CD-Rezension

Sweet Reason |

Subtiler Duo-log von Uwe Oberg und Heinz Sauer

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 13.12.2017 | Und wieder ist der Altmeister des deutschen Jazz, der unermüdliche Saxophonist Heinz Sauer, in einer neuen Duo-Aufnahme zu hören , aktuell mit dem Titel Sweet Reason. Seine Duo-Einspielungen etwa mit den Pianisten Bob Degen (Ellingtonia Revisited, 1979) und mehrere mit Michael Wollny aus den letzten Jahren sind von Publikum und Kritik überschwänglich aufgenommen worden. Während Letzterer altersmäßig im Enkel-Status gegenüber Heinz Sauer stehen dürfte, ist Uwe Oberg (Jg. 1962) eher Mitglied der Folgegeneration des Altstars. Diese generationellen Zuordnungen sind bei Heinz Sauer jedoch eh obsolet, spielt er unbeirrt und unverkennbar „seinen“ Sound und assimiliert diesen, ja: kon-genial mit dem der jeweiligen Mitspieler.

Ein gemeinsamer Auftritt beim Festival in Peitz im letzten Jahr gab den Ausschlag für die auch klanglich perfekte Aufnahme dieses feinen Duo-logs unmittelbar nach dem Live-Konzert im Spreewald.

Der Albumtitel verweist auf ein kleines Tal im Taunus („Süßes Gründchen“), das beide Musiker verbindet, es unterstreicht unabhängig vom regionalen Aspekt eine Wesens- und Seelenverwandtschaft, die den elf Stücken der CD auch deutlich anzuhören ist. Ohne Ausprobieren, ohne Probe sind so zum größten Teil musikalische Miniaturen im freien Spiel entstanden. Eingerahmt werden die Improvisationen von einer, wie Uwe Oberg es nennt: „Minimal-Komposition“ (First Chant und Temporary Last Chant). Der rätselhaft suchend-tastende Wesenskern ihres Musizierens, wie er für das gesamte Album charakteristisch ist, wird hier bereits deutlich. Bei Leuchtende Nachtwolken bläst Sauer über fließende Disharmonien des Pianos klare Läufe, ähnlich in dem kurzen besinnlichen Song Ursa Minor, das ein wenig an Monk erinnert. Due To... arbeitet mit wunderbar aufsteigenden Linien von beiden Instrumenten, in Reste von Licht hebt das Tenorsaxophon zu einem klagenden Ton an. Das dem gleichnamigen Gemälde von Johannes Heisig gewidmete Hafenrundfahrt nimmt musikalisch die düster-bedrohliche Bilderwelt des neoexpressionistischen Malers und seines 2016 entstandenen bildlichen Kommentars zur Flüchtlingsthematik auf. Mit überblasenem Fanfaren-Stoß beginnt das Stück, begleitet von wuchtigen Griffen im Bass und Diskant des Klaviers, es folgen sich überschlagende Läufe des Saxophons mit dem typischen Sauer-Klang in seiner kräftig geblasenen Fragilität und exklamierend-expressiven Stimme. Das 3-teilige Twombly – vom Titel her eine Reverenz gegenüber dem abstrakt-expressionisten Maler – gehört mit Weiter zu den längeren Albumstücken. Es beginnt mit einem frech-kecken Auftakt, der übergeht in einen rätselhaft klingenden Teil mit Bassbegleitung auf gedämpften Saiten, während der Schlussteil von Saxophon-Rufen geprägt ist, die von einem glockenspielartigen Piano mit schnellen Läufen im Diskant umspielt werden.

Die einzige „Fremdkomposition“ des Albums, Bloodcount, stammt aus der Feder von Billy Strayhorn, sie ist die letzte Komposition des Ellington-Pianisten. In der Version von Oberg und Sauer fügt sie sich wundersam ein in den gesamten Albumstil. Dieser ist in Sweet Reason eigentümlich geprägt von zwei Ausnahmemusikern, die sich statt eines virtuosen Overkills einer Konzentration auf den Klang verpflichtet fühlen, einer Kunst des Andeutens und Weglassens, ohne in abstrakter Höhenluft atemlos zu werden.

Uwe Oberg erweist sich wieder einmal als ein Gratwanderer im zeitgenössischen Jazz zwischen Jazz und neuer improvisierter Musik mit erkennbar „offenem“ neugierigen Geist fernab von dem der Hochschul-Gewächse oder „-Züchtungen“. In dem intensiven Sound des in diesem Monat 85 Jahre alt werdenden Heinz Sauer schwingt die Ahnengalerie der großen Tenorsaxophonisten mit und verschafft uns wieder ein Duo-Spiel von vitaler Schönheit. Fantastisch!

Uwe Oberg, Heinz Sauer: Sweet Reason. Jazzwerkstatt 183.