" Nach dem Urteil der Jazzpolizei dürfte es mich gar nicht geben" |

Götz Alsmann und Ferdinand Schwarz im Gespräch

Text: Michael Vogt

Hürth, 29.09.2018 | Seit seiner Gründung hat sich der Jazzclub Hürth e. V. explizit der Förderung junger Musiktalente und vielversprechender Instrumentalisten verschrieben. Unter anderem unterstützte und begleitete der Verein in der Vergangenheit Gitarristen wie Joscho Stephan und Marius Peters, die heute anerkannte Musiker auf ihrem Gebiet sind. Förderung ist aus Sicht des Jazzclubs auch nötig, denn die Situation für freischaffende Jazzmusiker in der Region gilt nicht als ideal. Oft lautet der Tenor, dass die Politik zwar sehr viel Geld dafür aufwende, die Ausbildung von Jazzmusikern zu ermöglichen. Für die Szene, in der die Künstler danach berufstätig sein sollen, stelle sie aber nur unzureichende Mittel zur Verfügung. In diesem Zusammenhang sprach der Jazzclub im Vorfeld der 24. Hürther Jazznacht mit dem zwanzigjährigen Trompeter Ferdinand Schwarz und dem bekannten Sänger, Pianisten und Entertainer Götz Alsmann. Beide treten am 29. September bei der Jazznacht im Bürgerhaus auf. Im Gespräch gingen sie der Frage nach, was sich für junge Jazzmusiker, denen der Großteil ihrer Karriere noch bevorsteht, in den letzten Jahrzehnten verändert hat – oder auch nicht.

Ferdinand Schwarz, braucht man heute viel Optimismus, um in eine Karriere als Jazzer einzusteigen?

Schwarz: Sicher braucht man Optimismus, andererseits muss man aber auch möglichst nahe an der Realität bleiben. Es ist schließlich nicht einfach. Entsprechend bin ich in den letzten Jahren vor allem zwischen Optimismus und einem leicht ironischen Pessimismus hin und her geschwankt. Das hat sich allerdings inzwischen verändert und meine positive Sicht hat übernommen – letztlich ist das eine Sache der Einstellung.

Sie befinden sich noch am Anfang ihrer Karriere. Was, meinen Sie, war früher anders als heute? Schwarz: Natürlich weiß ich das nicht genau, denn damals habe ich nicht gelebt. Ich stelle mir aber vor, dass es zu der Zeit, als jemand wie Götz Alsmann angefangen hat, richtige Pionierarbeit war, sich mit Jazz durchzusetzen. Die große Jazz-Szene, die wir heute haben, gab es damals sicher nicht.

Herr Alsmann, schätzt Ferdinand Schwarz das richtig ein?

Alsmann: Als ich 1974 anfing, war ich vor allem im Bereich des Oldtime Jazz tätig und vollkommen losgelöst von den Vertriebsmöglichkeiten des modernen Jazz. Die Situation war insofern völlig anders, als Oldtime Jazz damals die Nr. 1 der Kneipenbeschallung in Studentenstädten war. Es gab vielleicht noch ein wenig Folk und Bluegrass, aber moderner Jazz fand – wenn überhaupt – eher bei Museumsmatineen oder Konzertreihen der Kunstvereine statt. Dort traten ausschließlich arrivierte Künstler auf, die modernen Jazz spielten, während das Publikum hauptsächlich aus anderen Musikern bestand. Ich habe hingegen immer auch jazzähnliche Musik mit deutlich unterhaltenderem Gestus wie etwa Rockabilly gemacht. Im modernen Jazz zu unterhalten, war aber damals noch vollkommen verpönt. Es war der vielleicht miesepetrigste Ansatz dem Publikum gegenüber: Sobald das Publikum klatschte, guckte man pikiert. Ein Hochamt des – übrigens oft nicht besonders gut gespielten – Jazz wurde da zelebriert, und bei jedem Konzert saß dann die sogenannte Jazzpolizei da, um zu gucken, ob man denn nun wirklich den wahren Jazz spielte. Diese Zeiten scheinen aber nun vorbei zu sein.

Wann änderte sich die Situation?

