Interview

Mit Tom Harrell auf Europa-Tournee |

Ugonna Okegwo

Text & Fotos: Ingo Marmulla

Münster, 23.04.2018 | Am 2.Mai 2018 gastiert mit dem Trompeter Tom Harrell einer der großen amerikanischen Jazzkünstler unserer Zeit in Münster. Inzwischen 71 Jahre alt, blickt Harrell auf eine beispiellose Karriere zurück. In den Siebziger Jahren spielte er in den Bands von Horace Silver und Bill Evans, von 1983-1986 war er Mitglied des einflussreichen Phil Woods Quartett, das ihn zu dieser Zeit auch bereits nach Münster ins alte Landesmuseum führte. Harrell arbeitete ebenso mit Charlie Hadens Liberation Orchestra als auch mit John Scofield, Kenny Barron, Joe Lovano, Kenny Garrett und unzähligen anderen Jazzgrößen. Seit Ende der 80er Jahre sorgen seine eigenen Ensembles weltweit für Begeisterung. Dabei überrascht Harrell immer wieder mit seinem schier grenzenlosen musikalischen Einfallsreichtum, der ihn auch Jahr für Jahr in die vorderen Plätze der großen Jazz-Polls führt. In Münster präsentiert er sein neues Quartett mit dem Pianisten Danny Grissett, dem Drummer Adam Cruz und dem aus Münster stammenden Bassisten Ugonna Okegwo.

Um auf dieses Konzertereignis, das man als echter Jazz-Fan nicht verpassen sollte, aufmerksam zu machen, führte ich mit Ugonna in Mailform untenstehendes Interview.

Man weiß, wie schwer es ist, sich in NY mit seinem Instrument zu behaupten. Um so schwerer stelle ich mir vor, bei dieser Konkurrenz in Kreise solch exzellenter Musiker zu agieren. Wie bist du in die Band von Tom Harrell gekommen?

Wir haben zum ersten Mal mit David Sanchez’ Gruppe im „Vanguard“ zusammen gespielt. Tom war als Gast dabei, ich glaube das war 1996. Dann habe ich ’96 oder ’97 mit Leon Parker eine CD aufgenommen, bei dieser CD-Eispielung war Tom auch wiederum als Gast dabei war. Tom hat mich danach ein paar mal zu Proben und für Gigs angerufen, das hatte anfänglich terminlich nicht so recht gepasst. Im September 1997 hat es dann für einen „Birdland“-Gig endlich geklappt. Seitdem spielen wir in verschiedenen Besetzungen seiner Bands zusammen.

Erzähl doch mal was zu eurer Tournee durch Europa. Wo kann man euch hören?

Wir beginnen in Italien: Palermo, Ascoli Piceno, Castelfranco. Danach geht es nach Wien, Berlin, Milan und Neuburg. Nächste Station ist Polen (Wroclaw) und wieder zurück in die BRD: Reutlingen, Münster. Des Weiteren geht es nach Belgien und Frankreich: Liege, Heist op den Berg, Nizza. Dann zum dritten Mal nach Deutschland (Düsseldorf) und anschließend nach London und Paris. Die Tour endet in Spanien, in Sevilla.

Erzähle uns doch mal etwas über deine Mitmusiker.

Mit dem Pianisten Danny Grissett spiele ich seit ungefähr 15 Jahren zusammen, hauptsächlich in Tom’s Band. Er ist ein ausgezeichneter Solist und Begleiter, der sehr gut zuhört, und mit dem man wunderbar in der Rhythmusgruppe zusammen arbeiten kann. Den Schlagzeuger Adam Cruz kenne ich noch länger. Wir haben schon in den 90er Jahren in verschiedenen Gruppen zusammengespielt. Er war oft auch als Percussionist bei Leon Parker dabei. Er hat ein sicheres Gefühl für Rhythmus und Groove, hört sehr gut zu und spielt sehr einfühlsam. Auch mit Tom spielen wir schon seit ein paar Jahren in verschiedenen Besetzungen: häufig mit dem Projekt “TRIP und jetzt mit “Moving Picture”. Es macht großen Spaß mit diesen Musikern zu spielen. Es scheint mir, dass wir alle dasselbe oder doch ein sehr ähnliches Verständnis von Swing und Groove haben.

Wie gestaltet sich die Probenarbeit mit Tom Harrell?

Tom schreibt seine Kompositionen sehr detailliert. Die wenigen Anweisungen, die er bei den Proben gibt, beziehen sich hauptsächlich auf das Tempo. Mit anderen Worten: Er zählt ein, und dann wird gespielt. Er vertraut den Musikern. Er geht davon aus und erwartet, dass wir unsere musikalische Persönlichkeit in die Interpretation seiner Stücke einbringen. Man hat sehr viele Freiheiten. Verbunden damit ist natürlich ein hohes Maß an Verantwortung.

