Interview

"Auch Formate können Jazz sein" |

Thomas Wessel zum APPLAUS

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 09.11.2017 | Zu den diesjährigen Preisträgern des Musikpreises ‚Applaus’ zählt die Bochumer Livemusik-Reihe ‚urban urtyp’ in der Christuskirche. Heinrich Brinkmöller-Becker nimmt dies zum Anlass, mit dem engagierten „Hausherrn“ Thomas Wessel ein Interview zu führen.

Herzlichen Glückwunsch zum Applaus-Preis 2017 für die Reihe ‚urban urtyp‘. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Applaus? Das ist, wenn man Hände halbwegs rhythmisch ... urban urtyp? Ach das ist, wenn man Musik nicht in Sparten schlägt oder in Szenen. Die Idee ist, sich beim Musikhören zu fragen, ob es urban klingt, was man hört, oder eben nicht. Da saßen dann ein knappes Dutzend Leute zusammen, die sich vorher nicht so doll kannten und reichlich unterschiedliche Vorlieben hatten und sehr gewisse Abneigungen, also: Abneigungen musikalischer Art, und dann haben alle nach und nach ihre Musik mitgebracht und haben gehört und mussten am Ende zugeben, dass urban auch das klingt, was man selber eben gerade noch nicht wirklich mochte. Und umgekehrt, dass Musik, die man selber mag, zwar schön ist und sonstwas, aber deshalb noch lange nicht urban. Und dann natürlich ein Drittes, diese Erfahrung bestätigt dir jeder: dass es Musik gibt, die nie aus einer Vorstadt raus kommt, Metal z.B..

Wie lange macht ihr genau was? Was ist daran „qualitativ anspruchsvoll, trendsetzend und kreativ“ - wie es in der Begründung der Jury heißt?

Fing Mai 2010 an. Da war hier ja überall Kulturhauptstadt, aber urban urtyp (uu) war eigentlich mehr so ein „Wir machen das, obwohl wir Kulturhauptstadt sind.“ Gut, das wird Dieter Gorny jetzt nicht so als trendsetzend verstehen, aber eigentlich könnte er es doch: Bei uu haben wir mit dem "urban" von Anfang an die Ruhrstadt gemeint. Es ging immer um das Verhältnis von Stadt und Musik, nur um ein "Haupt" ging es nie, uu hat keines, deshalb funktioniert es ja.

Wie organisiert ihr die Reihe?

Mit viel ohne. Ohne Boss, ohne Intendant, ohne künstlerischen Leiter. Und das ist der Punkt, das ganze Betriebsdenken fällt weg, es gibt keine Ressorts, keine Zuständigkeiten, keine Rangeleien und Hinterzimmer und all das. uu heißt: Wer da ist, ist da, entscheidet mit und arbeitet mit, damit das, was alle entschieden haben, auch wirklich auf die Bühne gebracht wird. Und ebenso vice versa: Wer geht, geht. Es gibt keine Verpflichtungen außer die, für die man selber einsteht, keine Mitgliedschaft, kein Vorsingen ...

... kann jeder und jede jederzeit kommen?

Ja, wir sind jederzeit zu entern, das Konzept ist relativ wehrlos. Aber wohl deshalb so wach und lebendig und neugierig. Sobald es hier die erste Betriebsnudel gibt, machen wir dicht.

Was für ein Publikum gewinnt ihr damit?

Ein waches? Lebendiges? Neugieriges?

Zurück zu der Frage: Was ist daran "qualitativ anspruchsvoll"?

Was ist Qualität? Wenn Musik anspricht? Wir hatten Newcomer hier, die irren vermutlich noch heute auf ihrem Griffbrett herum, aber es war ein toller Abend. Und wir hatten Profis, die hochprofessionall an uns und allem vorbei gespielt haben. Qualität entscheidet sich nicht so sehr beim Spielen von Musik, sondern beim Hören.

