‚Switchback‘ beim einzigen NRW-Konzert |

Eine Achterbahnfahrt an Dynamik und Spielfreude

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 21.04.2015 | Bei der Vernissage der Fotoausstellung Performing Jazz in den Rottstraße 5 KUNSTHALLEN steht Mars Williams vor der Bildserie mit Peter Brötzmann und gerät ins Schwärmen, intensiv erinnert er sich an die Zeit in Brötzmanns Tentet. Aber mit wem hat der Chicagoer Saxophonist nicht zusammengespielt? Beim Moers Festival war er öfter mit Liquid Soul zu Gast, seine stilistische Bandbreite reicht vom Free Jazz und Funk- und Acid-Jazz bis hin zur Pop- und Rockmusik. In Bochum tritt der quirlige Bläser mit seinem Arsenal an Saxophonen (Sopranino, Sopran, Alt, Tenor) und einem ebensolchen an Flöten und anderen geräuschproduzierenden Kleingeräten in einem Quartett auf. Es handelt sich um Switchback: neben Mars Williams mit dem Polen Waclaw Zimpel, dem New Yorker Hilliard Greene am Kontrabass und dem Kölner Klaus Kugel am Schlagzeug. Switchback ist auf Release-Tour für ihre gleichnamige CD und gibt ihr einziges Konzert in NRW. Nicht nur Mars Williams an den Saxophonen, auch die musikalischen Mitstreiter sind allesamt herausragende Solisten mit vielfältigen Erfahrungen - zum Teil gemeinsamen. Diese und die unterschiedlichen musikalischen Gene sind dem Quartett auch unmittelbar anzumerken.

Es ist eine wahre Freude, den Vieren in dieser Zusammensetzung zuzuhören, man erlebt ein Konzert von unglaublicher Spielfreude und Energie. Das akustische Abenteuer bedeutet eine wahre Achterbahn („switchback“) der improvisierten Musik: Langsame, ruhige Phasen gehen allmählich über in hochexpressive und ekstatische, in geradezu fieberhafte Exaltationen – oder umgekehrt: Schreie und fanfarenhafte Appelle der Bläser, schrille Beckengeräusche gewinnen im Zusammenspiel allmählich einen nahezu songhaften Charakter. Dabei hört man bei den Improvisationen eine Vielzahl von Strömungen des Jazz heraus: Blues, urbanen Jazz, Klezmer, Spiritual, Songs, imaginäre Folklore, Free Jazz, durchaus auch Elemente moderner Musik – all das fügt sich zu einem energiegeladenen Strom, zu einem fein ziselierten, ausbalancierten Zusammenspiel, das bei improvisierter Musik nur gelingen kann, wenn Solisten etwas zu sagen haben und aufeinander hören und sich aufeinander beziehen können.

Bei Switchback ist dies in idealer Weise der Fall: Mars Williams ist ein versierter Saxophonist, der sein kraftvolles Spiel mit Lyrismen zu verbinden und nach seinen wahren ekstatischen – auch wörtlich zu nehmenden - Höhenflügen immer zum Kollektiv zurückzufinden weiß. Der jüngere Waclaw Zimpel wird seinem Ruf als einer mittlerweile bedeutenden Stimme im europäischen Jazz voll und ganz gerecht. Sein Klarinetten-Ton, bei der Bass-Klarinette wie an der Alt- und an der B-Klarinette, ist ausgesprochen wandlungsfähig, singend, klagend, transparent und durchdringend, expressiv, spirituell, kraftvoll. Als Meister der Bass-Klarinette steht er natürlich in der Tradition von Eric Dolphy und weckt entsprechende Hörerwartungen. Im Umgang mit Song- und Folklore-Material gibt es erkennbare Verwandtschaftsbeziehungen etwa zu Gianluigi Trovesi und Louis Sclavis. Aber Zimpel sucht und kultiviert seine eigene Stimme. Vor allem die Interaktion beider Bläser zeugt von einer gewissen Seelenverwandtschaft. Geradezu traumwandlerisch finden sie mit hochvirtuosen Läufen zu einem intensiven Dialog, bei dem immer wieder die Phrasen des Gegenparts aufgegriffen oder raffiniert variiert werden. Ihre musiksprachlichen Wege kreuzen sich nach der Vorgabe einer individuellen Phrase oder nach solistischen Ausflügen oder virtuosen überblasenen Serpentinen immer wieder punktgenau.

Die Rhythmus-Sektion gibt dazu einen idealen Untergrund: Klaus Kugel hat in verschiedenen Konstellationen mit Waclaw Zimpel und Hilliard Greene zusammengespielt, er versteht es, die Wechselstimmungen und Dynamiken der Bläser und des Bass-Spielers aufzugreifen und in ein perkussives Bett von ruhigen, ausgeglichen Phasen wie unruhig-nervösen Kraftzentren und „free“-Ausbrüchen zu lenken. Er ist – gemeinsam mit Hilliard Greene – Antreiber und Unterstützer, aber auch Impulsgeber bei den Brüchen, die von steiler Dynamik wieder in ruhigeres Fahrwasser führen. Dies entspricht dem mal gezupften, mal gestrichenen Kontrabass von Hilliard Greene, der einen beseelten, kraftvollen Bass spielt. Er nimmt relaxt die zum Teil scharfkantigen Kaskaden der Bläser auf, gibt ein Klagelied-Motiv oder ein rhythmisches Pattern vor, bringt das Quartett in einen bluesigen Modus.

Passend zu den Bildern der Ausstellung, die gerade die performative Stärke bei improvisierter Musik herausstellen, gibt Switchback eine starke Vorstellung – so viel Spielfreude, Power, Frische, so viel gelungene ausbalancierte Interaktion sind ein Glücksfall. Der erste Titel ihrer ebenfalls ausgesprochen empfehlenswerten CD lautet bezeichnenderweise Four are One, das kann man durchaus als Programm von Switchback deuten.

Mehr Informationen zur Gruppe: www.switchback.inemu.com

Die CD beinhaltet eine Live-Aufnahme aus der Tonne in Dresden aus dem Jahre 2013. Sie ist bei Multikulti Project erschienen. MPI028