Alsmann: Anfang der 1980er Jahre gab es urplötzlich eine dramatische Zunahme des Livemusik-Geschäfts im Zuge von New Wave, Neue Deutsche Welle, Punk Rock, Indie usw. In diesem Zusammenhang öffneten auch immer mehr Clubs moderneren, jazzorientierten Musikern ihre Pforten. Danach kam ein weiterer Umbruch, als in den 1990er Jahren kleine Stadttheater und Kabaretts sich dem Jazz zuwandten. Das war ein Aufschwung der Livemusik, der irgendwie auch im Gegensatz zum Abschwung des verkauften physischen Tonträgers stand. Derzeit sagt die Veranstaltungsbranche, dass heute die beste Zeit für Live-Unterhaltung ist. Übrigens nicht nur für Musik, sondern auch für Pferdeshows, Kochshows, Comedy und dergleichen mehr. Der Bedarf ist sehr groß und davon profitiert sicher auch die Jazzmusik.

Also ein klarer Vorteil für die jüngere Generation. Wie sehen Sie beide die Rolle des Internets für Künstler? Das gab es 1974 noch nicht.

Schwarz: Ich glaube, das Internet lässt die Welt näher zusammenrücken. Ich kann mir vorstellen, dass es vor dem Aufkommen des Netzes viel schwieriger war, sich ein Bild von der internationalen Musik zu machen. Natürlich blickte man – und blickt im Jazz auch weiterhin – in Richtung USA. Während man damals aber in die Staaten reisen, ausgesuchte Konzerte in Europa besuchen oder sich um Platten bemühen musste, hat man heute über das Internet alles greifbar. Man kann nicht nur Musik hören und kennenlernen, sondern auch eine Menge Videos sehen und so von Künstlern lernen, die aktuell Musik machen oder aber auch schon lange Jahre nicht mehr leben. Man kann darüber hinaus auch ohne große Probleme mit Musikern aus anderen Kontinenten in Kontakt treten, ihnen einfach schreiben und Fragen stellen.

Bringt das Internet mit seinem riesigen Angebot nicht auch eine größere Konkurrenz?Schwarz: Das sicherlich. Das Internet hat letztlich zwei Seiten. Die Präsenz im Netz ist heute zu einem der wichtigsten Aspekte einer Karriere geworden. Auf Spotify machst du deine Musik zugänglich, nur damit du präsent bist und wahrgenommen wirst. Es geht um Image-Pflege, ohne die heute nichts möglich ist. Aber Image-Pflege bringt kein Geld ein – zumindest nicht direkt. Ich glaube, da gibt es tatsächlich einen riesigen Unterschied zu früher. Da konnte man mit einer CD oder einer Platte, die man aufgenommen hatte, noch richtig Geld verdienen.

Alsmann: Da muss ich widersprechen (lacht). Ich habe tatsächlich ein paar Platten gemacht, mit denen ich Geld verdient habe, aber die Majorität der Platten war eigentlich eher ein Grund, um auf Tournee zu gehen. Meine beiden Alben „Winterwunderwelt“ habe ich ca. 120.000 Mal verkauft, die meisten anderen lagen deutlich drunter. Selbst von meiner Platte „In Paris“, die sehr lange ihn den Charts war, habe ich vielleicht 50.000 Stück abgesetzt.Dabei würde jeder denken, dass eine Platte, die in den Charts platziert ist, sehr gut verkauft wird.

Alsmann: Der Eindruck drängt sich auf. Allerdings bilden die Charts nur ab, wie sich ein Tonträger innerhalb einer Woche verkauft. Das lief bei meinen Platten dann in etwa so: Eine Platte kommt raus, man dreht seine Runde durch die damals wichtigen Shows von Harald Schmidt oder Stefan Raab, und dann marschieren die Leute los und kaufen sich die Platte. Das sind dann innerhalb kurzer Zeit so viele, dass es für eine Platzierung in den Charts reicht. In der dritten oder vierten Woche ist davon aber nichts mehr zu sehen. Wissen Sie, wie viele Alben Sie verkaufen müssen, um in den Top 10 der US-Klassik-Charts zu landen?

Nein...

Alsmann: 200! Es ist ein Witz.

Man lebt also eher vom Konzert?

Alsmann: Selbst ein Künstler, der nie Schwierigkeiten hatte, von seiner Musik zu leben, kann sich nicht allein mit Platten über Wasser halten. Natürlich hat mir das Fernsehen dabei geholfen, auch als Musiker Tickets zu verkaufen. Oft bin ich bei meinen Konzerten seit Jahrzehnten der erste TV-Moderator, der in der örtlichen Stadthalle auftritt. Da ist das Publikum neugierig. Gleichzeit muss man aber auch sagen, dass der Applaus vor den Zugaben eher mit der letzten halben Stunden des Konzerts zu tun hat, als damit, dass mich das Publikum aus dem TV kennt. Und wenn das Publikum dann ein Jahr später wiederkommt, hat es nur noch mit der Musik zu tun.

