusammen gespielt. Jetzt haben wir eine sehr erfolgreiche Tournee mit zehn Konzerten in Italien absolviert. Das große Konzert neulich in Rom war restlos ausverkauft.

KL: In Brasilien haben Sie schon zirka 20 CDs veröffentlicht und bekamen mehrere Latin Grammys. Die erste Platte, die ich von Ihnen 2006 hörte, war "Samba do Aviao" und entstand im Januar 2005 in Mailand.
Das war eine meiner ersten CDs, die in Europa herauskamen, mit Sicherheit die erste, die hier aufgenommen wurde. Sie ist was Besonderes für mich, weil es ein Soloalbum ist, das mögliche Spielweise auf dem zehnsaitigen Bandolim aufzeigt. Zudem wirkt der Akkordeonist Richard Galliano bei drei von elf Stücken mit; danach begannen wir eine engere Zusammenarbeit, und ich gab manchmal Konzerte mit ihm. Wir machten zwei CDs zusammen und hatten viele Konzerte in Europa, einige auch in Brasilien. Wir haben uns wirklich angefreundet und dieses Album markierte den Beginn unserer Freundschaft. Richard ist ein sehr guter Musiker, auch ein großartiger Komponist.
KL: "Luz das Cordas" entstand 1999 in Rio mit dem Gitarristen Marco Pereira, einem "Gralshüter" des Choro, der viel für die Bewahrung dieser Kunst getan hat, ähnlich wie Paulinho da Viola, der 1973 ein großes Choro-Comeback einläutete.
Das Album dokumentiert die Übergangszeit, als ich von Brasilia zurück nach Rio de Janeiro gezogen war. Ich hegte eine große Bewunderung für Marco. Es war ein echtes Ereignis für mich, mit diesem Künstler im Studio arbeiten zu können. Es machte mich sehr glücklich und ich bewahre noch immer ein schönes Andenken an diese Zeit. Auch das Repertoire aus eigenen Stücken, kombiniert mit Klassikern von Pixinguinha, Ari Barroso und Luiz Gonzaga sowie Jazzthemen von Michel Camilo, finde ich nach wie vor gelungen. Dann wurde ich sogar noch Patenonkel von Marco Pereiras Sohn; also – diese Platte birgt für mich eine Myriade aus Glücksmomenten.

KL: Das eher kammermusikalische Album "gismontipascoal" entstand 2009 und 2010.
Auch das hält für mich einen ganz besonderen Moment fest: eine Hommage an zwei große Meister (Egberto Gismonti und Hermeto Pascoal). Ich machte die Platte mit einem sehr guten Musikerfreund, dem Pianisten und Komponisten André Mehmari, einem brillanten Künstler. Diese CD kam auch im Ausland heraus und wir haben mit dem Repertoire einige Konzerte in Europa gegeben. Egberto ist mehr der notierten Musik, Hermeto mehr dem Jazz verbunden.

KL: Für mich sind Ihre Version von Egbertos Kompositionen die interessantesten…
Wirklich? Vielen Dank. Wissen Sie, Mehmari ist ein großer Musiker, sehr sensibel… Ich bin Egberto Gismonti vor einigen Jahren zum ersten Mal begegnet und bewundere ihn sehr; es ist immer eine Freude ihn zu sehen und die Geschichten zu hören, die er zu erzählen hat, mal abgesehen von seiner fantastischen Musik. Das gilt auch für Hermeto Pascoal, den ich vor Egberto traf und mit dem ich ziemlich oft live aufgetreten bin – auch hier in Europa, in London zum Beispiel. Ich glaube, diesen Mann muss man nicht mehr groß vorstellen, er ist mehr als nur Komponist, er ist ein Schöpfer, er ist ständig kreativ…