Bei unserm letzten Treffen charakterisiertes du die Musik von Tom Harrell etwa mit den Worten: Alles klingt scheinbar so einfach und natürlich, dennoch steckt in jedem Takt und in jeder Note so viel mehr ... Was zeichnet die Kompositionen von Tom Harrell aus?

In seinen Kompositionen, egal wie kompliziert oder komplex sie sein mögen, bemerkt man immer eine starke lineare Kraft. Zum Teil merkt man als Zuhörer gar nicht, wie involviert einige seiner Stücke sind, weil sie von einer charakterstarken Melodie getragen werden... und man merkt, dass er sich mit verschiedenen Ideen beschäftigt, die neue rhythmische oder harmonische Konzepte beinhalten. Oder er experimentiert mit verschiedenen Formen. Ich glaube, dass Tom manchmal auch musikalische Persönlichkeiten im Auge hat, wenn er komponiert, so wie es seinerzeit Duke Ellington gemacht hat. Er schreibt teilweise für bestimmte Bandmitglieder und er entwickelt sich als Komponist und als Improvisator ständig weiter.

Du spielst schon etliche Jahre in der Band. Gab es besondere Highlights, an die du gerne zurück denkst?

Ich spiele seit September 1997 in verschiedenen Aggregaten und Projekten mit Tom zusammen. Es gibt immer wieder neue Highlights, die mich musikalisch wie auch persönlich und emotional bewegen: Konzerte bei denen Tom besonders inspiriert spielt, wo die ganze Band gebannt mitgerissen wird. Das sind für mich sehr inspirierende Erlebnisse. ... Wenn die Gruppe gut aufeinander eingespielt ist und ein effektives Verständnis und Zusammenspiel auf der Bühne entsteht. Das kann die Musik und die Musiker selbst in eine andere Sphäre befördern.

Am zweiten Abend des ersten Engagements, das ich mit Tom gespielt habe, hat er gegen Ende des Konzertes einen anderen Trompeter einsteigen lassen. Als anschließend dann Tom’s Solo begann, hat er etwas so Unglaubliches produziert, dass ich gedacht habe: die Bühne hebt ab und schwebt... Solche Momente kommen nicht ständig aber immer wieder vor. Da spürt man die Präsenz eines Genie’s.

Gibt es neue CD-Projekte der Band?

Dieses Quartet “Moving Picture” ist ja derzeit das neueste CD-Projekt, und es ist für mich das erste Projekt, in dem Tom als einziger Bläser zu hören ist.

Wie sehen deine eigenen Projekte in NY aus?

Ich habe das Glück, dass ich an einigen Projekten beteiligt bin, die sich zu richtigen Bands weiter entwickelt haben:

Vor kurzem hatte ich einige Engagements mit einem Quartet, bestehend aus Scott Wendholt (Trompete), Adam Kolker (Saxophon) und Victor Lewis (Schlagzeug). Diese Gruppe besteht seit einigen Jahren. Und obwohl wir nicht allzu oft spielen, ist es immer wieder musikalisch sehr bereichernd. Alle steuern eigene Kompositionen zum Repertoire dazu. Es gibt von uns bislang nur eine CD: “andthem”. Wir hoffen aber bald eine weitere CD aufzunehmen zu können.

Eines meiner anderen favorisierten Projekte ist ein Quartett mit dem Altsaxophonisten Steve Wilson. Er nennt die Gruppe “Wilsonian's Grain” (in der Originalbesetzung mit Orrin Evans am Klavier und Bill Stewart am Schlagzeug). Obwohl es leider nicht so oft, wie ich es mir wünsche, vorkommt, dass wir zusammen spielen, ist es für mich immer sehr inspirierend. In dieser Gruppe bringen auch alle Mitglieder eigene Kompositionen ein. Wir haben im Januar eine Woche im Village Vanguard gespielt. Im November ist eine Europa-Tour geplant. Wir haben bisher eine CD veröffentlicht, die 2014 live im „Vanguard“ aufgenommen wurde. Es kommt - hoffentlich bald - noch „Volume 2“ dazu!

Du bist ja ganz schön beschäftigt und mit Leib und Seele New Yorker. Schaffst du es denn auch zwischendurch mal, deine „alte Heimat“ zu besuchen?

Das hängt im Großen und Ganzen von meinen Tour-Plänen ab, ich glaube im Durchschnitt dreimal im Jahr.

Konzerthinweis:

Tom Harrell’s Moving Pictures

2. Mai 2018, 20 Uhr, Münster

Auditorium des LWL Museums für Kunst und Kultur