Vokalsensation |

Youn Sun Nah Quintet

Text & Fotos: Vera Marzinski

Elmau, 09.08.2018 | Youn Sun Nah gibt dem traditionellen Jazzgesang eine neue Note. Mit ihrem Quintet gastierte sie auf Schloss Elmau

Sie ist eigenwillig und ganz speziell. Youn Sun Nah hat ein wahnsinniges Stimmspektrum. Sie ist in ihren Ansagen sehr zurückhaltend – fast flüstert sie ihre Titel. Aber sobald sie singt, kann man kaum glauben, welches Stimmvolumen da entsteht. Sie ist eine Vokalsensation. Aufgewachsen in Seoul in einer musikalischen Familie – der Vater Chordirigent, die Mutter Musical-Darstellerin – lernt sie früh Klavier zu spielen. Nach ihrem Abschluss an der Universität in Konkuk 1992 wird sie vom koreanischen Symphonieorchester eingeladen Gospel zu singen. Es folgten zahlreiche Auftritte in koreanischen Musicals und 1995 geht sie nach Paris. An der CIM, einer der ältesten Jazzschulen Europas, studiert sie Jazzgesang und französische Chansons. Um das Jahr 2000 macht Sie Ihre ersten Tourneen und sammelt Preise bei Wettbewerben, Festivals wie La Défense oder Jazz à Juan. Und nicht nur in Frankreich macht sie Karriere – parallel dazu auch in ihrem Heimatland Korea.

Auf Schloss Elmau fragt sie zu Beginn, ob jemand aus Korea im Publikum sei und ist sichtlich entzückt, als sie eine Dame meldet, die extra aus München angereist ist. Natürlich hat Youn Sun Nah auch ein traditionelles koreanisches Stück in ihrem Programm. „Kangwondo Arirang“ ist ein Liebeslied, bei dem Bassist Brad Christopher Jones ein gefühlvolles Solo auf seinem Kontrabass zelebriert. Sehr fragile ist das Piano-Solo von Frank Woeste zu „A sailor‘s life“ – mit einem sanften Anfang schaukelt es sich auf zu einer stürmischen See mit Möwenähnlichen Tönen von Youn Sun Nah am Schluss. Dies ist eins der Stücke von Youn Sun Nahs neuster CD „She moves on“. Aus dieser präsentiert sie außerdem an diesem Abend „Black ist he color of my true love’s hair“ und das Titelstück „She moves on“ von Paul Simon.

Seit 2007 tritt die Koreanerin mit Gitarrist Ulf Wakenius auf, von dem das „Momento Magico“ stammt. An diesem Abend übernimmt Tomek Miernowski den Gitarrenpart und gemeinsam mit Youn Sun Nah schenkt er im Duo den Gästen noch einen besonderen magischen Moment mit Leonard Cohens „Halleluja“ in einer Vokalsensation – besonders hier wird die Sängerin sanft und auch wieder powerful und erzeugt Gänsehaut pur. Ihr Quintet ist hochklassig – sowohl Gitarrist Tomek Miernowski, Pianist Frank Woeste, Bassist Brad Christopher Jones als auch Dan Rieser am Schlagzeug. Mit „Jockey full of bourbon“ von Tom Waits zeigt Youn Sun Nah zum Schluss noch einmal ihr wahnsinniges Vokal-Spektrum. Da klingt sie mal wie eine Operndiva und dann wieder wie eine Rocksängerin. Es ist also nicht erstaunlich, dass die internationale Presse über sie Dinge wie „Bezaubernd“, „Ganz große Kunst“ oder „Weltklasse-Gesang“ schreibt. Mit einer Eigenkomposition – „Lament“ – verabschiedet sich die Jazzinterpretin von einem begeisterten Publikum in Elmau, wo das Fünf-Sterne-Wellness-Hotel steht. Hier finden regelmäßig Kulturveranstaltungen statt. Von Klassik über Literatur und natürlich Jazz. So gastierten im Juli auch das „Giora Feidman Sextett“ und „Manu Katché“ hier – im August wird unter anderem das „Tord Gustavsen Trio“ sowie das „Nils Wülkler Quartet“ im großen Saal auf Schloss Elmau auftreten.