CD-Besprechung

Fahrstuhl-Abenteuer |

Katharina Bohlen & Claudius Reimann: 2nd Floor

Text: Stefan Pieper

Marl, 20.01.2015 | Claudius Reimann, Saxofonist, der sich manchmal auch in latent dadaistischer Sprachspielerei „Sografonist“ nennt – will es anders machen als die Masse. Also mag er das verstärkte Spiel auf der Bühne mit PA und Mixer etc. gar nicht so sehr. Der Freiheitsdrang zieht hinaus in den Raum. Ohne Bühne und idealerweise ohne irgendein Korsett in Gestalt von Verstärkertechnik. Manchmal wird auch in völliger Dunkelheit musiziert, um die Hör-Sinne zu schärfen. Vor Jahren hat er in Katharina Bohlen seine Gefährtin gefunden – beide sind privat wie auch in allen künstlerischen Projekten miteinander verbunden.

„2nd floor“ heißt die aktuelle CD des Duos – und für deren Produktion wurde gleich die ganze Bochumer Musikschule, normalerweise Katharina Bohlens Arbeitsstätte für den Broterwerb, akustisch in Beschlag genommen. Auch hier wird der Raum und sein akustisches Potenzial zur künstlerischen Variabel, die gestaltet sein will – und es wird ganz gezielt mit dem Instrumentalklang unter verschiedenen räumlichen Gegebenheiten gearbeitet. Konsequenterweise bespielen die beiden gleich das ganze Gebäude auf allen Etagen. Der Fahrstuhl stellt die Mobilität her. Die Werkzeuge sind Tenor- und Baritonsaxofone, Bassklarinetten, Gongs, Tubular Bells, Cymbals sowie „Sound Plates“.

Fast einschüchternd umgeben den Hörer die dumpfen Fahrgeräusche des Aufzuges - klaustrophisch dies! Dann gleißen Flagoletttöne auf Gongs oder Becken – so wie die ersten Lichtstrahlen, sobald die Aufzugtür wieder geöffnet wird. Flächige Improvisationen suggerieren Weite - nicht nur eines imaginären, sondern hier auch eines sehr realen, vielleicht auch etwas unheimlichen Raumes. Sowas nährt hier genug Fantasie und stimuliert noch mehr klangliche Finesse.

Nächstes Stockwerk: Ähnlich wie in einer Musikschule erklingt gegensätzliches. Auf einmal tobt und swingt und groovt eine fröhliche Bebop-Improvisation. Fast surreal wirkt dieser konkret-jazzige Kontrast zur vorherigen Abstraktion.

Nächster Stock: Weite Bögen malt die Bassklarinette, beleuchtet und in fahlen Nuancen gespiegelt wird sie durch zischende, rauschende, weit nachhallende Perkussion. Ein hoher stationärer Saxofonton setzt sich obendrauf. Es gibt keine festen Rollen hier. Nichts muss, alles kann. Expressive Klarinetten liefern neue melodische Bezugspunkte – manchmal regelrecht sinfonisch, als hätte sich die Fahrstuhltür direkt bei einem Orchesterwerk von Strawinsky geöffnet.

Dann zischeln wieder die Becken. Unheimliche Glissando-Sounds aus der Ferne. Dann wieder ein markig-sonores Bassklarinetten-Thema voller abgründigem Bluesfeeling. Fantasiegestalten. Nähe, Ferne, Echos. Nochmal konkrete „Musik“, die Zuflucht bietet: Ein satter Ellington-Swing auf Baritonsax und Bassklarinette. Katharina Bohlen und Claudius Reimann erlauben sich den Umgang mit der Raum-Dimensionen auf spielerische Weise. Heraus kommen auf 2nd Floor Soundscapes von surrealer Collagenhaftigkeit. Die wecken manchmal K indheitserinnerungen an jenen abenteuerlichen Nervenkitzel, wenn man in einem großen, fremden Gebäude einfach nur mit dem Aufzug rauf und runter fuhr - völler Neugierde, was sich auftut, wenn die Fahrstuhltür wieder aufgeht.

CD

Katharina Bohlen - Claudius Reimann Duo

2nd Floor

creative source recordings 2014

www.sogra.de