-Was ist an urban urtyp anders als bei den Jazz-Konzerten? Warum unterscheidet ihr das Format?

uu ist Jazz und beim nächsten Mal Elektro und dann Ambient und dann wieder Jazz und dann Post usw., DAS ist anders. Darum auch die Leute, die sich das anhören und dann wieder nicht, die kommen ja nicht nur wegen just diesem Jazz, der an just diesem Sonntag spielt, sondern einige kommen auch, weil sie just diese Musik an just diesem Sonntag gerade nicht kennen. Es kommen Leute, und das ist toll, das ist wie im Team, wenn wir zusammen sitzen und Musik hören, es kommen Leute, denen die Musik erst einmal gar nichts sagt, der Name, der Stil, die Beschreibung, das sind alles böhmische Dörfer oder auch abgedimmte Aversionen oder eben dieses Gefühl: keine Ahnung, was das ist und warum mich das was angehen soll, ich gehe trotzdem hin. Der größte Feind aller Musik ist die Gleichgültigkeit, und wenn wir tatsächlich - eigentlich müsste ich mal im Team fragen, ob wir sowas tatsächlich sein wollen - wenn wir tatsächlich trendsetzend sind, dann damit, dass wir versuchen, der Gleichgültigkeit zu begegnen. Sind die schönsten Momente bei uu, wenn Leute, auch wir selber, abends rausgehen und sagen: Ach, das ist das und so geht das und so geht mich das an.

Ist das Format unabhängig vom ‚Applaus'-Preis erfolgreich? Übertragbar?

Schwierige Frage. Auch weil keiner Lust hat bei uns, Empfehlungen auszusprechen oder rumzulaufen, als gäbe es das, einen Formatentwickler. Das Schöne an dem "Applaus" ist, dass damit gerade diese Unabhängigkeit prämiert wird, diese Losgelöstheit und Unübertragbarkeit, gibt es das Wort? Auch Formate können Jazz sein und improvisiert. Und das ist womöglich das, was abfärbt auf die anderen Konzerte, die wir in der Christuskirche haben. Im Grunde zielt uu auf so ein angenehm diffuses Gefühl von „Kannste immer mal hingehen, da gibt es was, was du nicht kennst.“

Ihr seid besonders stolz auf eure „Staatsferne“, was Förderung angeht. Wie macht ihr das?

Was Ferne angeht, ist der "Tatort" am entferntesten. Was "Staatsferne" angeht, gibt es einen Trick: keine Förderanträge stellen. Täten wir es, drückte es auf die Stimmung, und dabei ginge es nicht einmal um Geld, es ist eine Frage des Stils. Bei uns im Team gibt es Leute, die sagen, sie sähen es jedem Programm an, ob gefördert oder nicht, und siehe, es stimmt, staatliche Förderung legt sich wie Mehltau über Programme. Okay, gilt nicht generell, nehm ich zurück, den letzten Halbsatz, kann aber auch stehen bleiben. uu ist, kulturpolitisch gesehen, ein Beispiel dafür, dass es, wenn man von Staats wegen Kultur fördern will, nicht darum gehen kann, Künstler zu fördern oder gar Projekte, dass es auch nicht darum gehen kann, so zu tun, als würde man Publikum fördern - das ist ja zuerst und vor allem ein Schlag ins Gesicht für jeden, der eine "kulturell ermäßigte" Karte kauft, und für alle anderen ist es das doch auch, diese Leistungsschau am Schalter, an dem man sich dem Staat gegenüber outen muss, dass man eine Vorliebe hegt für diese oder jene Musik, nur um sozial eingepreist zu werden und dann erst in den Genuss einer Ermäßigung zu kommen, die den Genuss der Musik vorab verleidet, weil sie das, was man mag oder mögen könnte, vorab auf die Sozialhierarchie umgelegt hat: bei Adorno damals ging es noch um den Tauschwert der Musik, die jeden Gebrauchswert überlagert, in der Staatskultur heute geht es um den Sozialtarif der Musik, die den Tauschwert überlagert, und das ist, von der Musik aus betrachtet, noch absurder, was funkt der Staat denn da jetzt in den Geschmack hinein? - wo war ich? sondern dass es um das gehen müsste, was man jetzt Framing nennt. Der Staat soll Hausmeister bezahlen, keine Künstler. Er soll Voraussetzungen schaffen, keine Kunst.

Da ist der "Applaus" denn ja ein perfekter Preis für Euch: Verliehen wird er nur an "unabhängige Spielstätten".

Was bedeutet, dass die dauergeförderten dies gerade nicht sind: "unabhängig". Schon verblüffend, dieser Staatspreis.

Wie setzt ihr das Preisgeld von 7.500 € ein?

Wir diskutieren noch. Und, nein, die simple Antwort, dieses Wir-geben-alles-für-die-Künstler, wird es nicht geben, im uu-Team denken wir alle viel simpler: Wie kriegen wir den Aufbau hin, immer mehr Bandscheiben sind hinüber, solche Dinge.