Ist das Jazz oder kann das aus |

Lesung mit Katharina Bohlen und Claudius Reimann

Text & Fotos: Stefan Pieper

Marl, 30.11.2015 | Sie spielten bereits, als sie dem Fahrstuhl entstiegen: Claudius Reimanm und Katharina Bohlen legen bei ihren Duo-Auftritten auf die gewissen Extras Wert. Und auch etwas anderes beschert dem umtriebigen Musiker-Paar aus Marl bzw. Bochum ein Alleinstellungsmerkmal: Wenn sie eine musikalische Lesung veranstalten, sind sie Vortragende und Musiker in Personalunion. Claudius Reimann ist Saxofonist, Initiator von vielbeachteten Musik- und Performance Projekten (und ganz nebenbei noch Leiter einer Kindertagesstätte) - und Romanautor.

„Ist das Jazz oder kann das aus“ hat er sein aktuelles Buch genannt. Zusammen lasen sie aus dem Buch – und musizierten dazu viele thematisch und inhaltlich passende Einlagen auf Saxofonen und Bassklarinette.

Reimanns Geschichte ist im Kern eine Musikerbiografie – aber eine von jemandem, der „an der Basis“ aufbrach. Von einem, der die Liebe zu einem Instrument entdeckte und der das Glück hatte, die ersten Schritte bei einem verantwortungsvollen Lehrer tun zu können. Der dann die Dinge selbst in die Hand nimmt und in die weite, aber meistens kleine, lokale Welt hinauszieht. Wenn man Musik macht und damit auch Geld verdienen will, erlebt man ja so einiges. Mit vielen schrägen, mitunter anstrengenden Menschen und dies nicht selten auch an komischen Örtlichkeiten. Etwa bei musikalischer Mitgestaltung von Kaufhauswerbeveranstaltungen, wo im Rampenlicht der Überwachungskameras gejazzt wird und man hinterher bitte bitte sagen muss, um auf die Personaltoilette zu kommen. („Ich fragte ich schließlich, ob es hier sogar getrennte Klos für Holz- und Blechbläser gibt...) . Der Protagonist, der im Roman wie in einer Rahmenhandlung alles in Briefform einer nahezu unbekannten jungen Frau schreibt, stellt immer wieder fest, wie sehr Jazz doch eine Nische ist, die sich immer und überall schwer behaupten muss. In jedem Moment transportiert die Erzählung viel entwaffnende Wirklichkeit über das Hier und Jetzt - und immer wieder die Kraft der Musik!

Geschickt und realsatirisch verspielt hat Reimann vieles mit seiner eigenen Marler Biografie verflochten: Da gibt es Seitenhiebe auf bornierte Klassik-Dirigenten, unter deren Leitung Reimann den Bolero von Ravel in einem Marler Jugendorchester mitzuspielen beauftragt war. Der Dirigent blickt allzu abschätzig auf die sogenannte „U-Musik“ herab, zu welcher Jazz immer noch degradiert ist.

In den Archiven der Lokalzeitung dürften noch Berichte von jener legendären Insel-Besetzung im Citysee schlummern. Mit Schlauchbooten enterten mehrere Jazzmusiker die Insel, entrollten Pamphlete und ließen Frei--Imnprovisiertes über den See schallen. Die Medien waren jedoch äußerst geschickt drauf vorbereitet, während die Polizei in Dunkeln tappte. Claudius Reimann weiß immer wieder um unkonventionelle Wege, damit kreative Potenziale nach außen dringen.

So wertvoll lesen ist, so macht eine solche Veranstaltung das Geschriebene und Erdachte zum sozialen Ereignis. Gemeinsam oder manchmal auch solistisch improvisieren Katharina Bohlen und Claudius Reimann über Standards und Stücke, die sich aus der Erzählung ergeben. Es gibt lautmalerisches, etwa simuliertes „Handyklingeln“ auf einer Art Piccoloflöte und schließlich darf das Publikum ein Musikstück erraten, wofür es ein Freiexemplar des Buches gibt.

Die Räumlichkeiten der Sinsener Kreuzkirche bietet einen idealen Rahmen für so etwas. Norbert Kühne, macht Sinsen schon jahrzehntelang Kultur. Konzerte in Sachen Jazz und verwandten Disziplinen, Lesungen, Ausstellungen kultivieren einen gepflegten Mix. Claudius Reimann hat dabei für gute Kontakte zur überregional vernetzen Szene der freien Improvisation hergestellt, so dass für manche Konzert-Highlights auch schon mal von weitem angereist wird. Norbert Kühne war es auch, der Claudius Reimann zum Ausarbeiten bereits aufgeschriebener Notizen zu einem Roman maßgeblich bestärkt hat. Für die Kultur im Marler Stadtteil Sinsen tun sich aktuell neue Zukunftsperspektiven auf: So fällt die protestantische Kreuzkirche im nächsten Jahr ihrer Säkularisierung anheim. In den Startlöchern steht schon jetzt ein Verein, der künftig diese Örtlichkeit voll und ganz in den Dienst der Kultur stellen will. Jetzt braucht es Spenden und mehr Mitglieder.