Festivals in NRW

Gelungene Dramaturgie von musikalischen Grenzgängen |

Wuppertaler Jazzmeeting 2016

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 30.10.2016 | Wuppertal hat es gut, zumindest im Bereich von Jazz, vergegenwärtigt man sich die Vielzahl und qualitative Vielfalt an einschlägigen Spielstätten und renommierten KünstlerInnen. Ob Wuppertal deshalb die NRW-Jazzhauptstadt ist, wie der Vorsitzende von openSky e.V., Tillmann Braune, in seinem Vorwort des Programmheftes anlässlich des Wuppertaler Jazzmeetings 2016 behauptet, dürften die Kölner und Düsseldorfer und andere naturgemäß anders einschätzen. Seine augenzwinkernde Einschätzung basiert auf der Relation von jährlichen Jazzkonzerten und Bevölkerungszahl. Die Hauptstadtfrage mag dahin gestellt sein, jedenfalls erlebt Wuppertal alljährlich mit dem Jazzmeeting ein erfrischendes Festival, das aufgrund seines Erfolgs mit dem Anspruch eines Regionalfestivals ohne Headliner mittlerweile auf drei Tage angewachsen ist.

Den Auftakt machen am Freitagabend die amerikanische, seit 12 Jahren in Wuppertal lebende Brenda Boykin mit ihrem Quartett und die niederländische Funkband Seven Eleven, die den Saal in dem altehrwürdigen Ausflugslokal Fuchspark mit eher plüschig-biederem als jazzigem Ambiente vor lauter mitreißendem Groove in einen kochenden Tanzsaal verwandeln, dass die Hirschgeweihe zittern.

Auch am Samstag werden dem diesjährigen Motto „Grenzgänge“ drei sehr unterschiedliche Formationen gerecht.

Der Reigen beginnt mit dem Marie Séférian Quartett mit seinem Projekt „mille nuits“. Wie bei dem Titel bereits zu vermuten, handelt es sich bei dem Quartett um Marie Séférian, gebürtige Münsteranerin mit deutsch-französischen Wurzeln, um Songs mit orientalischen Märchen, die die Sängerin kurz erzählt, anschließend in französischer Sprache vorzusingen. Begleitet wird sie dabei von Niko Meinhold am Flügel, Tim Kleinsorge am Kontrabass und Javier Reyes an den Drums. Die erstklassige Begleitung gibt den jeweils vokal vorgetragenen Geschichten eine einfühlsame zusätzliche Dimension, indem in Solo-Einlagen oder im Ensemble der erzählerischen Dynamik passend eine ebensolche musikalische hinzugefügt wird. Dies gelingt den drei Begleitmusikern hervorragend. In Cèdre beispielsweise mit einer märchentypisch langen Erzählkette entspricht die Musik sehr präzise den einzelnen Erzähletappen und nimmt sich nach dynamischen Höhepunkten auch einmal ganz zurück, im Märchen über die Leber simuliert ein Fingerschnippen den zitierten Regen, intelligente Tempowechsel markieren Szenenwechsel. Das schnelle und kurze Zedernholz beinhaltet eine Hymne an die Wurzeln der Großeltern der Sängerin im Libanon. Das Schlusslied Mille nuits erweist sich als rhythmisch komplex, wie überhaupt die gesamte Performance von Marie Séférian mit ihrer farbenreichen Stimme und ihrem präzisen Gesang und dem an Improvisation reichen Spiel ihrer Musiker sich als „grenzgängerische“ musikalisch-erzählerische Reise erweist.

Eine völlig andere Stilistik ist mit Joscha Oetz Perfektomat Trio Edition zu erleben. Das Trio um den Kontrabassisten und Laura Robles am Cajon und Norman Peplow am Flügel präsentiert einen expressiv-zupackenden Jazz mit deutlich erkennbaren Zügen afro-peruanischer Musiktradition, die der Bassist und Komponist in langen Peru-Aufenthalten in sich aufgenommen hat. Mit seinen Eigenkompositionen wie Perfect Gray oder Caral oder einem furiosen Solo auf dem Kontrabass wie in Cha Chu erweist sich Joscha Oetz als versierter und zupackender Instrumentalist, der auch die Nähe zum Free Jazz nicht scheut. Nicht von ungefähr ist das Cajon als „peruanisches“ Nationalinstrument Bestandteil seines Trios, Laura Robles spielt die noch vertracktesten Rhythmen und raffiniert synkopierten Einsprengsel an dem Abend mit einer unglaublich coolen Unaufgeregtheit. In der Zugabe gibt es noch ein mitreißendes Cajon-Duett von Joscha Oetz und Laura Robles.

Wiederum in eine ganz andere Richtung geht das eigens für den Jazzmeeting-Abend zusammengestellte Ensemble Holzlippenfell des in Wuppertal geborenen Saxophonisten und Komponisten Andreas Bär. Wie der Band-Titel andeutet, handelt es sich um eine ungewöhnliche Besetzung mit Andreas Bär an den Instrumenten der Saxophon-Familie vom Bariton bis zum Sopran, Wolfgang Schmidtke am Tenorsaxophon, Gerald Hacke an der Klarinette, Nicola Hammer am Fagott und Peter Funda am Schlagzeug. In dieser Konstellation bieten die Musiker einen perfekten, eigens für den Abend arrangierten Bläsersatz. Jazz-Klassiker wie Billy Strayhorns Passion Flower - mit Ellingtons Intro von Bär auf dem Bariton-Sax geblasen – oder All the Things You Are klingen mit Schmelz, die Solo-Einlagen v.a. von Wolfgang Schmidtke sind „erste Sahne“. Die Anmoderationen von Andreas Bär geraten ironisch-schalkhaft. Das folgende Set etwa kündigt er damit an, dass es jetzt „ein wenig zärtlicher zur Sache“ ginge. Gemeint ist damit der Übergang zu einer Sequenz aus Kunstliedern wie Mondnacht, bei denen Bär mit nuanciertem Wohlklang sein Sopransaxophon zur Stimme von Baritonsänger Thomas Busch einsetzt. Nach Bärs Aussage wird es mit Rhizom „ein wenig jazziger“: Zu einer durch Zirkularatmung erreichten Dauerschleife auf dem Tenorsax von Bär singt Thomas Busch im Stil romantischer Liedtradition, Schmidtke bläst dazu ein Solo in passendem hymnischen Ton, der an Albert Ayler erinnert. Jazz und Kammermusik, Komposition und Improvisation, Ensemblespiel und solistische Höhenflüge, europäische und amerikanische Musikkultur – all das bringt Holzlippenfell artistisch zusammen.

Dem Verein OpenSky, vor allem den beiden Vorsitzenden als Organisatoren, Tillmann Braune und Ulrich Rasch, ist in der Tat ein „grenzgängerischer“ Abend gelungen. Ihre geschickte Dramaturgie bringt die Verschiedenheit der Grenzgänge, die im Jazz möglich sind, auf die Bühne. Im Interview können sie bei aller Euphorie über das erfolgreiche Festival nicht verhehlen, dass es Wuppertal so ganz gut – wie eingangs beschrieben – doch nicht hat: Auch hier hapert es ein wenig an der Kooperation und Koordination innerhalb der Jazzszene, so vielfältig und vital sie auch sei. Ein leider nur allzu altes Lied.