CD-Rezension

Invisible Threads |

Ein Juwel an fokussierter Trio-Musik

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

München, 16.02.2018 | Mit wem er in seiner langen Laufbahn alles musizierte, welche verschiedenen Stilistiken er dabei umsetzte, kann hier nicht aufgeführt werden. Mit seinem neuen Album Invisible Threads stellt der 73-jährige Brite John Surman ein neues Trio vor, das in seinem Zusammenkommen und auch in der Instrumentierung ungewöhnlich ist: Zum Trio gehören der brasilianische Pianist Nelson Ayres und der US-Amerikaner Rob Waring am Vibraphon und der Marimba. Letzterer lebt, wie Surman, in Norwegen. Der Brasilianer kommt kurz vor der Aufnahme dazu. Nach nur fünf Tagen geht das Trio zur Aufnahme ins Osloer Rainbow Studio und produziert ohne Rhythmusgruppe ein ganz besonderes Album, ja: ein Juwel an fokussierter Musik. Wenn entsprechende Instrumente oder „exotische“ Klangfarben angekündigt sind, löst dies vielleicht einen gewissen Weltmusik-Reflex aus. Nicht bei Invisible Threads: Das Album ist weit entfernt von einem Buhlen um weltmusikalische Exotik, stattdessen setzt das Trio auf die universellen Werte von Musik, wie sie in der Folklore verankert sind.

Die zwölf Kompositionen des Albums stammen bis auf eine aus der Feder von John Surman, der - sieht man vom Bass-Saxophon und dem Sopranino ab – die klanglichen und spielerischen Extrema aus der Instrumentenfamilie des Adolphe Sax, das Sopran- und das Bariton-Saxophon, mit einer für ihn typischen Klarheit, Wärme und Agilität spielt. Das gleiche gilt für die Bass-Klarinette, die Stücken wie Within The Clouds oder On Still Waters eine geerdete Spannung verleiht.

Der Opener At First Sight beginnt mit einer kantablen hymnischen Beschwörung und hat den Charakter eines Folksongs. Er gibt mit dem klar und „singend“ gespielten Sopransax den Grundtenor eines Albums vor, das dem melodischen Spiel mit leicht verzauberter Melancholie verpflichtet ist.

Auch Autumn Nocturne hat einen starken Song-Charakter. Es handelt sich um ein traurig-schönes Stück in Moll, der melancholische „Nocturne“-Ansatz wird von einem fließenden Rhythmus getragen. Die Schönheit des Songs entwickelt sich aus einem einfachen Motiv, das sich im klanglichen und harmonischen Zusammenspiel von Klavier und Vibraphon zu einem eleganten Resonanzraum aufschwingt. Nicht nur vom Titel her ist Autumn Nocturne ein Gegenpol zum Summer Song, einer Komposition von Nelson Ayres. Summer Song stellt einen verspielt-tänzelnden Song dar, seine ¾-Takt-Fröhlichkeit erinnert ein wenig an Alpenfolklore. In der atmosphärischen Dichte fügt es sich jedoch kongenial dem Stil des Gesamtalbums.

Der Trauergesang Byndwee beginnt mit einer singfähigen Melodie durch das Piano, das Vibraphon greift diese auf, es entwickelt sich ein schöner Dialog zwischen den beiden Instrumenten. Erst später kommt das klagende und spritzige Sopran-Sax dazu und passt sich mit seiner Stimme dem beschwingten Song wunderbar an. Das in unterschiedlicher Tonhöhe von Bass-Klarinette und Marimba gespielte Thema mit verhaltener Akkordbegleitung durchs Piano lässt in The Admiral eine beschwörende dichte Atmosphäre entstehen. Das nach brasilianischen Obstbäumen benannte Pitanga Pitomba setzt mit einem virtuosen Schlägelspiel Rob Warings auf der Marimba ein, Klavier und versetzt kommen das Sopran-Saxophon hinzu, mit dem Surman dem Stück einen schwelgend-kecken Swing verleiht. Ein weiterer „exotischer“ Hauch ist in Concentric Circles spürbar, bei dem Rob Warings rhythmisch vertracktes Marimba-Spiel deutlich von seinem Bali-Aufenthalt inspiriert ist. Herrlich dezent fügen sich Ayres’ Klavier und ein leichtfüßiges Bariton-Sax in den lockeren Spielfluss ein.

Das synkopierte Titel-Stück mit Surman am Bariton-Saxophon zeigt noch einmal die ganze Kunst des Trios, die verschiedenen musikalischen Ansätze von Improvisation und Komposition zusammenfinden, sich treffen, spiegeln zu lassen. Ayres und Waring, selber herausragende Musiker und Komponisten, gelingt es, mit Invisible Threads im Trialog mit Surman eine Musik zu kreieren, die bei leicht pulsierendem Rhythmus verschiedene Motive zu einem eigenen musikalischen Geflecht verbindet, oder, um beim Album-Titel zu bleiben, gemeinsam einen unsichtbaren roten Faden spinnt. Sehr relaxed, mit einer Portion (Alters-)Humor entsteht eine ruhige, introvertierte Musik, die zum Inne-Halten geradezu auffordert, die ihre Kantilenen aus einer imaginären Folklore schöpft und sich dabei bis an die Grenze zur Gefälligkeit traut. Herausragend!

John Surman: Invisible Threads. ECM 2588