Schwarze Witwe |

Erika Stucky im Grillo-Theater Essen

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 10.5.2014 | Der erfolgreiche, spannende und vielseitige 30-Jahre-Jubiläums-Reigen von ‚Jazz in Essen‘ geht mit einem – ja – musikalisch-performativen Höhepunkt zu Ende: Erika Stucky mit ihrem Songprojekt „Black Widow“. Schon 2012 wurde die amerikanisch-schweizerische Mega-Performerin im Grillo-Theater im Weiße Witwe-Outfit mit ihrer fulminanten Bühnenshow begeistert aufgenommen. Ohnehin handelt es sich um ein „Heimspiel“ für die in vielerlei Hinsicht als Ausnahme-Künstlerin zu bezeichnende Erika Stucky mit einer multiplen Schauspiel- und Gesangs-DNA, hat sie doch gerade im Ruhrgebiet in Theater- und Musikkreisen eine weitreichende Fangemeinde. (Na ja, das dürfte überall dort der Fall sein, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat.)

Natürlich sind die Erwartungen an ein Konzert mit Erika Stucky einschlägig und eindeutig hoch: Man möchte sie wie gewohnt mit ihrem Feuerwerk an skurillen, aberwitzigen, abgedrehten, schrägen Einfällen erleben. Die Erwartungen werden noch gesteigert,  kommen Musiker aus dem Umfeld von Tom Waits als Begleiter und Mit-Performer hinzu: David Coulter (Keyboards, Gitarren, Violine, Singende Säge, Maultrommel…), Terry Edwards (E-Bass, Saxophon, Trompete), Michael Blair (Drums, Percussion). Ersterer war musikalischer Direktor von dem Erika Stucky-Projekt „Rain Dogs Revisited“, bei dem 2011 Tom Waits‘ „Rain Dogs“-Album mit 11 Musikern neu interpretiert wurde. Ebenfalls war David Coulter bei dem Musical „The Black Rider“ von Robert Wilson und Tom Waits engagiert. Terry Edwards ist ebenfalls Multiinstrumentalist und war u.a.  an der „Black Rider“-Produktion beteiligt. Der Drummer und Perkussionist Michael Blair bringt seinen Tom Waits-Stallgeruch durch seine Teilnahme am Album „Rain Dogs“ mit ein. Bei der Seelenverwandtschaft Erika Stuckys zu Tom Waits verwundert es da nicht, dass sie ihre „Jungs“ als Ideal-Besetzung preist.

Die Show wird sozusagen aus dem Off eröffnet: Man hört Erika Stucky aus dem Foyer zum stampfenden Rhythmus freitonal Geräusche produzieren, die Schwarze Witwe mit einer Art blonder Afro-Look-Perücke nimmt dabei den Weg durch den Zuschauerraum zur Bühne, der Auftakt geht über zu dem afro-amerikanischen Song „Black Betty“ von Lead Belly in einer rumpelnden und nahezu rüden Form. Was folgt, kann man ebenfalls zum größten Teil auf der neuen Stucky-CD „Black Widow“ wiederfinden: Eigenkompositionen, adaptierte Songs, „Oh Darling“ und „Helter Skelter“ von den Beatles, Brenda Lees „I’m Sorry“. Auf der Bühne geht es gemessen an den Erwartungen erstaunlich ruhig zu, die Songs sind in der Überzahl eindringlich balladesk, sie changieren zwischen Blues, Jazz, Chanson, Schlager, Noise, Rock, Cabaret und spielen bis zur Parodie mit den entsprechenden Genreelementen.  Sie passen in dieser gelassenen Form gar nicht zum Klischee der ausgeflippten Hippie-Anarcho-Performerin. Anders als auf der CD ist die Instrumentierung reduzierter, anders als vielleicht erwartbar sind die Live-Versionen zurückhaltender. „Helter Skelter“ beispielsweise klingt auf der CD deutlich kräftiger und rotziger. Stattdessen sind sehr zentrierte Darbietungen zu erleben, die eine vielseitige und ernsthafte Sängerin (und Akkordeonistin) mit ebenso vielseitigen, aber doch eher zurückhaltenden Begleitmusikern mit ebensolchen Arrangements und seltenen Soloeinlagen zeigen (Terry Edwards’ Trompete und Saxophon, David Coulter sogar mit einer Maultrommel-Soloeinlage). Zwar ist das Outfit von Stucky mit aufgesetzten langen schwarzen Fingernägeln und dem tiefschwarzen Tuch ausgerichtet auf die Schwarze Witwe oder die Spinnenfrau. Vom Biss des männermordenden und damit sich selbst in den Zustand der Schwarzen Witwe katapultierenden Vamps ist in dem Live-Auftritt nicht allzu viel zu spüren. Der Performance tut diese Reife sicherlich gut, sie wirkt dabei – Erika Stucky weist mehrfach kokettierend und mit Selbstironie auf ihre lange Bühnenerfahrung hin – im positiven Sinne routiniert, ja gelassen.

Zu erleben ist eine erfrischend unverkrampfte Bühnenshow mit wenigen Ingredienzen: Erika Stucky legt Wert auf die von ihr gestalteten Video-Projektionen, die sie und die Musiker scherenschnittartig in übergroßen Schatten verdoppeln, oder mit Einspielungen mit Spinnen oder psychodelisch anmutenden Farbkreisen (Erika Stucky ist im kalifornischen Hippiekontext aufgewachsen) arbeiten.
Das Faszinosum Erika Stucky ist zu einem großen Teil ihrem Geschick zu verdanken, nicht nur Musikalisches zu einem Besonderen zu verschmelzen und dies in eine hervorragende Performance umsetzen zu können, sondern in ihrer herrlich sympathischen und anarchisch-dadaistischen Kommunikation mit dem Publikum. Ihre Sprachspiele, ihre bis an die Grenze der Unverständlichkeit switchende Sprache zwischen dem Amerikanischen, dem Schwyzer Dialekt und einem verfremdeten Hochdeutsch, ihr Witz, ihr Talent, in den An- und Zwischenmoderationen ihrer Songs (selbst-)ironische shortest stories zu erzählen (z.B. über die typischen Erika Stucky-Publikumsfrauen oder ihre eigene Art, sich auf Konzertreisen zu begeben, über das lächerliche Zugaben-Ritual, über den produktiven Umgang mit technischen Pannen wie einem knarzenden Mikro-Ständer)– all das macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung mit höchstem Unterhaltungs- und Sympathiewert. Die Frage an ihre hochgeschätzten Musiker nach dem Song „Me“, ob sie ihnen zu „pushy“, zu penetrant nervig sei, wird vom Publikum klar negativ beschieden, sie ist einfach grandios.