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Jazz mitten im Atlantik |

19. Angrajazz

Text: Christoph Giese | Fotos: Jorge Monjardino

Angra do Heroísmo, 13.10.2017 | Das Kultur- und Kongresszentrum ist kreis rund. Kein Wunder, stand da vorher doch eine Stierkampfarena. Miguel Cunha hat das Gebäude gestaltet. Der Architekt von der Azoren-Insel Terceira ist auch einer der Köpfe des Festivals „Angrajazz“, das jetzt seine 19. Ausgabe über die Bühne des Kultur- und Kongresszentrums brachte. Viel Publikum strömte an jedem der vier Konzertabende. Auch wenn Jazz während des Jahres nicht so eine große Rolle spielt auf der Insel – zum „Angrajazz“ kommen die Leute, längst schon auch von den anderen Azoren-Inseln und vom portugiesischen Festland.

Das Festival hat aber auch was zu bieten. Das heimische „Orquestra Angrajazz“, 2002 gegründet und seitdem immer beim Festival vertreten. Die große Bigband mit Amateurmusikern der Insel unter der allerdings professionellen Leitung von Claus Nymark und Pedro Moreira bot mit ihren Arrangements von Stücken von Tadd Dameron, Thelonious Monk oder Dizzy Gillespie eine sehr nette Einstimmung auf das Festival. Richtig aufregend wurde es aber erstmals beim Duo Baptiste Trotignon & Minino Garay. Der französische Pianist und der argentinische Perkussionist wandelten in pulsierenden Dialogen durch Tangos, brasilianische Rhythmen und populären Musical-Themen und verquickten das alles mit Jazz und stellten ihre große Virtuosität dabei immer in den Kontext von Musikalität, von gleichberechtigtem Miteinander. Wie melodisch Garay dabei trommelte. Und wie sensibel dieses Duo auch zu spielen verstand.

In diesem Jahr wäre Thelonious Monk 100 Jahre alt geworden. 1959 spielte der eigenwillige Pianist mit seinem Orchester das legendäre Town Hall-Konzert, das jetzt das „Charles Tolliver Tentet“ in den originalen Arrangements von Hall Overton auf die Festival-Bühne in Angra do Heroísmo brachte. Und wer dann einen so famosen Altisten wie Todd Bashore in der Band hat, der muss als Zuhörer keinen Phil Woods wie beim Original vermissen. Tolliver selbst hielt sich mit dem Spielen zurück, lenkte mehr sein famoses Ensemble, das der Musik von Monk mit vielen schönen Momenten eine große Ehre erwies.

Das „Ensemble Super Moderne“ besteht aus acht Musikern aus dem Raum Porto. Seit drei Jahren spielt man als Band zusammen Wer sich supermodern nennt, der weckt natürlich Erwartungen, die diese Formation aber lässig erfüllt. Denn sie präsentiert sich auf Terceira als ausgewogene Einheit, die keinem bestimmten Sound oder Etikett hinterher hechelt, sondern aus unterschiedlichen Einflüssen einen eigenen, vitalen Bandsound schafft. Ist der modern oder gar supermodern? Er bietet dem Zuhörer auf jeden Fall spannende Momente zwischen Improvisation und kollektiver Interaktion, zwischen krummen Metren und Fusion-Anleihen und zwischen Augenblicken, die kurz auch mal ein wenig zu konstruiert und verkopft wirken, sich dann aber wieder wunderbar auflösen in eine packende Klangsprache.

Den meisten Applaus während der vier Festivaltage aber bekam Yilian Cañizares. Die in der Schweiz lebende kubanische Sängerin und Geigerin verwöhnte mit ihrem Mix aus Kuba und Jazz, der zwischendurch immer mal auch ein wenig spirituell angehaucht war. Zudem weiß die Dame, wie man ein Publikum anspricht. Da wirkte der das Festival abschließende Auftritt des famosen Quartetts von US-Saxofonist Jon Irabagon auf den ersten Blick richtig bieder, was aber überhaupt nicht der Fall war. Denn diese Truppe kann richtig heißlaufen, mächtig swingen und nach vorne preschen. Ein feiner finaler Schlusspunkt unter ein Festival auf einer landschaftlich wunderschönen Vulkaninsel, die neben guter Musik noch so viel mehr zu bieten hat.