Interview

Ein vielversprechender Neuanfang |

Gespräch mit den Organisatoren des RuhrJazzFestivals

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 04.04.2018 | Das RuhrJazzFestival in Bochum erlebt am kommenden Wochenende im Kunstmuseum Bochum nach 22 Jahren Zwangspause seine Wiederauferstehung. Das Festival findet vom 6.- 8. April 2018 statt. Heinrich Brinkmöller-Becker interviewt dazu die Organisatoren des Festivals: Ulli Blobel (UB, jazzwerkstatt), Martin Blume (MB, Musiker) und Sepp Hiekisch-Picard (SHP, Kunstmuseum Bochum).

Könnt ihr kurz erläutern, wie es zu einer Neuauflage des RuhrJazzFestivals kam?

UB: Ich bin seit vielen Jahren Abwesenheit von Westdeutschland nach Wuppertal zurück gezogen und wollte gerne hier etwas machen. Wuppertal kommt nicht in Frage, mein Freund Schmidtke organisiert dort Konzerte, dann gibt es den ORT – Peter Kowald e.V. und den Skulpturenpark, so entsann ich mich, lange ist es her, das Ruhr- Jazzfestival einst, ich denke 1986, gegründet zu haben. Ich gab es nach fünf Jahren auf, weil ich nach New York gegangen bin. Wollte für länger dahin, das war jedoch eine dumme Idee. Martin Blume hatte seinerzeit übernommen, so rief ich ihn vor einem Jahr an und erfuhr, dass das Festival seit langem nicht mehr existiert. Trotzdem haben wir uns getroffen, über eine Neuauflage gesprochen. Nun ist es da!

MB: Ich glaube sogar, dass Ulli das Festival zum ersten Mal 1985 gemacht hat. Ich jedenfalls habe es 1989 zum ersten Mal organisiert.Wir konnten das Festival 1996 nicht mehr weiterführen, da sich der WDR als wichtiger Geldgeber zurückgezogen hatte, so dass für mich nur noch die Organisation von kleineren Konzertreihen blieb, die mit weniger Etat auskommen. Die Initiative zum Revival des RJFs ging von Uli aus, der mich davon überzeugt hat, unsere Kräfte für einen Neustart zu bündeln, zumal dies eine Chance darstellt, dass sich die bestehenden Konzertreihen und das Festival gegenseitig befördern und wir so für die Tradition zeitgenössischer Improvisierter Musik in Bochum und im Kunstmuseum wieder eine neue breitere Öffentlichkeit erschließen können.

SHP: Als das Kunstmuseum 1983 mit dem Anbau der dänischen Architekten Bo und Wohlert neu eröffnete, wurde der Forumssaal das Herzstück des Museums. Die Durchmischung der verschiedenen Künste, wie Film, Theater, Musik, Konferenzen, Vorträge und Feste sollte im Stile eines skandinavischen Kulturhauses die Hauptaufgabe der Institution - das Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Dokumentieren moderner und zeitgenössischer Kunst - flankieren. 1984 startete hier der Bochumer Klaviersommer, die Keimzelle des heute weltberühmten Klavierfestival Ruhr. Und hier war auch der Ort für das Ruhr Jazz Festival. Als Ulli Blobel und Martin Blume auf mich zukamen mit der Idee eines Neustartes des RJF war ich sofort dafür, umso mehr, da wir aktuell nach Möglichkeiten suchen, das Kunstmuseum auch als Ort für Musik in Bochum präsent zu halten, nachdem die Bochumer Symphoniker im Brost-Musikforum eine angemessene Spielstätte gefunden haben und auch die Thürmer-Klavierkonzerte nicht mehr bei uns gastieren. Jazz und improvisierte Musik sind seit vielen Jahren fester Bestandteil des Veranstaltungsprogramms in unserem Haus - mit dem RJF wird dieses Profil bekannter und konturierter.

Was ist das frühere und das jetzige Profil des RJF? Gibt es Parallelen, Unterschiede?

UB: Das Profil seinerzeit war, die Breite des zeitgenössischen Jazz zu präsentieren. Ornette Coleman Prime Time war da, Lester Bowie Brass Fantasy, Ginger Baker, Sonny Sharrock, Peter Brötzmann, Leo Smith im Quintett, Toshinori Kondo und ganz am Anfang Theo Jörgensmann mit Barre Phillips und Paul McCandless, eine Reunion des aus der Gründerzeit des Free Jazz stammenden Irene Schweizer Trios mit Peter Kowald und Pierre Favre, natürlich das Grubenklangorchester und viele mehr.
Martin hat dann in seiner Dekade andere Schwerpunkte gesetzt. Jetzt kommen beide Profile zusammen, und wir werden erst sehen, wie es passt.

MB: So sehr verschieden waren die Schwerpunkte gar nicht. Auch zu meiner Zeit gab es eine große Bandbreite des zeitgenössischen Jazz und der Improvisierten Musik, dabei war das Konzept immer, die Ruhrgebietsszene im nationalen und internationalen Kontext zu präsentieren. Wir hatten mehrere Gruppen mit Georg Graewe, Eckard Koltermann, Theo Jörgensmann, aber auch mit Peter Kowald, Peter Brötzmann. Daneben z.B. Steve Lacy, Louis Sclavis, Irene Schweitzer, Myra Melford, Franz Kogelmann, Barry Guy, Evan Parker und Werner Lüdi mit dem Blauen Hirsch.

Was hat sich in der Musik-/Jazz-/Festival-Landschaft seitdem verändert? Wie geht das RJF darauf ein?