KL: Was lernten Sie aus der Beschäftigung mit dem Werk Gismontis und Pascoals?
Das erste Mal, als ich Hermeto spielen sah, hat irgendwie mein Leben verändert. Es muss jetzt 20 Jahre her sein, ich war 18, vielleicht sogar noch jünger. Da besuchte ich ein Konzert von ihm in Brasilia. Ich sah, wie er über Themen von Luiz Gonzaga improvisierte, ein sehr traditioneller brasilianischer Komponist, der viel Populärmusik geschrieben hat. Ich erlebte mit, wie Hermeto im Bruchteil einer Sekunde einen musikalischen Gedanken auf seine Finger übertrug. Es war, als würde nur der Kopf spielen. Wie er spielt – das ist so spontan, es passiert so schnell. Ich erlebte das zum ersten Mal mit und flippte aus. Ich dachte: "Heilige Mutter Gottes, was ist das?" Es hinterließ eine sehr starke Wirkung auf mich.

KL: Egberto Gismonti sagte mir einmal, selbst Jobim sei ein großer "Chorao" gewesen…
In der Tat, und Egberto selbst ist ebenfalls ein großer "Chorao"! Man braucht bloß Stücke wie "Os sete Anéis" (Die sieben Ringe) zu hören, es hat so viel mit den Kompositionen der legendären Chiquinha Gonzaga gemeinsam.
Da gibt es diese "Sinfonia da Alvorada" von Jobim, die sollten Sie sich auch mal anhören, er komponierte sie im Auftrag unseres damaligen Präsidenten Jucelino Kubitscheck für die Einweihung der neuen Hauptstadt Brasilia. Jobim und Vinicius de Moraes schrieben zu diesem Anlass eine Sinfonie. Sie ist wirklich fantastisch.

KL: Kommen wir zu Ihrer eindruchsvollen Triologie "Brasilianas" von 2006 und 2012 mit einer grossartigen Band und langen suitenartigen Kompositionen. Besonders "Brasilianos 3" gehört für mich zu Ihren besten Platten bisher.
Diese Alben umspannen einen Schaffensprozess von sieben oder acht Jahren, in dem ich diese Gruppe von Musikerfreunden traf, um mit ihnen diese Musik zu machen. Ich entwickelte und festigte meine musikalische Persönlichkeit mit ihnen. Nicht nur als Komponist und Musiker, sondern auch in menschlicher Hinsicht.

KL: Manchmal ist Ihre Musik enorm schnell, aber auch sehr sanft…
Wie das Leben selbst, oder?

KL: Wir sollten auch den Mundharmonikaspieler erwähnen…
Oh ja, Gabriel Gross, er ist ein Star, einer der drei besten Harmonikaspieler weltweit. Sehr talentiert, mit einer unglaublichen Technik und viel Sensibilität.

KL: Er spielt sowas wie einen natürlichen Synthesizer, für den man keinen Strom braucht.
Exakt!

Wie das Akkordeon ist auch die Mundharmonika das Instrument des fahrenden Volkes…
Sogar noch mehr, denn sie passt in jede Tasche.

KL: Hatten oder haben Sie Kontakt zu den Meistern der portugiesischen Gitarre – zu Carlos Paredes oder Pedro Caldeira Cabral?
Nein. Aber das Instrument hat diese Form, weil Jacob do Bandolim, der als Vater des brasilianischen Bandolim angesehen wird, einmal einen portugiesischen Gitarrenbauer, spezialisiert auf portugiesische Gitarren, fragte, ob er ihm ein Bandolim bauen könne. Das Instrument stammt also direkt von den portugiesischen Gitarren ab; die Spielweise ist jedoch nicht unbedingt die gleiche. Carlos Paredes kam zeitlich nach Jacob, der 1969 starb. Aber ich mag die Musik von Carlos Paredes natürlich sehr.

KL: Ist der Bandolim wie die Violine schwer zu stimmen?
Oh ja, sehr schwer. Vor allem weil es die doppelte Besaitung hat, und die beiden Saiten genau gleich gestimmt sein müssen.