Welche Rolle spielen ehrenamtliche Vereine wie der Jazzclub Hürth bei der Karriere junger Jazzkünstler?

Schwarz: Aus meiner Sicht eine sehr große Rolle, denn sie machen eine hervorragende Arbeit für den Jazz und junge Musiker. Vor allem bei einem Verein wie dem Jazzclub Hürth, wo Menschen ehrenamtlich tätig sind, aber auch gleichzeitig ein Publikum erreichen, liegt eine ganz wunderbare Struktur vor, die der Musik und auch jungen Künstlern Chancen eröffnet, wo die staatlichen Strukturen sich vielleicht zurückziehen.

Zumindest was die Ausbildung junger Musiker angeht, gibt es hingegen eine Zunahme des öffentlichen Engagements.

Schwarz: Das ist richtig, dadurch kommen jedoch nicht zwangsläufig mehr Jobs zustande; und auch das zur Verfügung stehende Geld wird ja nicht mehr. Für mich ist das aber kein Grund, aus der Musik auszusteigen. Ich lerne bei meiner Arbeit so spannende Musiker kennen, die mich als Künstler und Menschen faszinieren – das möchte ich nicht verpassen. Natürlich weiß ich, dass die Lage nicht immer gut ist. Aber Jazz ist eine Kunstform, die so kreativ ist, in der so viel Energie und Optimismus von vielen Menschen rund um den Globus drinsteckt – ich finde, da könnte die Förderung gerade auch für die Szene ruhig größer sein. Ähnlich wie bei der Klassik.

Herr Alsmann, sehen Sie das ähnlich? Braucht der Jazz eine Förderung wie die Klassik?

Alsmann: Ich habe da eine etwas brachiale Sicht der Dinge: In der Klassik werden traditionell auch seit ewigen Zeiten großartige Musiker ausgebildet, die davon träumen, eine Karriere als Soloviolinist zu machen. Am Ende landen viele aber doch für kleines Geld im Streichertutti eines Orchesters. So ist es halt. Da kann man letztlich nur mit den Achseln zucken. Und von der öffentlichen Hand geförderte Rockmusik? Musik war für mich immer eine so individuelle Angelegenheit, dass ich mich eher unwohl gefühlt hätte, Teil einer dermaßen überbordenden Struktur zu sein.

Herr Schwarz, wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund Ihre beruflichen Perspektiven ein?Schwarz: Ich weiß, dass mich die Musik immer bereichern wird, ob dabei am Ende aber viel Geld rumkommt, ist eine ganz andere Frage (lacht). Es wird auf jeden Fall sehr viel Arbeit sein.

Apropos, gibt es einen weiteren Beruf im Hintergrund?

Schwarz: Nein, ich bin voll in die Musik eingestiegen. Gerade komme ich ins dritte Jahr meines Studiums hier an der Musikhochschule in Köln. Ich glaube, so richtig hat mich das Musikmachen mit 15 gepackt. Und seitdem ist es etwas, das mich sehr erfüllt und meine ganze Zeit in Anspruch nimmt. Aber ich gebe sie auch wirklich gerne her. Herr Alsmann, was würden Sie einem jungen Musiker wie Ferdinand Schwarz für seine Zukunft raten?Alsmann: Das ist sehr schwierig! Man muss immer auch bedenken, welche Funktion man in so einer Band hat. Ich war bis auf ein Jahr immer Bandleader, habe auch meist gesungen und Ansagen gemacht. Für mich war die Position ein Himmelbett verglichen mit der mancher Kollegen, die im Hintergrund spielen und deren Namen am Abend vielleicht einmal genannt werden. Am Ende kann man allen nur den Rat geben: Horcht in euch rein und macht das, was ihr für richtig haltet! Wenn ich mich nach dem Urteil der Jazzpolizei gerichtet hätte, dürfte es mich gar nicht geben. Wenn ich nach der reinsten Lehre gespielt und den Vorbildern nachgeeifert hätte, die andere mir vorschreiben wollten, wäre ich nirgendwohin gekommen.

Götz Alsmann, Ferdinand Schwarz, vielen Dank für das Gespräch!