Jazz und Tanz

Wilderness tender |

Tanz und Musik beschwören die Wildnis

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Simon Camatta, Isabelle Wenzel

Essen, 07.03.2018 | Vom 1.-4.März verwandelt die Choreographin und Tänzerin Stephanie Miracle das Essener Maschinenhaus in eine zärtliche Wildnis, inspiriert von den naiven surrealistischen Bildern des französischen Malers Henri Rousseau (1844-1910).

Musikalisch begleitet wird sie dabei live von Emily Wittbrodt am Cello und Simon Camatta am Schlagzeug. Beide spielen zusammen in Jan Klares wild wachsender Großformation The Dorf.

Die Amerikanerin Stefanie Miracle war Tänzerin im Folkwang Tanzstudio und kehrt nun mit dieser Choreographie zum Folkwang zurück. Wilderness tender ist eine Kooperation zwischen Folkwang Tanzstudio und dem Maschinenhaus Essen.

Auf der Bühne liegen bunte Bettbezüge, in die sich neun junge Tänzer*innen hineinkuscheln. Es ist still im Raum, nur die Tänzer*innen unterhalten sich angeregt miteinander. Dann kriechen sie in die Bettbezüge und formen amorphe Gestalten. Das bunte Gewusel lässt Assoziationen an die farbenprächtigen Dschungelbilder des Autodidakten Henri Rousseau aufkommen. Nach und nach schälen sich die Tänzer*innen aus dem Bettzeug. Sie hängen die Bezüge an einen von der Decke hängenden quadratischen Wäscheständer, der dann langsam nach oben gezogen wird. Eine Erinnerung an den Ort, an dem der Tanz stattfindet, die ehemalige Maschinenhalle der Zeche Carl. So haben die Bergleute ihre Kleidern aufgehangen und hochgezogen, bevor sie Untertage fuhren. Der Fotokünstler Andreas Gurski hat dies in seinem berühmten Bild wiedergegeben.

Am Bühnenrand sitzen Emily Wittbrodt und Simon Camatta, die mit ihrer Musik nun einsetzen. Nur am Samstag sitzt Emily dort allein und das Schlagzeugspiel von Simon wird eingespielt, da er mit The Dorf in Bonn einen Auftritt hat.

Die Tänzer lösen sich aus der Gruppe breiten die Arme aus und bewegen sich wie ein Schwarm Vögel in einem zärtlichen Miteinander. Emily setzt am Cello Loops ein und vervielfältigt damit ihr Spiel. Die Musik erinnert an Urwaldgeräusche und erzeugt eine leicht unheimliche Spannung.

Die Tänzer*innen, alle bunt gekleidet, finden sich immer wieder zu Gruppen zusammen, lösen sich und bespielen den ganzen Bühnenraum. Die Tanzenden sind im Halbschatten, das Cello erzeugt knarzende und rauschende Klänge. Klassische Tanzbewegungen werden ebenso wie einige Hip Hop Moves eingestreut. Schlagzeug und Cello treiben die Bewegungen an.

Balzgehabe, kleine Revierkämpfe, Kopulationsbewegungen, Zärtlichkeit und Zank, alle Formen des Verhaltens von Tieren (und Menschen?!) werden im Tanz ausgedrückt.

Mit Gestik und Mimik wird die ganze Zeit eine Spannung aufrechterhalten. Die Tiere/Tänzer entdecken in der Ferne – im Zuschauerraum – etwas fremdes/feindliches? – schließen sich enger zusammen, reagieren gemeinsam. Ein längeres Schlagzeug Solo erzeugt eine hohe Dynamik, das Tempo wird erhöht, die Tiere/Tänzer*innen tanzen schnell durch den Raum, bilden Paare, lösen sich, springen, laufen, durchqueren die Bühne.

Großer Körpereinsatz – selbst bei Emily, die ihr Cello mit vollem Einsatz bearbitet. Dann ein abruptes Ende – Pause – Stille und wieder setzt das wilde Spiel ein.

Das Publikum ist völlig gebannt.

Die Tänzer*innen schließen sich nun eng zusammen, die Köper sind miteinander verwoben und bilden einen Gesamtorganismus. Es entstehen wieder viele eindrückliche Bilder. Die Tänzer*innen miteinander verknotet strecken Arme oder Beine in die Luft und bewegen sie rhythmisch. Assoziationen an Seeanemonen mit ihren Fangarmen, die sich im Wasser bewegen, entstehen. Der Organismus löst sich auf, in Einzelwesen, dann streben die Tänzer*innen wieder aufeinander zu und bilden ein neues einheitliches Wesen.

Die verwobenen Körper lösen sich voneinander und bilden nun eine Horde, die eng beisammen lagert. Aus der Gruppe wird ein lebloser Körper ausgesondert. Nun beginnt der letzte Teil des Stücks, ein streiten um den toten Körper, um die Beute. Einzelne ziehen den Körper zu sich heran, werden aber bedrängt wieder loszulassen. Es gibt kleine Kämpfe, Streitereien, nicht alles ist hier Wilderness tender. Aber dann findet sich die Horde und teilt sich gemeinsam die Beute. Noch einmal gerät das Rudel in Alarmbereitschaft, - dann ist Stille und der Tanz endet.

Das ganze Stück über wird eine Spannung aufrechterhalten, die sich erst etwas löst beim Spiel und Kampf mit und um die Beute. Dieser Part ist die einzige Stelle, die etwas kürzer hätte sein dürfen, aber bevor sie wirklich zu lang wird, endet das Stück.

Stephanie Miracle hat mit ihrer Choreographie ein surreales Dschungelbuch voller wirkmächtiger Bilder erschaffen. Haben sie und die Tänzer*innen vorher Tierfilme angeschaut? Bei aller Abstraktion, haben sie eine unglaubliche Nähe zu tierischem und menschlichen Verhalten hergestellt, manchmal mit einem Augenzwinkern.

Die Ensembleleistung steht bei der Choreographin im Mittelpunkt, es gibt keine längeren Solotänze. Durch die Betonung des Ensembles, werden die Bilder sehr verdichtet und atmen den Geist der surrealen Wildnis von Rousseau, auch wenn etwas Neues auf der Bühne entsteht.

Stephanie Miracle führt mit ihrem Tanzstück das Publikum in eine multimediale Henri Rousseau-Ausstellung. Die Bilder atmen und bewegen sich und vor allem Emily Wittbrodt und Simon Camatta lassen die Bilder klingen. Die Tänzer bewegen sich zur Musik, die Musik reagiert auf die Tänzer. Die Musik und der Tanz bilden eine Einheit. Der Maler Rousseau hat übrigens Klarinette gespielt. Aber auch wer die Bilder von Rousseau nicht kennt, wird durch Tanz und Musik in die Wildnis entführt.

Siehe auch das Gespräch mit Simon Camatta über Musik und Tanz:

http://www.nrwjazz.net/jazzreports/2018/Simon_Camatta_im_Gespraech_ueber_Tanz/

Weitere Infos:

www.folkwamg-tanzstudio.de

www.maschinenhaus-essen.de/