Festivals in NRW

Muss man an Pfingsten nach Moers? |

46. moers festival

Text: moers festival

Moers, 07.04.2017 | 24 Konzerte an vier Tagen in der Festivalhalle, dies erwartet die Besucher der 46. Ausgabe des moers festival vom 2. bis 5. Juni 2017. Eine Neuerung sind weitere musikalische Hauptacts in der Innenstadt.

Der neue künstlerische Leiter des moers festival Tim Isfort spürt mit seinem neuen Team dem Geist des Festivals nach und sucht nach Wegen, die Idee von 1972 in die verschachtelte heutige Festivalzeit zu übertragen. In einer betont improvisierten Pressekonferenz präsentiert er diese Idee – oder war doch alles geplant? Während der PK wurde live das neue Festivalplakat gezeichnet, aus den Redebeiträgen entstand in Echtzeit eine Soundcollage, Passanten zelteten spontan neben dem Podium und Boote auf dem Rhein fuhren mit Plakaten, auf denen Bandnamen standen, am Ufer auf und ab. Plötzlich war überall in Düsseldorf nur noch zu lesen: moers festival, Moers, Mörzz ...

Der Moerser Bürgermeister Christoph Fleischhauer betonte die Bedeutung des Festivals für die Stadt. Er verwies darauf, dass seit 45 Jahren Musikfans aus aller Welt an den Niederrhein kommen, um die neuesten musikalischen Trends und Entwicklungen zu erleben. Den Rhein im Hintergrund stellte er Länderschwerpunkte des diesjährigen Festivalprogramms vor, in dem Künstler von allen Kontinenten vertreten sind.

Beim Aufspüren musikalischer Trends im Koordinatensystem zwischen Free, Avantgarde, zeitgenössischer Improvisierter Musik, Elektro, Pop, World, Noise und Drone suchte Isfort mit seinem Team nach Künstlern, deren Haltung, Energie, Innovationsanspruch oder Virtuosität den Geist von Moers ins Heute übersetzen.

Das vorgestellte Programm ist ein Spiel mit den Extremen. Die lauten und die feinen Töne unterschiedlichster US-Legenden wie SWANS oder Anthony Braxton stehen gleichberechtigt nebeneinander. Ausnahmevirtuosen wie Eric Lewis (ELEW) teilen sich den Backstage-Bereich mit der belgischen Punkband Cocaine Piss. Yegor Zabelov (BY) spielt Akkordeon zu einem Stummfilmklassiker, die Gruppe Battle Trance (US) auf vier Tenorsaxophonen – beide finden sich in hymnisch wabernden Minimal-Teppichen wieder. Superstars wie Brian Blade spielen mit der Erwartungshaltung des Publikums, junge Bands wie De Beren Gieren (BE) oder Philipp Gropper’s Philm (DE) zeigen beeindruckende künstlerische Reife.

Seitenblicke nach Myanmar, Belarus oder in den Kongo schicken das Publikum auf eine akustische Entdeckungsreise, während The Bad Plus (US) mit scheinbar vertrauten Hörgewohnheiten spielen. Mit Julien Baker (US), Mette Rasmussen (DK) und Oathbreaker (BE) stellt Moers junge Trends aus ganz verschiedenen Stilrichtungen vor. Mit Vertretern der Free Music wie Miller’s Tale (CH/ JP/ GB),

Keune/ Lash/ Noble (DE/ GB) oder dem zeitgenössischen Streichquartett Quatuor Brac (FR) ist auch die Avantgarde der Improvisierten Musik einmal mehr in Moers zu hören.

Der improviser in residence 2017 John-Dennis Renken hat mit TRIBE (DE/ AU) eigens für das moers festival ein neues Ensemble zusammengestellt. Ein Wiedersehen gibt es mit der ehemaligen Improviserin Carolin Pook, die mit einem Streichquartett und dem New Yorker Trio SPACEPILOT eine kosmische Zeitreise nach Moers macht.

Zu den spannendsten Momenten gehören für Isfort die Orchesterstücke von Ingrid Laubrock – „Vogelfrei“ in einer Europapremiere und „Contemporary Chaos Practices“ in einer Weltpremiere. Die „Chaos Practices“ sind eine Auftragsarbeit für das moers festival und werden mit 35-köpfigem Orchester (EOS Orchester Köln unter der Leitung von Susanne Blumenthal), Chor und hochkarätigen New Yorker Solisten in Moers einstudiert und uraufgeführt. Dieses Großprojekt wird von der Kunststiftung NRW gefördert. Mit dem Dub Trio aus Brooklyn wird der diesjährige ausgewachsene Schwerpunkt New York im Festivalprogramm abgerundet.

Jan Klare, verantwortlich für die moers sessions (früher morning sessions), wirft einen Blick nach Flandern und präsentiert die lebendige, vielfältige Szene unserer Nachbarländer. Moers war auch immer das Experiment, das unerwartete Zusammentreffen; mit der neuen Reihe discussions forciert das moers festival einzigartige musikalische Begegnungen, wie beim Aufeinandertreffen von David Moss, Jaap Blonk, Catherine Jauniaux und José Bode. Improvisiert? Geplant? Ist die Moerser Idee von 1972 noch erlebbar?

Um eine derartige Fülle an unerwarteten Begegnungen, Unerhörtem und frischem Festivalgeist zu erleben, muss man also nach wie vor nach Moers kommen.

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