KL: Wer hat Ihr Instrument gebaut?
Ein Instrumentenbauer aus Rio, Tercio Ribeiro.

KL: "Íntimo" ist ein sehr gelungenes Soloalbum von 2006.
Oh ja, es ist wirklich ein kleines Juwel, ich mag das Album sehr, es zeigt wie ich mich fühle wenn ich die Welt bereise. Ich habe es in Hotelzimmern und Privathäusern aufgenommen. An all die Länder erinnere ich mich jetzt nicht, aber einiges kam hier in Europa zustande, andere Stücke in Französisch-Guyana, in Südamerika, speziell in Brasilien… Das Repertoire gibt mein Gefühl des Unterwegsseins wieder, es ist sehr intim gehalten. Auf Tour spiele ich oft in Hotelzimmern, nicht unbedingt die Stücke des Konzerts. Zu diesem Zeitpunkt waren das Stücke, die ich einfach aus Spaß gerne für mich spielte, ohne irgendeinen Hintergedanken, nur um des reinen Musizierens willen. Dann beschloss ich sie in diversen Hotelzimmern aufzunehmen und etwas von der Atmosphäre der verschiedenen Orte einzufangen.

KL: Heute abend, als Sie das erste Stück ganz alleine spielten, haben Sie auf Anhieb die Schallmauer durchbrochen!
(heftiges Lachen) Kann schon sein.

KL: Ich habe bemerkt, wenn Sie aufhören und der Applaus losbricht, brauchen Sie erstmal einen Moment, um wieder zu Ihnen zu kommen.
Oh ja, absolut.

KL: Sie wirken sehr konzentriert, mit einem immensen Sinn für Rhythmus. Sie verdoppeln und vervierfachen oder sogar verachtfachen oft das Grundtempo. Dabei aber sieht man Sie nie mit dem Fuß wippen, Sie stehen ganz still da, der Rhythmus jedoch ist total umwerfend.
Sehen Sie, das ist eben so toll an brasilianischer Musik, wir haben diesen Rhythmus die ganze Zeit, in einem Kontinuum. Es ist wie mit unserem Herzschlag. Das Herz muss pochen, der Rhythmus muss diesen Beat haben, es muss weitergehen. Die Umgebung mag sich verändern, es mag Improvisationen geben, aber die Musik selbst…man muss immer dran denken, den Rhythmus weiterzutragen.

KL: Erzählen Sie bitte noch etwas über Ihre beiden Freunde heute abend. Wer sind die beiden?
Den Bassisten André Vasconcellos kenne ich seit langem, er kommt auch aus Brasilia, dort ist er geboren, also traf ich ihn sehr früh, um 1993-94; er ist aber nicht nur ein alter Freund, sondern auch ein Musiker, den ich bewundere, wegen seiner Stärke, seiner Musikalität. Und Thiago da Serrinha, den Perkussionisten, traf ich erst danach. Thiaguinho verkörpert das, wonach ich rhythmisch suche, diese Balance aus rhythmischer Kraft, diese "Brasilianität", wissen Sie? Ausserdem kennt er sich gut mit dem Bandolim und der Gitarre aus; er besitzt eine globale Vision von Musik.

KL: Sein Drumset ist absolut ungewöhnlich.
Thiaguinhos Schlagzeug besteht aus drei Teilen, die vor allem im Samba vorkommen. Da gibt es eine Box, eine "Caixa" wie in den Sambaschulen (eine Art Snaretrommel), ein "Repique de Anél", ebenfalls aus dem Samba, und ein "Surdo" (grosse Basstrommel), normalerweise mit den Händen getrommelt, bei ihm mit den Füßen. Hinzu kommt das "Atabaque", das traditionellste Instrument (eine große hölzerne afrobrasilianische Handtrommel), welches direkt aus dem Jongo stammt, der magischen Vorform des Samba, durch die Samba überhaupt entstanden ist.

