NRW JAZZ on tour

Weltpremiere der neuen Kontrabassklarinette CLEX |

Basel Sinfonietta – Ernesto Molinari

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Daniel Allenbach (HKB)

Düsseldorf, 08.06.2016 | Weltpremiere in Basel, zum ersten Mal wird die neuentwickelte Kontrabassklarinette CLEX (Contrabass Clarinet Extended) in einem Konzert von dem Schweizer Klarinettisten und Komponisten Ernesto Molinari dem Publikum vorgestellt. Das Instrument sollte bereits in Köln auf dem Multiphonics Festival 2015 vorgestellt werden, aber die Fertigstellung verzögerte sich. Nun stellte die Basel Sinfonietta am 5.6.2016 die neuentwickelte Kontrabassklarinette vor

Ein Forscherteam der Hochschule der Künste Bern (HKB) und der BernerFachhochschule/Departement Technik und Informatik (TI) hat auf Initiative von Ernesto Molinari, Professor für Klarinette an der HKB, die Kontrabassklarinette CLEX entwickelt. Holzblasinstrumentenmacher, Mikrotechniker und Musiker haben seit 2012 gemeinsam eine Neukonzeption der tief tönenden Klarinette erarbeitet.

Die Kontrabassklarinette hat, aufgrund ihrer Größe und der komplizierten Klappenmechanik, Defizite in der Intonation. Bei der neuen CLEX findet die Klappensteuerung durch Motoren statt. So konnten die Tonlöcher klangtechnisch ideal platziert werden. Die Klappen werden über eine mechatronische Steuerung bewegt. Durch Sensoren wird an den Drückern die Position der Finger festgestellt und Elektromagnete betätigen dann die vorprogrammierten Klappen. Mit dieser Steuerung kann wahlweise deutsches oder französisches Griffsystem programmiert werden. Durch das elektronische Erfassen der Fingerpositionen können auch externe elektronische Geräte angesteuert werden, das könnte das Instrument auch außerhalb der Neuen Musik interessant machen.

Der Konzertabend der Basel Sinfonietta “Epicycle 6, Novitas [atis] F“ besteht aus fünf Werken zeitgenössischer Musik. Im Mittelpunkt steht natürlich Ernesto Molinari mit der neuen Kontrabassklarinette CLEX. Zwei Kompositionen sind aktuell für ihn und das Instrument geschrieben worden. Daneben kommen drei ältere Werke der Neuen Musik zur Aufführung, in denen die Kontrabassklarinette nicht zum Einsatz kommt.

Eröffnet wird das Konzert mit der Uraufführung von Michael Pelzels (1978) Werk “Gavity`s Rainbow“ für Kontrabassklarinette und Orchester. Pelzel greift Impulse aus dem gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon auf. Er setzt das Pynchon Bild einer Schallplatte, die einen Sprung hat und sich fortwährend dreht, aber nie den genau gleichen Klang hat, in seiner Komposition um. Er benutzt dazu die Technik des “Lock-in Patterns“, die er von den ostafrikanischen Akadinda Musikern gelernt hat. Die Akadinda spielen zu zweit oder dritt zwei unterschiedliche rhythmische Patterns auf einem Holzxylophon, dabei werden die Patterns verwoben und überlagern sich, so dass das Ohr dann neue Patterns wahrnimmt, die aber nicht wirklich gespielt werden.

Diese Methode wendet Michael Pelzel in seiner Komposition an, wo er die unterschiedlichen rhythmischen Patterns bündelt und zu formalen Höhepunkten führt. Ebenso haben auch Harmonik und Melodie verschiedene Klangspektren, die ebenfalls verzahnt werden, jedoch auf einen Grundton bezogen sind. Diese Methode wird auch als Polyspektraltechnik bezeichnet.

