Neue Musik

Tree Of Codes |

Reality is only as thin as paper

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Paul Leclaire

Köln, 14.04.2016 | Vogelgezwitscher und Maschinengeräusche. Ein Arbeitstag in einem Labor beginnt. Ein Landstreicher krabbelt in den Raum. WissenschaftlerInnen kommen zur Arbeit, ziehen sich um und tragen weiße Kleidung, zum Teil Schutzmasken. Auf den Tischen liegen Musikinstrumente, Masken und eine riesiger Vogelkopf. Ein verwirrter alter Mann, der am Tropf hängt betritt unsicher gehend das Labor und wird herumgeführt.

Es bleibt dem Zuschauer überlassen zu deuten, um was für ein Labor es sich handelt und welche Berufsgruppe dort arbeitet.

So beginnt der erste Akt der Oper „Tree Of Codes“ von Liza Lim, eine Auftragsarbeit der Oper Köln, des Ensemble Musikfabrik und Hellerau-Europäischen Zentrum der Künste Dresden. Das Libretto und die Musik stammen von Liza Lim, eine der führenden KomponistInnen Australiens.

Die Handlung der Oper lehnt sich an das Cut Out Buch „Tree of Codes“ von Jonathan Safran Foers an. Der aus den Erzählungen des polnischen Autors Bruno Schulz „Die Zimtläden“ durch Herausschneiden von vielen Worten, eine neue Geschichte konzipiert hat.

Der Text wird in Englisch gesungen und deutsche Untertitel werden auf Tafeln projiziert.

Die mysteriösen Leute in den weißen Kitteln werden von Mitgliedern des Ensembles Musikfabrik Köln gespielt, bzw. sie spielen auch die Musik der Oper. Liza Lim hat die Musiker aus dem Orchestergraben auf die Bühne geholt. Sie agieren, spielen ihre Instrumente Vokalisieren und bilden am Ende einen Chor. Auch die Sopranistin Emily Hindrichs und der Bariton Christian Miedl sind Laboranten in weißen Kitteln. Der Gesang der beiden ist oft sehr lyrisch, hat aber auch dunkle Untertöne, besonders im dritten Akt. Dort wird die unheilvolle Atmosphäre noch verstärkt in dem Goethes Erlkönig in Deutsch gesprochen, in den Gesang eingefügt wird. Eine besondere Figur ist der alte Vater, der offensichtlich bereits tot ist und dessen Tod der Sohn nicht akzeptieren kann. Er singt und spricht nicht, aber sein ausgemergelter Körper und sein Spiel lassen die Vergänglichkeit handgreiflich werden. Einige Szenen mit dem Vater könnten auch Assoziationen zur Passionsgeschichte Jesu aufkommen lassen.

Märchenhafte Dinge geschehen, so verwandeln sich Menschen in Bäume oder Vögel.

Zeitgenössische Musik, begleitet die Handlung auf der Bühne. Die Blechbläser spielen auf Instrumenten mit Doppelschalltrichter, deren doppelte Kapazität auch voll eingesetzt wird.

Eine Strohbratsche, Daumenklaviere, ein hochkant stehendes verstimmtes Klavier, eine riesige Subkontrabassflöte, Nasenflöte und weitere Instrumente werden gespielt.

Immer wieder sind Naturgeräusche, Vögel oder Frösche zu hören.

Liza Lim sagt: „Wenn es so etwas wie eine `Story` gibt, dann geht es darin um die Wesen unseres Lebens wie auch unseres Todes angelegte Vergänglichkeit, Ebenso aber auch um die Sehnsucht nach Intensität, Strahlkraft und Erleuchtung.“

„Was das Publikum angeht, so hoffe ich, dass die Zuschauer unterschiedliche Dinge sehen und unterschiedliche Aspekte der Geschichte wahrnehmen werden (…).“

Die wirkmächtigen Bilder, die immer wieder entstehen, begleitet von intensiver und doch nicht überexpressiver Musik, lassen die ZuschauerInnen ganz in das Geschehen der Oper eintauchen. Die Bewegungen sind eher ruhig und machen Entwicklungslinien in der Handlung nachvollziehbar. Die Handlungen, Bilder und die Klänge bilden eine Ganzheit die sich über die Zuschauer legt und sie ganz vereinnahmen. Die Musik allein, ohne die visuellen Aspekte, ist kaum vorstellbar. Erst als die Akteure nach 80 Minuten ihren Arbeitstag beenden und sich wieder umziehen und gemeinsam singend die Bühne verlassen, tauchen die ZuhörerInnen langsam wieder aus dieser Oper auf. Wer eine stringente Handlung sucht, der wird sich schwer tun, wer sich auf die unterschiedlichen Handlungsaspekte einlässt und sich der sinnlichen Wirkungen von Musik, Gesang und Handlungsbildern hingibt, der wird reich belohnt.

Eine großartige, moderne Oper, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Termine: Do 14.4. Mo 18.4.Mi 20.4. (letzte Aufführung), jeweils 19.30

Oper Köln, Im StaatenHaus, Köln Deutz,

http://www.oper.koeln/de/