KL: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Jazz und Improvisieren schlechthin beschreiben?
Jazz ist Komponieren aus dem Moment.

KL: Beschleunigte Komposition?
Ja. Von hier nach da ohne Verzögerung. Ganz direkt. Kompositionen kann man mehr ausarbeiten, es mag auch aus dem Moment heraus kommen, aber man überarbeitet es dann…das ist anders.

KL: Wenn man sich die Geschichte des Bossa Nova anschaut, sagen einige, er stamme viel mehr vom Samba ab als vom Jazz.
Sehen Sie, heute wird die Welt immer mehr eins. In einer Sekunde können Sie sehen, was gerade in Japan, Australien, Neuseeland, USA, Deutschland oder Brasilien passiert. Wenn Sie sich die letzten fünfzig Jahre ansehen, stellen Sie fest, dass der Jazz eine Weltsprache wie das Englische geworden ist. Musiker in der ganzen Welt benutzen Jazz, um miteinander zu kommunizieren. Schon Bach war ein großer Improvisator, wie wir wissen. Improvisation ist demnach allgegenwärtig. Im Samba gab es schon früh Improvisation, auch im Choro, wo sie die Form von Variationen annahm, man variiert die Melodie. Im Jazz geschieht das über Akkordfolgen, und im Bossa Nova vermischte sich das und verwandelte sich in eine spezifische Form der Improvisation. Ist das nun Jazz? Ja und nein. Nein, weil Bossa Nova in Brasilien entstand, und ja, weil brasilianische Musiker jazzbegeistert sind. Ich liebe Jazz sehr, aber habe mich sicher nicht deshalb schon früh aufs Improvisieren gestürzt. Erst mit 18 oder 19 Jahren begann ich Jazz zu hören, aber schon in den fünfzehn Jahren davor improvisierte ich in meiner Musik. Weil ich etwas erfinden wollte.

KL: Ein Stück aus Ihrem Repertoire würde ich noch gerne besonders erwähnen: den "Canto de Ossanha" von Baden Powell.
Baden hat einen riesigen Einfluss auf meine Arbeit. In den letzten Jahren ist er wahrscheinlich derjenige gewesen, der mich am meisten geprägt hat. Zuerst kam das durch Rafael Rabello und sein Gitarrenspiel, durch ihn rückte Baden mehr und mehr ins Zentrum meines Interesses. Rafael ist jünger als Baden und allmählich wurde ich mit der Musik des großen Vorgängers immer vertrauter. Als ich einmal verstanden hatte, worum es bei ihm geht, wurde das wie ein Pfad, dem ich immer weiter gefolgt bin. Wissen Sie, als der Bossa Nova diese sanfte Gitarrenbegleitung hatte, war Baden schon da und spielte mit großer Ausdruckskraft. Er schuf auch die AfroSambas mit dem Dichter und Sänger Vinicius de Moraes. Obwohl ich Joao Gilberto sehr liebe und häufig lausche war für mich das, was Baden tat, nachhaltiger. In Kürze werde ich mit Armando Nogueira das Album "Bossa Negra" herausbringen, das viel mit AfroSamba zu tun hat, diesen speziellen Harmonien, Melodien und der rhythmischen Power.

KL: Was hören Sie sonst noch gerne zur Zeit?
Pat Metheny, Chick Corea, Keith Jarrett, Paco de Lucia, Astor Piazzolla…

KL: Hamilton de Holanda, vielen Dank für dieses Gespräch.

Danke, gern geschehen.

Auswahldiskographie:

Samba do Aviao; Kind of Blue 10002
Trio; Fina Flor AB 2000
Luz Das Cordas; Acoustic Music 319.1325.2
Mundo de Pixinguinha; Rob RD 172
Live!; Adventure Music AM 1064 2
gismontipascoal; Adventure Music AM 1078 2
Íntimo; Adventure Music AM 1038 2
Brasilanos 1-3; Adventure Music AM 1075 2
O Que Será; ECM 2332