Pelzel setzt dabei im Orchester unterschiedliche Gongs, Glockenspiele, Klangschalen und eine Glasharmonika ein, auch gefüllte Trinkgläser werden zum Klingen gebracht. Er erzielt dabei ganz besondere Klangeindrücke, z.B. von herabfließendem Wasser oder einer Lawine. Gezielt setzt er den warmen Klang der Kontrabassklarinette mit ihrem großen Tonumfang ein, von tiefen Brummgeräuschen bis zu Klängen, die an eine Trompete in den hohen Registern erinnert. Besonders in den Solopassagen zeigt Ernesto Molinari welche Klangmöglichkeiten in dem Instrument stecken.

Die zweite Uraufführung ist eine Komposition des in Wien lebenden und aus Venezuela stammenden Jorge Sánchez-Chiong. Es trägt den Schweizer Dialekt Titel „ZYT“ (Zeit), Game für CLEX Kontrabassklarinette, elektrische Gitarre, Turntables, verstärktes Orchester und Projektion. Eine Hommage an Albert Einstein, der unser Verständnis von Zeit revolutioniert hat. Dieses Werk bildet den Abschluss des Konzertabends.

Während in der Pelzel Komposition, der besonders Klang der CLEX zu erleben ist, werden in der Komposition „ZYT“ besonders die technischen Möglichkeiten des neuen Instrumentes deutlich. Die neue Kontrabassklarinette dient hier, neben der Tonerzeugung, als Spielcontroller für ein an die Bühnenwand projiziertes Computerspiel. Ernesto Molinari steuert mit der CLEX das Computerspiel, eine Klarinette als Joystick. Molinari greift unmittelbar in den Spielraum ein. Der Klangraum des Orchesters ist sehr genau ausnotiert, mit schnellen Tempowechseln und filigraner Rhythmik. Dies bildet die Basis für die freie Improvisation der Solisten:

Ernesto Molinari mit der obertonreichen Kontrabassklarinette, Martin Siewert mit dem Sound seiner E-Gitarre und nicht zuletzt der Komponist Jorge Sánchez-Chiong (JSX) selbst an den Turntables. Die drei Musiker spielen schon seit vielen Jahren zusammen. Stellenweise gibt es wahre technoartige Soundgewitter, begleitet von superschnellen Projektionen, die das Publikum nahezu hypnotisieren oder verstören. Die besonderen Klangqualität der Kontrabassklarinette CLEX ist für die ZuhörerInnen schwer auszumachen, da das verstärkte Orchester, Gitarre und Turntable Sound die Klarinette sehr überlagern. Es ist oft schwierig bis unmöglich die Klänge der einzelnen Instrumente zu differenzieren. Diese Komposition ist Neue Musik im wahrsten Sinne des Wortes.

Dagegen wirken die beiden Werke von Schönberg und Nono (Incontri, 1955) wie handzahme Klassiker. Dabei war die Kammersymphonie Nr.1 E-Dur, op. 9 (1906/1912) von Schönberg ein Skandal und hat in Wien für Aufregung und Widerstand gesorgt. Die Instrumentierung mit fünfzehn Soloinstrumenten, zehn Bläsern und fünf Streichern war vor 100 Jahren eine Provokation.

Als drittes älteres Werk spielen die MusikerInnen der Sinfonietta die „Serenata Nr. 2 (1954) für 11 Instrumente von Bruno Maderna. Ein heiteres eingängiges Werk, basierend auf einer sehr individuellen Auslegung der Zwölftonmethode, das mit seinen hellen Klangfarben einen Hauch von Sommerabend in den Konzertsaal bringt.

Neben der Kontrabassklarinette CLEX und den Solisten haben vor allem die ausgezeichneten MusikerInnen der Basel Sinfonietta unter Leitung von Duncan Ward für die gelungene Umsetzung der Kompositionen gesorgt. Ein sehr besonderer Saisonabschluss. Das vorläufig letzte Konzert der Sinfonietta im Konzertsaal des Stadtcasinos, das nun umgebaut wird. Die Konzerte der nächsten Saison finden deshalb an wechselnden Orten in Basel statt.

Infos zum neuen Programm: http://www.baselsinfonietta.ch/