CD-Rezension

Asian Fields Variations |

Traumhafte Jazz-Kammermusik

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 11.09.2017 | In Nordrhein-Westfalen sind die drei herausragenden Vertreter des französischen Jazz schon häufig aufgetreten, allerdings nie zusammen als Trio. Dies gilt übrigens auch für ihre zahlreichen Duo-Projekte und Veröffentlichungen. Jetzt ist mit Asian Fields Variations dem Klarinettisten Louis Sclavis, dem Violonisten Dominique Pifarély und dem Cellisten Vincent Courtois zum ersten Mal eine gemeinsame Aufnahme gelungen - und die hat es in sich. Die elf Stücke der CD aus der Feder eines jeweiligen Trio-Mitglieds sind bei aller Verschiedenheit Preziosen der Jazz-Kammermusik, feinst abgestimmte intime Miniaturen, bei denen die Unterscheidung der Anteile von Komposition und Improvisation obsolet wird. Bereits der Opener Mont Myon lässt als 3-Teile-Suite die Kunst erahnen, notiertes Material zu improvisatorischen „Freigängen“ mutieren zu lassen. Auf einem Orgelpunkt des Cellos spielen Klarinette und Violine ruhige Linien, im zweiten Teil hört man ein erratisches Tutti, im dritten Teil dominiert eher die Violine. Das Titelstück der CD basiert auf fernöstlichen Motiven, die virtuose Klarinette entwickelt zu ostinatem Muster der beiden Streicher variationsreiche Dauerläufe, im Laufe des Stückes übernimmt Vincent Courtois den Solo-Part mit einem energisch gezupften Cello, ein ebenso schnelles Violin-Solo schließt den kammermusikalischen Reigen. Bezeichnend ist diese Form des gleichberechtigten Zusammenspiels für das gesamte Album: Kein Trio-Mitglied hat eine herausgehobene Position, alle drei beziehen sich gleichberechtigt und ausgesprochen feinfühlig aufeinander und übernehmen in dem Trio ohne Rhythmusinstrument mal die Lead-Rolle und nutzen hochvirtuos ihre solistischen Freiräume, mal stellt man sich in den Dienst der harmonischen und rhythmischen Begleitung. Diese fein austarierte Balance erzeugt zusätzlich durch die Multiperspektivität der unterschiedlichen Handschrift der drei Musiker eine wunderbare musikalische Tiefe der Interaktion.

Eine Zuordnung zu einer musikalischen Richtung fällt bei Asian Fields Variations schwer, zu eigensinnig gehen die Kompositionen mit ihrem Ausgangsmaterial um und kreieren eine faszinierend rätselhafte Musiksprache, die verschiedene kulturelle und musikhistorische Strömungen aufgreift und diese zu einem eigenen Ausdruck verdichtet. Neben weltmusikalischen Einflüssen atmet diese Musik in den Harmonisierungen und dem polyphonen Spiel „klassische“ Traditionen genauso wie den rhythmischen Impact etwa eines Stravinski bis hin zu Einflüssen des Free Jazz mit zum Teilverstörendem Interplay wie z.B. in dem kurzen Titel Digression, der einzigen von allen drei Musikern verantworteten Komposition. Die kleine Besetzung lässt gerade in diesem intimen Rahmen eines Trios entrückte Szenerien zu, die die Musiker erkennbar zum Teil selber überraschen und bei aller Erfahrung zu weiteren überraschenden Transzendierungen ihres musikalischen Wirkens animieren. Traumhaft.

Louis Sclavis, Dominique Pifarély, Vincent Courtois: Asian Fields Variations. ECM 2504