CD-Rezension

Duo im Doppelpack |

Zwei spannende Duo-Alben

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Düsseldorf, 17.11.2017 | Das Düsseldorfer Label JazzSick Records veröffentlicht gerade zwei hörenswerte Duo-Alben, wie sie unterschiedlicher in ihrer Stilistik und in ihrem (musik-)kulturellen Bezug nicht sein können: Hodgepodge Vol. 1 mit der Vokalistin Inga Lühning und dem Bassisten André Nendza und Eismetallen von dem Duo Shatabdi, mit Johannes Lemke am Altsaxophon und Jarry Singla am Piano und indischen Harmonium.

Das Song-Album Hodgepodge Vol. 1 wird in der Auswahl der Stücke seinem Titel voll und ganz gerecht, handelt es sich in der Tat um einen bunten Mischmasch von Songs völlig unterschiedlicher Provenienz: Wer hätte gedacht, dass Paul Simon, Franz-Josef Degenhardt, Ron Sexsmith, Michael Jackson mit Eigenkompositionen „harmonierten“? Inga Lühning und André Nenzda nehmen dieses Wagnis auf – und es gelingt. Garant dafür sind eine gute Stimme, ein rhythmisch-klanglich perfektes Bass-Spiel und ein ebensolches Timing – erweitert um eine raffiniert eingesetzte Vielzahl von Zusätzen wie Loops, Klatschen, Pfeifen, Kazoo, Fingerschnipsen, Bass-Schlitztrommel, Stimm-Perkussion. Die Fassung von Graceland etwa schält die Essenz des Songs konzentriert heraus, Secret Heart von Ron Sexsmith wird – zum Teil gepfiffen – auf eine einfache Songstruktur gebracht, Michael Jacksons Blame it on the boogie ist in einer aufgeweckten spritzig-frischen Version zu hören. Degenhardts Wölfe mitten im Mai und Vorstadtfeierabend – Letzteres auf dem E-Bass begleitet – sind als interessantes Experiment zu werten, Songmaterial aus einem in die Jahre gekommenen politischen Kontext ins Jazzidiom zu transferieren. Die Eigenkompositionen aus der Feder der Sängerin decken eine bestimmte Bandbreite ab: das ruhig-besinnliche Deep Water oder das optimistisch-ansteckende Sunmaker; auf das deutschsprachige Entfernung mit eher gewöhnungsbedürftiger lyrischer Ausrichtung folgt Take heart und belegt, dass der englische Text sich eher als hörkompatibel erweist. Die Titel von André Nendza Brainworks, No reason und das mit Anne Hartkamp zusammen komponierte Before sunrise sind Ausdruck einer entspannten Leichtigkeit, die nicht zuletzt wegen des wundervoll sonoren und kultiviert-eleganten Bass-Spiels von André Nendza mit seinen raffiniert variierten Bass-Linien und der damit kreierten rhythmisch-harmonischen Struktur dem gesamten Album zu eigen ist. Auf das Vol. II darf man gespannt sein. Dem Toningenieur Christian Heck ist zu verdanken, dass er die Live-Aufnahme aus dem Kölner Loft perfekt gemischt hat und damit ein durchweg rundes Musikerleben ermöglicht.

Derselben Location mit demselben Toningenieur entstammt die Live-Aufnahme Eismetallen von Shatabdi. Der Saxophonist Johannes Lemke und der Pianist Jarry Singla kreieren jedoch eine gänzlich andere Musik, die sich im weitesten Sinne der Weltmusik verpflichtet fühlt. Im über elf Minuten dauernden Titel-Stück bläst Johannes Lemke in weiten Bögen ein Thema, das das Piano zunächst ostinat umspielt und in den Musikkosmos von miminal music überführt. Der Titel Shatabdi gibt dem Duo den Namen und ist Programm für den interkulturellen Ansatz des Duos: Eine auf einem indischen Raga basierende Melodie – auf dem indischen Harmonium eingeführt – wird im europäischen Sinne harmonisiert, über einer rhythmisch komplexen Struktur klingt die einfache Melodiestimme des Altsaxophons flötengleich. Ähnlich pulsierend stößt im balladesken Tendu nordindische Rhythmik auf eine an Bach gemahnende Kontrapunktik. Die im weiten Hallraum geblasene Klage auf dem Altsaxophon erreicht in Tumburu einen expressiven Höhepunkt. Ein eher impressionistisches Piano-Spiel repetiert unisono mit dem Saxophon ein „indisches“ Motiv, aus dem sich im zweiten Teil des Stücks eine zupackend-frische Weise entpuppt. Be cheerful entwickelt aus einer eingängigen heiteren Melodie eine rhythmisch zupackende Ballade. Nach diesem ergreifenden Song endet das Album mit dem ruhig-elegischen Malev, das von Lemke im Geiste von Griegs Peer Gynt-Suite komponiert ist.

Shatabdi atmet unterschiedliche Musikeinflüsse und überführt diese in einen eigenen Klangkosmos. Hierbei gestalten die beiden Musiker virtuos und ideenreich ihre musikalische Reise, die gerade dem Duo ein hohes Maß an Konzentration und Musikalität abverlangt.

Inga Lühning, André Nendza: Hodgepodge Vol. 1. JazzSick Records 5100 JS

(erscheint am 24.11.2017)

Konzert des Duos übrigens am 17.11.2017 in der Düsseldorfer Jazzschmiede

Shatabdi/ Johannes Lemke & Jarry Singla: Eismetallen. JazzSick Records 5107 JS

(erscheint am 08.12.2017)