CD-Besprechung

The Dark Side Of Deep Schrott Vol. 2 |

Hohe Kunst des kollektiven Tieftönens

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 14.10.2016 | Was haben Albert Ayler, Hanns Eisler, Franz Schubert, Tool, die Meat Puppets, Pink Floyd und AC/DC gemeinsam? Nun, deren Songs bzw. Lieder werden auf der neuen CD des allein von der Besetzung her einzigartigen und ausgesprochen ungewöhnlichen Bass-Saxophon-Quartetts „Deep Schrott“ durch den Arrangement-Wolf gedreht bzw. dienen als Inspirationsquelle für eigene Stücke: „The Dark Side of Deep Schrott Vol. 2“. Das bereits vierte Album des Quartetts mit Wollie Kaiser, Andreas Kaling, Jan Klare und Dirk Raulf gibt mit 23 Stücken wieder einen bunten, besser: tief-dunklen Reigen von hervorragend arrangierter und präzise eingespielter sozusagen monoinstrumenteller Blasmusik.

Den Einstieg bildet das elegische Spiritual Our Prayer von Albert Ayler in einer getragenen Version, die die Melodiestimme ständig wiederholen und kunstvoll expressiv umspielen lässt. Buried Alive kommt als punkige Nummer daher und zeugt – wie die gesamte CD - von der Kunst der vier Schwermetaller, ostinate rhythmische Strukturen in bester Bassspieler-Manier auf ihren Jumbo-Blasinstrumenten umzusetzen. Die suggestive Wirkung von Beefy Heart – einem Standard von Jan Klares The Dorf – basiert auf diesen stur gespielten repetitiven Schleifen, die nach einer Zäsur in einen kammermusikalisch anmutenden Streichersound übergehen, um am Ende wieder in einen fast aggressiv-fordernden Loop zurückzukehren. Bei der Grunge-Nummer Lake of Fire nimmt sich das Quartett beim hämmernden Rhythmus zugunsten einer Betonung des Melodiösen zurück. Lost Keys beginnt mit einem Dauerton, der in der Tonhöhe unmerklich moduliert wird. Hier wie auch in Rosetta Stoned – beide Songs stammen von Tool – sind die Originale gut erkennbar, verblüffend auch hier wie bereits bei den Adaptionen wie z.B. von Black Sabbath, Nirvana oder Alice Cooper auf der letzten CD, wie es dem Quartett gelingt, die gitarrenlastige Musik ihrer Bezugsquellen in die Spieltechnik und den Klangraum ihrer Blas-Rohre zu übertragen und den musikalischen Kern der Ausgangssongs zu treffen. Auch in dem letzten Track Thunderstruck stehen die Tiefgebläse in puncto rockiger Urgewalt und Expressivität den Gitarrenhöhenflügen von AC/DC in nichts nach.

Die Eigenkompositionen wie die 6-teilige Dark Side Suite oder Eisler’s Beauty zeigen, dass die vier Musiker nicht nur hervorragend arrangieren, sondern auch ebenso eigene Musikideen entwickeln und umsetzen können.

Auf den ersten Blick überraschen auf der CD zwei „Song-Blöcke“: Der eine besteht aus sieben Liedern von Hanns Eisler, der andere aus drei „klassischen“ von Franz Schubert. Das Einheitsfrontlied wird in dem Lieder-Reigen des explizit politischen Eisler viermal geboten, jeweils in der ersten Hälfte mit seiner bekannten Melodie und dem eingängigen Marsch-Rhythmus, in der zweiten mit wunderschönen Soli, die die unterschiedlichen Temperamente der Quartettmitglieder demonstrieren. Das dissonante Panzerschlacht, v.a. das Lied einer deutschen Mutter und das zweimalig gebotene An die Nachgeborenen (der Brecht-Text „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“ gehört zum Bildungsallgemeingut) können durchaus auch als Kommentar zur augenblicklichen politischen Situation verstanden werden. Verwiesen sei darauf, dass das Quartett bereits bei seiner zweiten gemeinsamen CD neben Bob Dylan- vier Eisler-Songs verarbeitet hat. Die Franz-Schubert-Lieder Das Wirtshaus und Der Leiermann aus der Winterreise und Meeres Stille sind typische Bespiele für die romantische Umsetzung des Todes-Motivs in Musiksprache. Interessant ist, wie Deep Schrott die drei Lieder adaptieren. Der vom Tempo extrem zurückgenommene Trauermarsch Das Wirtshaus beginnt auch auf der CD sehr langsam und entwickelt die Melodie auf der polyphon geblasenen Grundharmonie. Eine Veränderung erfolgt durch die arpeggierte Begleitung, die dem Lied eine choralartige Dynamik verleiht, die am Ende wieder lang gehaltenen Grundtönen zugunsten der andachtsvollen Melodie weicht.

In Der Leiermann erzeugt das monoton wiederkehrende Motiv eine gewisse Statik, die durch ein kurzes Solo aufgehoben wird. Sicher ist davon auszugehen, dass der Liedtext („Und sein kleiner Teller bleibt immer leer. Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an.“) nicht den Erfahrungen der Gruppe bei ihren Live-Auftritten entspricht.

In Meeres Stille konzentriert sich Deep Schrott ganz auf die kaum bewegte Melodielinie, die von langen Akkordtönen „getragen“ wird. Das Quartett verzichtet dabei auf die arpeggierten Klavierakkorde des Schubertschen Originals. Ein ergreifendes Solo durchbricht die erhabene Kraft der Stille mit schnellen Läufen und mit durch Growl-Technik hervorgerufenen verzweifelt deklamierten Ausbrüchen.

Bei den drei Schubert-Liedern lässt sich nachvollziehen, warum das Quartett sich ihrer angenommen hat: Die dunkle Seite der Romantik erfährt ihre Entsprechung in der tieftönenden Instrumentierung. Dies mag auch das Bindeglied zu den verschiedenen Stilrichtungen sein. Deep Schrott versteht es, die ästhetische DNA unterschiedlicher Musikstile wie die des romantischen Kunstliedes, des politischen Songs, des spirituellen Jazz, wie Grunge, Hardrock und Heavy Metal in eigener Bläser-Idiomatik herauszuschälen und die mal mehr rhythmische, mal mehr melodiöse Essenz der Bezugssongs in die hohe Kunst des Tiefton-Kosmos zu übertragen. Das hat klangästhetisch eine gewisse dunkle Seite, aber die scheinbar skurrile Instrumentierung mit den vier Blechungetümen beinhaltet auch ein gewisses ironisches Augenzwinkern – auch dies der Romantik nicht ganz wesensfremd.

The Dark Side Of Deep Schrott Vol. 2, poise 24

VÖ 18. November 2016

www.deepschrott.de

www.poise.de

Im November 2016 und Februar 2017 ist die Band auf Tour, um das neue Album vorzustellen.