Freigeistige Freude |

Bunker Ulmenwall Orchestra überspannt Generationen und Grenzen

Text & Fotos: Stefan Pieper

Bielefeld, 30.10.2015 | Das Bunker Ulmenwall Orchestra ist ein blühender Garten der Ideen und ein betont herrschaftsfreies Gefüge dazu. Flach sind hier die Hierarchien. In schöner Harmonie setzt sich die 18köpfige Band aus Vollprofis, Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern der Musikschulen und damit auch mehreren Generationen zusammen. Die Ensembleleiterin Satoko Fujii überlässt das Dirigentenpult gerne auch mal den Ensemblemitgliedern, dass diese auch komponierend und ins kreative Geschehen eingreifen.

Für so viele Musikerinnen und Musiker auf der Bühne muss die Raumanordnung im ehemaligen Luftschutzbunker mitten in der Bielfelder City erstmal passend gemacht werden. In vielen Reihen hintereinander sitzen die Spieler wie in einem langen Schlauch. Aber die Akustik ist verblüffend transparent.

Satoko Fujii übernimmt den ersten Set. Ein langes Schlagzugsolo lässt die Spannung steigen. Schon dieses Intro macht klar: Das Bunker Ulmenwall Orchestra ist wohl kaum ein streng geführtes, monolithisch anmutendes Orchester, sondern vielmehr ein buntes Solistenkollektiv, wo sich alle frei spielen und entfalten dürfen. Aber wo auch viel intuitive Kommunikation läuft.

Kein Zufall ist, dass das komponierte musikalische Material auf dem Notenständer auf nur ganz weniger Blätter passt, der Rest ist gelebte improvisatorische Freiheit! Hymnische Chorusse der Bläser fluten wie ein wärmender sinfonischer Wind durch den Raum. Willkommen in der japanischen Musik, die vielfach in diesen typischen schwelgerischen Chorussen so viel Freude und Wärme transportiert! Mancher mag jetzt an die kultigen Auftritte des Shibusashirau Orchestra damals in Moers denken. Aber wo diese Moerser Formation irgendwann musikalisch recht inflationär wurde, da leben bei Satoko Fujii und diesen spielfreudigen Bielefeldern ganz viele frische Ideen und eben so viel querdenkerischer Mut, der auch Gefilde von Neuer Musik und freier Improvisation mit Leichtigkeit berührt. Und das mit ganz viele Spaßfaktor getreu der Devise: Nichts trifft so ein, wie man erwarten würde!

Fühlt man sich als Hörer vielleicht noch etwas verloren in einer Flut von zu viel allzu Disparatem, so taucht man schon bald ein in dieses Kaleidoskop der Ideen. Ostinate Bassfiguren schieben mit viel Druck nach vorne, ein hämmernder Puls gibt zwingenden halt, dann wird schon wieder mit Sun-Ra-ähnlichen Bläserharmonien in Richtung Universum abgeschwebt. Aber es gibt auch Ruhepole – nicht nur wenn sich die „leiseren“ Instrumente dieser Konstellation zum nachdenklichen Geflecht verästeln.

Jubelnde Beifallsstürme krönen den ersten Set. Zuvor hatte das Publikum noch die Erläuterung bekommen, dass diese lange Komposition die japanische Tee-Zeremonie symbolisch versinnbildlichen soll. Das scheint ja doch ein sehr komplexer Ritus zu sein. Aber auch ein extrem sinnlicher Genuss!

Im zweiten Set dominieren andere Farben. Phasenweise geht es rockiger, treibender und kantiger, aber nicht minder freigeistig zur Sache. Natsuki Tamura wechselt von der Trompete ans Dirigentenpult – damit hat eine andere hocherfahrene Jazzkoryphäe die musikalischen Geschicke in der Hand. Tief in der Musik versunken zeigt sich auch eines der jüngeren Ensemblemitglieder. Luise Volkmann, die seit 2012 in Leipzig studiert, hatte im ersten Set noch ekstatische Freejazz-Stürme durch ihr Altsax geblasen. Jetzt hat ihr Dirigat das 18köpfige Ensemble fest im Griff. Gut ist, wenn große Talente solche Entfaltungsräume bekommen, wie es dieses Ensemble an diesem Ort darstellt.

Das Bunker Ulmenwall-Orchestra zeigt vorbildlich, wie sich Kräfte für die Kultur bündeln lassen, wenn man nur eine zündende und damit förderungswürdige Idee entwickelt. Das Orchester entfaltet eine gute Außenwirkung, da es -zumindest bislang erst mal regional – auf Tour gehen kann. Sponsoren wie die Bielefelder Altstadtkaufmannschaft wurden gewonnen, ebenso ist eine fördernde Stiftung mit im Boot. Verdient macht sich auch eine LAG Soziokultur. Das Generationen überspannende Konzept beim Bunker Ulmenwall-Orchester hat ja auch in punkto Jugendkultur eine gute Vorbildfunktion. Zugleich verkörpert die international profilierte Leiterin Satoko Fuyii höchste Professionalität. Zwischen Japan, Europa und Südamerika pendelt sie stetig hin und her. Zugleich sieht sie im Bunker Ulmenwall-Orchestera ein idealistisches Herzensanliegen verwirklicht.