Happy Birthday Simon Nabatov |

60. Geburtstag mit der WDR Big Band

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 27.01.2019 | Die WDR Big Band wird mit großem Applaus im Stadtgarten begrüßt. Einen besonderen Beifall gibt es für Simon Nabatov, der mit der Big Band seinen 60. Geburtstag feiert. Als im Publikum “Happy Birthday“ angestimmt wird, winkt er ab. Er steht nicht gern als Person im Mittelpunkt, ihm ist seine Musik wichtiger. Einen Querschnitt seiner Musik aus 35 Jahren, spielt er mit der WDR Big Band unter Leitung von Christian Elsässer. Arrangiert wurden die meisten Stücke vom früheren Chefdirigenten der Big Band Michael Abene (2003-2014).

Eröffnet wird das Konzert mit dem Stück Three Stories One End aus dem gleichnamigen Album von 2000, dass von Christian Heck, der auch im Publikum ist, im LOFT aufgenommen wurde. Simon Nabatov zeigt schon im ersten Stück, das er einer der weltbesten Pianisten im Bereich Jazz und improvisierter Musik ist. Wie eine Naturgewalt fegt er über die Tasten und spielt bei aller Wucht und Emphase sauber und kristallklar. Paul Heller am Tenorsaxophon spielt in dem Stück ein herausragendes Solo.

Drei Tage hat er mit der Big Band im WDR Sendesaal verbracht und die Stücke eingeübt. Solche komplexen und anspruchsvollen Stücke in so kurzer Zeit zu erarbeiten, das geht nur mit Musiker*innen, wie denen der WDR Big Band, die allesamt Spitzensolisten sind.

Im nächsten Stück, Nature Mortem 8, das Nabatov 2001 veröffentlichte, handelt es sich um die Umsetzung des gleichnamigen Gedichtes von Joseph Brodsky in Musik. Simon Nabatov und der Dichter Brodsky haben einiges gemeinsam, beide stammen aus jüdischen Familien in der Sowjetunion, verließen ihre Heimat und emigrierten in die USA um ihre künstlerische Freiheit zu leben. Nabatov schrieb eine zehnteilige Suite zu diesem Gedicht und wir hören den Teil 8 im Konzert. Dieses lyrische feinsinnige Stück betont die andere Seite von Simon Nabatov, sein sensibles und gefühlvolles Spiel, mit einem Schuss Romantik. Diese Vielseitigkeit, vom furiosen Tastenderwisch bis zum feinfühligen Lyriker am Flügel, macht die Größe des Pianisten aus. Ruud Breuls spielt in Nature Mortem ein warmes seelenvolles Trompetensoli.

Sneak Preview, ursprünglich von Wolfgang Stach 1999 im LOFT aufgenommen, ist dem Bassisten Mark Helias gewidmet, hat einen fetzigen swingenden Groove. Rob Bruynen an der Trompete ist in diesem Stück der hervorragende Solist der Big Band.

Ein Jahrzehnt später schrieb Nabatov die lyrische Ballde Wish I Were There, die seine Sehnsucht nach Brasilien ausdrückt. Die Big Band eröffnet das Stück sehr stimmungsvoll mit tiefen Tönen von Klarinette und Bassklarinette. Aus dem gleichen Album Moods And Modes stammt auch das nächste Stück Dança Nova. Dies schrieb Nabatov nachdem er mehrmals sein Sehnsuchtsland Brasilien besucht hatte. Mit diesem beschwingten Stück brasilianischer Musik wird das Publikum in die Pause geschickt.

For All The Marbles, der zweite Teil einer Suite, eröffnet das zweite Set. Nabatov schrieb das Stück als er gerade aus New York nach Köln kam. Aus dem gleichnamigen Album stammt auch das letzte Stück des Konzerts Transaction. Hier gibt es eine längere Triophase von Nabatov am Flügel, von John Goldsby am Bass und Hand Dekker an den Drums. Paul Heller, der Solist des Eröffnungsstücks, brilliert auch in diesem Stück mit seinem Tenorsaxophonsolo. Doch davor werden noch zwei Stücke gespielt. No Doubt ein Stück, zu seinem 50. Geburtstag geschrieben, das aus dem American Songbook stammen könnte. Das andere Stück Old Fashioned, ein neues Werk, Nabatov schrieb es in New York, wird in der oben erwähnten Trio Besetzung gespielt. Ein Stück mit treibendem Rhythmus, den Hans Dekker am Schlagzeug vorantreibt und vom Bass unterstützt wird.

Auch im zweiten Set gibt es natürlich wieder herausragende Soli der Big Band Musiker, z.B. von Ludwig Nuss an der Posaune, von Johan Hörlen am Altsaxophon, der auch ein schönes Duett mit Karolina Strassmayer spielt.

Das Publikum im ausverkauften Stadtgarten ist begeistert und gibt Standing Ovations. Als Zugabe gibt es das Stück Hardly Obliged von 2004, das experimentellste Stück des Abends. Es wurde, ebenso wie Dança Nova von Christian Elsäßer arrangiert.

Ursprünglich wurde das Stück im Trio mit Klavier, Cello und Schlagzeug gespielt. Die Big Band eröffnet es mit Flöten und weiteren Bläsern in aufgeregtem Spiel, das an aufgescheuchte Vögel erinnert. Aus der wilden Kakophonie entwickelt sich eine lyrisch melodische Passage, die dann wieder gebrochen wird. Simon Nabatov, wie er leibt und lebt, mal atonal experimentell und dann lyrisch melodisch, ein Meister der Gegensätze. Ob Swing, Bebop, Impressionismus, Zwölfton oder völlig freie Improvisation, Simon Nabatov ist ein Pianist der all diese Stilistiken mit Bravour beherrscht. Wir können uns glücklich schätzen, seit 30 Jahren solch einen Ausnahme Musiker in Köln zu haben.

Happy Birthday Simon, wir wünschen Dir alles Gute und freuen uns auf die nächsten Jahre mit Deiner Musik.