Gottschalk, Koltermann, Blume und 6 Experimentalfilme |

Formative Kraft des Experimentellen

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Duisburg, 23.12.2015 | Improvisierte Musik und Experimentalfilm sind Schwester und Bruder im Geiste, sie verbindet der Gestus des Unkonventionellen, des dekonstruktiven Umgangs mit den vorgegebenen bis zum Klischee erstarrten Ästhetiken des Materials und der Methoden ihrer jeweiligen Kunstform. Zwangsläufig führt dies zu einem entsprechenden Umgang mit dem Publikum, mit dessen Rezeptionsgewohnheiten und –erwartungen. Beide Subgenres haben es deshalb bekanntermaßen schwer. Dass dies nicht selbstverständlich so sein muss, beweist ein Abend im Duisburger Lokal Harmonie. Zum Abschluss des dritten Teils der Reihe IMPULS, die sich der Kombination aus improvisierter Musik und Experimentalfilm widmet, spielen Gunda Gottschalk (vln), Eckard Koltermann (cl) und Martin Blume (dr/perc) zu sechs experimentellen Kurzfilmen, kuratiert von Sabine Sanio, Professorin an der Universität der Künste Berlin. Ihnen gelingt dabei etwas vielleicht völlig Unerwartetes: Die Verbindung von zwei grenzüberschreitenden „schwierigen“ Kunstformen ergibt eine Synthese mit stupender Ästhetik und Wirkung.

Der Reigen beginnt mit Ken Jacobs’ Georgetown Loop (1997, 16mm, 11’). Wie der Titel ankündigt, handelt es sich um einen Loop mit Filmmaterial mit einer Bahnfahrt aus dem Jahre 1905. Diese wird durch eine Vielzahl von Schnitten, von Doppelprojektionen im Sinne eines filmischen Rorschach-Experiments, durch Achsenverschiebung „aufbereitet“. Klug gewählt ist dieser Einstieg insofern, als in der Jazzpublizistik nicht von ungefähr häufig die Dynamik bei improvisierter Musik mit der einer Zugfahrt verglichen wird und sich die Beschreibung des musikalischen Geschehens entsprechender Metaphorik bedient. Und genauso nehmen die drei Musiker die optischen Impulse auf und geben von Anfang an ein energiegeladenes und temporeiches Tutti. Dies wird bei dem zweiten Film des Abends des Österreichers Martin Arnold (Pièce touchée, 1989, 16mm, 16’) beibehalten und gesteigert. Arnold schneidet und bearbeitet eine kleine Hollywood-Sequenz mit einer Begegnung von Mann und Frau aus ständigem Vor- und Rücklauf des Filmmaterials. Die eigentlich kurze Bildfolge wird dabei in den loopartigen Wiederholungen zeitlich gestreckt und durch vertikale und horizontale Spiegelungen, durch eine immer schneller werdende Schnittfrequenz gesteigert – was die Musiker in ihrem Umgang mit Dynamik und einer Vielzahl von brachial-interruptiven und filigranen Spielweisen in ihr Medium übersetzen. Beziehungsdynamik gewinnt so optisch und akustisch eine ganz besondere Bedeutungsebene.

Die folgenden Filme sind allesamt deutlich abstrakter, assoziativer, ja, auch lyrischer: Der zweite Film von Ken Jacobs an diesem Abend (Window, 1964, 16mm, 11’) zeigt Bilder, eher Bildfragmente ganz unterschiedlicher Wirklichkeitsbereiche, die dazu gespielte Musik reduziert die Dynamik deutlich und verbleibt in tastender Schwebe, die die visuellen Andeutungen des „Fensters zur Welt“ auf musikalischer Ebene ebenso vage belassen. Zu Marie Menkens rasant geschnittenem GoGoGo (1962-64, 11’) gibt Martin Blume ein ebensolches Solo-Intro. Den im Zeitraffer stark verdichteten Bildern aus New York mit Hafen- und Straßenszenen mit zum Teil extremer Obersicht auf die ameisenhaften Menschen fügen eine hell bis grell gespielte Klarinette und gezupfte Violinsaiten plausible akustische Ebenen hinzu.

Das Muster des Solo-Einstiegs der Musik-Fraktion wird auch bei den beiden letzten Filmen beibehalten: Zu dem in Form eines persönlichen Tagebuchs gehaltenen Note to Pati von Saul Levine (1969, 16mm, 8’) streicht Gunda Gottschalk geradezu zärtlich über ihre Saiten und erweitert ihr Instrument durch ihre Stimme, allmählich steigen die beiden anderen Musiker zu Familienszenen von einem Mädchen im Schnee ein, Eckard Koltermann entscheidet sich für die Option zu schweigen und überlässt es den beiden anderen, die Bilder in Super-8-Filmästhetik zu begleiten. Sein wirklich starker Auftritt beginnt im noch bilderlosen Interludium zum letzten Film, Stan Brakhages The Riddle of Lumen (1972, 16mm, 13’), einer halluzinogenen Assoziationskette mit völlig abstrakter Bilderfolge. Eckard Koltermann spielt zu diesen Bildern, die eher der Logik von Traumsequenzen folgen, eine äußerst expressive Bassklarinette und erzeugt damit einen stimmigen Kontrapunkt zu den teilweise unscharfen und überbelichteten Bildfragmenten. Violine und Schlagzeug runden die suggestive Gesamtwirkung der Musik ab.

Erweckt die Kombination aus zwei experimentellen künstlerischen Ansätzen möglicherweise die Erwartung einer völlig abgedrehten und kaum noch rezipierbaren Gesamtperformance, so gelingt den drei Musikern an dem Abend genau das Gegenteil. Man hört schnell: Die drei sind gewohnt, miteinander ohne Absprache und Konzept musikalisch zu interagieren, Spannungen aufzubauen, auf Schwingungen der anderen zu reagieren, die eigenen instrumentellen Möglichkeiten, Töne und Klangwelten zu einem stimmigen Ganzen zu formen, ohne in Klischeefallen zu tappen. Zusätzlich „kommunizieren“ sie mit dem vierten Partner, mit dem Stummfilm-Material, das sie nicht einfach im Sinne funktionaler Musik bedienen, indem sie die filmischen Parameter wie Dynamik und Geschwindigkeit bloß musikalisch kopieren. Angestrebt ist keine „Filmmusik“, keine den Film begleitende Ausdrucksform, sondern etwas Drittes: eine energetisch geladene Musik-Film-Performance mit Spontankomponisten, die mit großem Gespür den filmischen Code aufgreifen und als Inspirationsbeschleuniger für die eigenen Gestaltungsprozesse nutzen. An dem Abend in dem Lokal Harmonie gelingt dies mit einer umwerfenden Gravitationskraft, als Zuhörer-Zuschauer begreift man die formative Kraft des Experimentellen. Ein Geschenk – den Musikern, der Kuratorin und den Veranstaltern sei Dank!