UB: Wir haben viele neue Festivals in Deutschland, jedoch eine schwachbrüstige Klublandschaft. Wir haben besser organisierte Musiker, aber zu wenig Geldmittel als Veranstalter, um diesen Umständen angemessen zu begegnen. Das ist so und wir können wohl nicht darauf eingehen. Das ist auch nicht unsere Aufgabe als Veranstalter eines kleinen Jazzfestivals.


MB: Das stimmt. Dazu kommt, dass die Festival- und Klublandschaft immer „mainstreamiger“ wird. Deshalb finde ich die Bochumer „Alternativen“ besonders wichtig.

SHP: Wichtig wäre für mich, dass das RJF keine einmalige Veranstaltung wird, sondern ein fester und sehr eigener Bestandteil der Musikszene im Ruhrgebiet. Akzeptanz und Erfolg dieser ersten Neuauflage sind dafür sicher wichtig und wegweisend, aber man muss auch die recht knappe Vorbereitungszeit sehen, die für die Beschaffung zusätzlicher Mittel über Förderanträge, Sponsoren etc. kaum ausreichen konnte. Das RJF ist ein Experiment, kein Fertigprodukt...

Ihr seid ja in unterschiedlichen Rollen an dem Festival beteiligt (Veranstalter/Musikproduzent - Musiker - Museumsvertreter). Was sind eure - unterschiedlichen - Anteile am Zustandekommen des Festivals, an der Organisation und Durchführung?

UB: Jeder trägt seinen Anteil am Gedeihen des Ruhr-Jazzfestivals. Martin Blume und ich sind gemeinsam Kuratoren des Programms, wobei er für die Ruhrjazzszene verantwortlich zeichnet und ich für selbstgestellte Programmkonzepte darüber hinaus. Meine jazzwerkstatt ist dann auch noch Veranstalter und zeichnet für die Promotion und für den kaufmännischen Teil.

MB: Wir ergänzen uns da sehr gut.

Hat die Neuauflage auch etwas mit dem allgemein konstatierten Jazz-Revival zu tun? Wenn ja, wie nimmt das Programm darauf Rücksicht?

UB: Ich bemerke kein Jazz-Revival. Nach wie vor kämpfen extrem viele Musiker um wenig Jobs. Junge Musiker stehen auf der Bühne, alte Fans sitzen im Saal. Da ist nichts besser als früher. In Berlin wird es langsam anders und besser. Hier nicht.
Das Programm entstammt den Köpfen der Kuratoren, Außenwirkungen werden bewusst oder unbewusst aufgenommen, so wie im normalen Leben. Ein Programm, das auf etwas Rücksicht nimmt, hätte den falschen Ansatz.

MB: Vom Jazz-Revival merke ich im Bewusstsein der Öffentlichkeit auch nichts, das liegt aber auch daran, dass diese Musik in den Medien noch weniger präsent ist als früher. Aber die Musikerszene ist lebendig und vital, es gibt immer mehr tolle junge Musiker, die es verdienen, neben den alten Heroen präsentiert zu werden.

Nach welchen Kriterien habt ihr das Programm zusammengestellt?

UB: Programmkuratoren arbeiten unterschiedlich und gehen mit dem Thema Programmgestaltung auf ihre eigene Weise um, einige schauen nach Populärem, andere bedienen ihre Klientel, und die meisten sehen zu, die Bude auf einfache Weise voll zu bekommen.
Leider konnte ich meine Programmideen nur im Ansatz realisieren. Hinsichtlich der dafür notwendigen Geldmittel sind wir auf Landesebene NRW gegen geschlossene Türen gelaufen.

Ich nehme mir eigentlich immer Themen vor. In diesem Jahr war es Monk und Weill. Leider ist das Programmkonzept wegen fehlender Honorarmittel zusammen gebrochen. Fragmente wie das Wolfgang Schmidtke Orchestra mit Songs von Thelonious Monk und Gianluigi Trovesi & Gianni Cascia sind geblieben. Zu allen Festivals unter meiner Feder werden verdienstvolle „Veteranen“ eingeladen, Rolf Kühn und James Blood Ulmer in diesem Jahr nach Bochum. Aus Respekt und weil sie immer gut sind.

MB: Ich kuratiere ja die Ruhrgebietsszene, und da wollte ich neben den Klassikern "German Clarinet Duo" vor allem die junge sehr vitale und gut vernetzte Ruhr-Szene präsentieren, die im wesentlichen aus dem Umfeld von The Dorf stammt.

Adressiert ihr mit dem Programm ein bestimmtes Publikum?

UB: Ich hätte das Programm gerne breiter aufgestellt, als es jetzt im Kunstmuseum ist. Und wenn dann mehr Leute kämen, wäre es wunderbar.

MB: Ich hoffe, dass viele offene und neugierige Menschen den Weg zum Festival finden und jenseits von festgelegten Bewertungen und Schubladen eine spannende und komplexe Musik erleben, die für Offenheit und Toleranz steht.

Gibt es persönliche Highlights?

UB: Schmidtke Orchestra! Wir machen um Bochum noch Konzerte im Wuppertaler Opernhaus und in der Elbphilharmonie. Rolf Kühn Unit, hier ist auch unbedingt die Band mit Ronny Graupe, Johannes Fink, Christian Lillinger zu nennen und die junge englische, in Berlin lebende Pianistin Julie Sassoon.

MB: Die Highlights kann ich erst im Nachhinein benennen, ich freue mich auf alle! Außerdem ist das eigentliche Highlight schon das Festival selber!

Was sind Parallelen/Unterschiede zu anderen Festivals?

UB: Das soll eines Tages das Publikum bewerten.

MB: Und die Kritiker. Oder die Musiker.

Was passiert nach dem RJF?

UB: Wir werden monatlich Konzerte im Kunstmuseum durchführen, mal Martin Blume, dann ich. Und vom 12. – 14. April 2019 findet das nächste Ruhr-Jazzfestival statt.