Platten-Besprechung

Das Behaelter |

the world is all that is the case

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 24.02.2015 | Ja was ist das denn? Ein Ludwig Wittgenstein-Zitat als LP-Titel? Und noch mehr Ungewöhnliches: Eine Band nimmt nach eigener Aussage eine „wundervolle Platte“ auf, Mischung und Mastering und Layout („Artwork“ von Ursula Meyer) sind fertig, man wartet per Crowdfunding auf genügend Unterstützung, um das bisher digitale Endprodukt auf „transparentes, violettes Vinyl“ zu pressen. Die Gruppe nennt sich Das Behaelter, dahinter stecken fünf Musiker aus dem Ruhrgebiet, die sich 2012 gefunden haben: Julius Gabriel an verschiedenen Saxophonen und Achim Zepezauer (electronics) – beide bekannt aus anderen Formationen wie Das Dorf - , Gabor Bodolay am E-Bass, Karl-F. Degenhardt an den Drums – man kennt sich von der Folkwang-Ausbildung - und J X Ende aka Joscha Hendricksen mit einer wilden stimmlich-textlichen Performance einer ebenso wild-anarchischen Dada-Dauer-Suada. Hier finden sich junge Musiker im Alter von 25 – 40 mit unterschiedlichen Wurzeln und Erfahrungen, dem Grundgedanken der Platte nach unverkennbar der freien Improvisation verpflichtet.

Auf zwei Tracks (Achtung: Vorder- und Rückseite der LP!) hört man allerlei Geräusche, Gesampeltes, Flächen und Effekte, intelligent montierte, meistens zusammenhängende Sequenzen, die vom Bass und Schlagzeug und damit von rhythmischen Grundstrukturen geprägt sind, die kunstvoll ziseliert Varianten bieten. Über diese Basis bläst Julius Gabriel aus der Saxophon-Familie vom Bariton bis zum Sopran seine wunderschön expressiven Phrasen – immer in engem Bezug zu den anderen Musikern und dem Sprecher. Der Folkwang-Absolvent erweist sich auch in dieser Konstellation - wie etwa schon bei Das Dorf oder in seinen Musik-Tanz-Performances mit Gunter Hampel und Danilo Cardoso – als äußerst versierter Saxophonist, der seinem freien Spiel einen überbordenden stilistischen und improvisatorischen Reichtum verschafft.

Achim Zepezauer greift tief in die elektronische Trickkiste und erzeugt – auch er - variationsreich eine Vielfalt von Sounds, die mal unterbrechenden, mal unterstreichenden und verstärkenden Charakter haben, die auf jeden Fall insgesamt zu einem dichten, teilweise verstörenden Klangspektrum beitragen. Nach kurzer Zeit setzt die Stimme von J X Ende ein. Mit seinen Worten erzeugt er eine monologische Rede in Ich-Form, der man alles andere als einen kohärenten Text unterstellen darf. Um davon einen Eindruck zu vermitteln, sei der Anfang zitiert: „Durch die Hexenverfolgung zerstörte …. eine ganze Welt von weiblichen Praktiken…kollektive Verhältnisse, Wissenssysteme… und aus dieser Niederlage ging ein neues Modell hervor…Passiv, fügsam, sparsam, wortkarg, stets beschäftigt, keusch….zwei Jahrhunderte lang Staatsterrorimus“. Wortneuschöpfungen („Sinnlosigkeitenzeit“), Sprachspiele („villen-lose Städte, willenlose Städte“), Wiederholungen, manchmal Ansätze von Reimen („Den Kampf gegen mich selbst habe ich längst gewonnen: Tot, abgefischt, hinweg geschwommen.“), zum Teil erratische Syntax verwirren den Rezipienten, der die Sinnsuche bei dem gehörten Text schnell aufgibt und sich ganz dem Wortschwall des Sprechers und seinem sympathischen Parlando-Ton überlässt. Ein wenig ist dabei eine gewisse Nähe zu intellektuellen Varianten des HipHop erkennbar, von verbreiteten Formen des Krawall-Raps setzt sich J X Ende wohltuend ab.

Der Rezensent muss zu seiner Schande gestehen, dass er nach den ersten Hörkontakten mit der Platte nur einen Bruchteil der vielen Zitate erkannt hat, die Macher geben z.B. als zitierte Quellen an: Ludwig Wittgenstein , John Bock , Tiqqun , Alfred Jarry , Jean Baudrillard , Pier Paolo Pasolini, Alejandro Jodorowski, Georges Bataille, Plato, Pier Paolo Pasolini, Antonin Artaud, Raoul Vaneigem. Die Versatzstücke aus diesen Zitaten werden in einer gekonnten improvisatorischen Collage zusammengefügt. Was Zitat, was Improvisation bis hin zum Party-Geschwätz ist, ist nicht eindeutig identifizierbar. Joscha Hendricksen gelingt mit der Textmontage und mit seiner Monolog-Performance mit stimmlichen Verfärbungen und technischen Verfremdungen ein herrlich verrücktes Ideen-Panoptikum, wer beim Hören entsprechende Splitter aufgreift, hat jede Menge Assoziationsfutter zu verdauen.

Gemeinsam mit der Musik, den Geräuschen, den zum Teil eingängigen, zum Teil tanzbaren Rhythmen ergibt sich eine hochinteressante Musik-Text-Melange, die in keine Genreschublade passt – und somit ein spannendes (innovatives?) Musikformat ergibt. Die hervorragend aufspielenden Musiker tragen sicherlich zu dem positiven Gesamteindruck bei, setzen sie ihre Instrumente höchst variantenreich, virtuos und punktgenau zur Wirkung der textlichen Phrasen ein. Das hat etwas wohltuend Frisch-Anarchisches, zumindest schert sich Das Behaelter nicht um musikalische und textliche Konventionen, geht mit Un-Sinn sinn-frei um, gibt so einen Behälter, den man als Hörer selber füllen kann. Das kann man dadaistisch nennen, vielleicht sollte man dies allerdings lieber lassen, weil man damit bereits wieder eine Schublade bediente. Die Bandmitglieder bezeichnen selbst ihre Musik als Agit-Disko-Jazz, unverkennbar sind Punk, Funk, Free Jazz, Noise, Rap als Einflüsse zu nennen. Die verschiedenen Quellen ergeben etwas Pfiffig-Neues. Den Fünfen sind mit ihrer Platte viel Erfolg, viele Unterstützungs-Clicks zu wünschen.

www.dasbehaelter.de

Zum Crowdfunding finden sich genauere Informationen unter:

www.startnext.com/dasbehaelter