CD-Kritik

Benjamin Schaefer |

Quiet Fire

Text: Stefan Pieper | Fotos: Lutz Voigtlaender

Köln, 18.11.2015 | Benjamin Schäfers aktuelles Quintett bringt eine Harfe ins Spiel und rückt Komponisten wie Erik Satie und Maurice Ravel zu Leibe. Die Musik schwebt auf eigenwillige Weise über allen festgefügten Kategorien irgendwelcher Genres, egal ob diese nun „Klassik“ oder „Jazz“ heißen.

In einem „normalen“ Jazzquintett irgendwann in der Falle gängiger Klischees zu landen, ist Benjamin Schäfers Sache nicht. Eine besondere Initialzündung passierte, als er zum ersten Mal das Harfenspiel von Kathrin Pechlof hörte. Die Harfenistin aus Köln ist eine der wenigen Vertreterinnen ihres Fachs, die von der Klassik in die freien Gefilde des Jazz aufgebrochen ist. Komplettiert wird die Besetzung durch den Altsaxofonisten James Wylie sowie Igor Spallati am Bass und den Schlagzeuger Max Andrzejewski.

„Quiet Fire“ heißt das aktuelle, soeben auf Nils Wograms Label Nwog Records erschienene und im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks aufgenommene Album - und dies markiert eine ganz und gar ungewöhnliche, keineswegs einfach zugängliche Konstellation. Aber hat man sich erst einmal hineingefunden, dann verliert man sich und will nicht mehr auftauchen. Musikalische Ideen, Stileinflüsse, instrumentale Farben und Stimmungen ergreifen vom Hörer umso nachhaltiger Besitz, wirken und aufeinander. Solche Strukturen sind den eigenwilligen Mechaniken auf dem Booklet der CD nicht unähnlich. Übrigens fielen diese dem Grafiker beim Hören der Musik völlig spontan ein.

Das ruhige Feuer dieser irritierend-vielgestaltigen, zugleich sehr sinnlichen Musik lodert nicht einfach auf und verlöscht. Die Prozesse sind ungleich komplexer. „Icarus“ heißt das Eröffnungsstück: Ein aufsteigendes Motiv könnte in raschem rhythmischen Lauf den Traum vom Fliegen suggerieren. Ständig wechselnde, kunstvoll verschachtelte Elemente nähren die vielgestaltige Rhetorik weiter. In allen spielerischen Aktionen und Gesten mittendrin ist in jedem Moment das Harfenspiel von Kathrin Pechlof. Leise, aber umso unerschütterlicher ist die Präsenz dieses Spiels.

Das reiche musikalische Material und ihre fantasievoll-assoziative Ausbreitung zeugt vom Weitblick der Ausführenden. Benjamin Schäfer und seine Band haben Erik Saties Klavierstück „Les Fins des Etoiles“ freigeistig adaptiert und etwas neues daraus gemacht. Da darf man auch ruhig mal die vorhandenen Grundelemente umkodieren. Hier war – wie Benjamin Schäfer verriert- ein bestimmter Quartakkord zu Beginn der Satie-Partitur die Schnittstelle, und der nährt eben auch das harmonische Gefüge in einschlägigen Coltrane-Nummern. Also steht am Anfang dieser ursprünglichen Klavierkomposition keine minimalistisch-einfache Tastenlyrik im Sinne von Erik Satie, stattdessen explodiert die Band in tumulthafter Ekstase. Aber auch der „echte“ atmosphärische Gehalt von Saties Musik lebt über weite Strecken. Später arbeitet sich dieses eigenwillige Miteinander von scheinbar konträrem über verschiedene Eigenkompositionen bis in die impressionistische Klangsprache eines Maurice Ravel vor. Und irgendwann erlebt man Benjamin Schäfer dann auch mal als glasklaren Jazzimprovisator.

Man muss sich drauf einlassen, sonst verliert man sich. Aber das Labyrinth kann auch ganz schnell zur berückenden Wunderwelt werden.

Die Wunderwelt eines Livekonzertes mit dem Benjamin Schäfer Quintett tut sich am Freitag, 20. November in der Düsseldorfer Jazzschmiede auf.

CD:

Benjamin Schaefer: Quiet Fire

NWog Records