#29 Durch Klänge sehen |

Jon Hassell's neues Meisterwerk

Text: Karl Lippegaus

Köln, 11.10.2018 | Erinnerungen an den Moment, als du zum ersten Mal die Doppel-LP "Bitches Brew" aufklapptest. Die Irritation und Faszination der beiden Frauenbilder. Gut und Böse, Wo sind wir? Bei einem schweigsamen Maler aus Hamburg, dann Deià/Mallorca. Abdul Mati Klarwein (1932-2002), wahlverwandt und befreundet mit Jon Hassell aus dem inneren Zirkel um LaMonte Young. "Seine Maler ist immer meine Sorte von Musik gewesen." Klarwein bemalte auch die Covers für Miles' "Live-Evil", Santanas "Abraxas", Buddy Miles, Osibisa, Jackie McLean, bevor sie vor allem bei dem Trompeter auftauchten. Die Klarwein-Connection ist einer der Gründe, warum "Listening to Pictures" (Pentimento Vol. 1), ein unverhofftes Lebenszeichen nach neun Jahren erzwungenen Schweigens, ein solcher Triumph ist.

Das Cover ist eine Montage aus einem indischen Magazin, als Hassell nach der Kölner Zeit bei Stockhausen beim Sänger Pandit Pran Nath studierte. Darüber fließt wie ein Palimpsest ein Satelittenfoto des Blauen Nil, früher schon mal verwendet für das Kultalbum "Possible Musics: Fourth World, Vol. 1" (1980). Mit pentimenti (dt.: Reuestriche) sind einmal das Korrigieren, aber auch das Übermalen gemeint. Wie Picasso es in dem faszinierenden Film zeigt, auf eine Glasscheibe malend, hinter der Clouzots Kamera steht. Neun Jahre lang malte Hassell sich mit Trompete und Keyboards aus, was Klarwein sich als unentdecktes Land erträumte, fragmentierte und collagierte mit dem Morsesignal als heimlichem Leitmotiv. Um so das "vertikale Hören", das simultane Wahrnehmen viele Schichten zu befördern.

Den Maler Klarwein von den Balearen, der sich aus Protest gegen den nie endenden Krieg zwischen Israelis und Palästinensern den Beinamen "Abdul" gab. mit Jimi Hendrix befreundet war und von dem hier nie jemand spricht, hat Hassell, der aus Memphis war, zwei Jahre nach Elvis geboren, nie vergessen. Gerade mal ein Dutzend Hassell-Alben seit 1977, aber fast alle haben Klarwein-Covers. Verdankte er Mati dem Maler am Ende ihm die Flucht vor der verkopften Avantgarde? Mit fliegenden Fahnen hin zu Miles' "He Loved Him Madly", Ragas, LaMonte Young, Pygmäen-Polyphonie, Yma Sumac, João Gilberto. Jeder weiß, ohne Hassell kein "My Life in the Bush of Ghosts". Unter den Trompetern sind ihm Nils Petter Molvær, Arve Henriksen, Erik Truffaz und Mathias Eick verbunden – kein geringer Verdienst eines ewigen Außenseiters.

"Inzwischen haben sich so viele an Hassells Stil orientiert, dass es mal wieder Zeit war, den Lehrer statt die Schüler vorzustellen," meinte Manfred Eicher, der Produzent des Albums "Last Night the Moon..." (2008). Neun Jahre später "Listening To Pictures", sein komplexestes, elektronischstes Werk. Wenn es den Chefarzt der Serie "The Knick" in die Mott Street treibt, in die rot schimmernde Nachtwelt seines chinesischen Freundes, mit den langen Pfeifen und den jungen Kimono-Ladies – dazu könnte das der Soundtrack sein.

1968 war der Trompeter an Terry Rileys Columbia-Einspielunng von "In C" beteiligt. Für Chet Baker schuf Hassell für den Wim Wenders-Film "Million Dollar Hotel" einen bewegenden Grabgesang ("Cortège").Mit Alben wie "Vernal Equinox", "Aka Darbari Java" oder "Dream Theory in Malaya" driftete dieser ein hintersinniges Leuchten erzeugende Sound werweißwohin, ohne je abzustürzen.

Crazy ma non troppo. Übrigens, lange vor der #metoo-Debatte machte Jon Hassell für Warner Brothers ein einziges Album, für das er mit Hiphop flirtete und Telefonsex gleichsam mikroskopierte: "Dressing For Pleasure" (1994). Aber dieses unerwartete Comeback eines großen Soundtüftlers verweist vor allem auf die Debüt-LP zurück und Hassells Liebe zum Fremden: "Vernal Equinox" von 1977. Schon dieses Debüt hatte das gewisse Etwas, von dem Miles Davis sprach: "Show me, play something new - 'cause they have heard everything!" Allein mit "Slipstream" und "Manga Theme" lassen sich ganze Abende füllen, um akustisch in die visuellen Welten Mati Klarweins einzutauchen. Zweifellos eine der avanciertesten Soundscapes-Platten der letzten Dekade.

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Hörtipp:

"Listening To Pictures" (Pentimento, Vol. 1)" (CD/LP) Ndeya 1/Vertrieb: Rough Trade

Buchtipp:

David Toop, Ocean of Sound (Hannibal)

Karl Lippegaus, Die Stille im Kopf - Interviews und Notizen über Musik (E-book, Nieswand Verlag)