"Gespenster" bitten zum Tanz |

Claudius Reimann im Schiffshebewerk

Text & Fotos: Stefan Pieper

Waltrop, 02.03.2015 | Waltrop, .. | Wie ein verwunschenes Monument aus einer anderen Zeit ragen die wilhelminischen Türme des alten Schiffshebewerks in den Nachthimmel. Früher wurden hier mit revolutionärer Technik geografische Gegebenheiten für die Schifffahrt bezwungen. Riesige Generatoren, komplizierte Schalttafeln und vieles mehr sind heute im Maschinenhaus die toten Zeugen von so viel Dynamik.

Doch bevölkern an diesem Abend geheimnisvolle Gestalten diese Lokalität. Sind es Gespenster, die dort oben auf der Maschinenbühne und zwischen den mächtigen Generatoren umherhuschen und in grellrote Gewänder gehüllt sind? In rätselhaften, nicht selten expressionistischen Posen bewegen sich diese gesichtslosen Wesen umher. In was für ein imaginäres Spukschloss sind wir hinein geraten? Der Raum füllt sich mit Klang, und wie! Metallisches Rasseln. Spitze Schreie eines Sopransaxofons. Tiefes Gurren einer Bassklarinette, gefolgt von einem langgezogenen Seufzer, aus dem eine elegische melodische Linie erwächst. Das hohe Saxofon legt eine Oberstimme drüber, wie in einer Art Kontrapunkt. Der extrem weiträumige, kirchenartige Hall lässt sakrale Assoziationen aufkommen. Meditativ versinkt man in den Anblick der hohen Giebel und feinziselierten Fensterfronten. Ende des 19. Jahrhunderts schlossen sich industrielle Funktionalität und eine starke ästhetische Beseeltheit in der Architektur keineswegs aus.

Die Musik wird jetzt drängender, treibender. Ein großer Chinagong faucht und zischt, als wäre das Tor zur Hölle schon etwas auf. Mit pulsierenden Stößen kommt eine fast schon sinfonische Klangwucht auf. Vom Himmel, aus dem Jenseits, de facto von überall kommen diese Töne, Melodien, Flagoletts, Geräusche. Claudius Reimann und Katharina Bohlen sind ja mit ihren Instrumenten auch ständig im Raum unterwegs.

Die beiden roten Fantasiewesen rollen sich schutzsuchend zusammen, richten sich wieder auf. Berühren und umarmen einander. Eine melancholische Melodie auf Reimanns Bassklarinette vereint sich mit einer eben solchen Linie auf Katharina Bohlens Sopransaxofon, was schließlich in einen Tango mündet. Die beiden gesichtslosen Fantasiewesen fordern zum Tanz heraus - mitten in der Industriekulisse, die eben jetzt nicht mehr länger nur Kulisse ist.

45 Minuten voller Imaginationskraft reichen diesem musikalisch-choreografischen, audiovisuell-märchenhaften Musik-Improvisationstheater im Henrichenburger Schiffshebewerk. Fast alles passiert in freier Improvisation, wenngleich sich die vier Ausführenden zuvor auf mehrere, kontrastierende Abschnitte - Reimann nennt sie „Module“- geeinigt hatten. Claudius Reimanns Hauptanliegen ist es, die Frontalsituation zwischen Bühne und Publikum aufzubrechen. Dabei bleibt das historische Schiffshebewerk nicht länger ein musealer Raum, der bestensfalls zur historischen Betrachtung taugt. Claudius Reimann, Katharina Bohlen, Wiebke Harder und Nicole Bosse leisten viel verdienstvolleres, nämlich die ästhetische Sprache von Architektur in fantasievolle Kunst-Prozesse im Hier und Jetzt zu überführen.

Angesichts der vielen architektonischen Monumente im Ruhrgebiet sind mutige Inszenierungen wie diese geradezu Pflicht.