Tiefenträume – die aus der Kindheit kommen |

Gespräch mit Steffen Schorn

Text: Stefan Pieper | Fotos: Agentur

Marl, 29.09.2013 | "Ich vermisse jeden Tag, den ich nicht mit diesem Ensemble spiele. Es ist ein Paradies, in diese Klänge einzutauchen, die Poren aufzumachen. Die Arbeit mit dem Norwegian Wind Ensemble ist überhaupt nicht zu vergleichen mit anderen Ensembles. Auch die Probendisziplin produziert diese tiefe Ruhe, meine Ideen fließen zu lassen. Bei denen ist alles so selbstverständlich, so easy!" sagt der Bandleader, Komponist und Jazzprofessor Steffen Schorn über die Zusammenarbeit mit dem Norwegian Wind Ensemble, mit dem er soeben seine ganz besonderen "Tiefenträume" hat Wirklichkeit werden lassen.

So heißt die aktuelle CD, die das Resultat, sozusagen das Fazit einer dreijährigen Arbeitsphase sozusagen als "Conductor in Residence" mit diesem Orchester ist, das selbst für die Verhältnisse in diesem skandinavischen Land der unbegrenzten musikalischen Möglichkeiten ungewöhnlich ist.

Dabei reichen Schorns Tiefenträume weit in die Kindheit zurück. Wenn Steffen Schorn früher zu seinen Großeltern in die DDR reiste, hatte der Zwangsumtausch für ihn was Gutes: Von dem Geld konnte man "drüben" ganz billig gute Platten kaufen - Klassikplatten vor allem, die ihm den ganzen Reichtum der osteuropäischen Sinfonik nahebrachten. Spannend klangen diese Harmonien, mit denen der endlos im Kopf herum experimentierte. Und jetzt sind sie auf "Tiefenträume" wieder da, diese aufregenden Klangfarben, die auch in einem Strawinsky-Ballet oder in Bartóks berühmtem Orchesterkonzert auftauchen könnten.

"Tiefenträume" – übrigens mit dem überragenden Saxofonisten Roger Hanschel (u.a. Kölner Saxofon Mafia) als Gastsolist! - lässt solche unbewussten Prägungen in einem Feuerwerk genialischer Ideen an die Oberfläche kommen. Und hier hat eine Produktion mit komplex arrangiertem zeitgenössischen Jazz aus der Feder eines kühnen, reflektiert überlegenden Musikdenkers tatsächlich so etwas wie Eingängigkeit. Tiefenträume ist großes Theater und mitreißendes Hörkino in jedem Moment. Schorn selbst zeigte sich im Gespräch auf jeden Fall hocherfreut über solche spontanen Eindrücke.

Und da er vor allem auch ein kluger Musik-Verbalisierer ist, legte er im Gespräch sofort mit seinen eigenen Innenansichten los. Bei allem sei es ihm doch ein Anliegen, die Musik eben nicht in Labyrinthe zu führen, sondern mit möglichst reduziertem Ausgansmaterial ein Maximum an Stringenz und Klarheit zu erzielen:

"Im Grund besteht die Keimzelle aus zwei kontrastierenden Primärakkorden. Das sind zwei terzfreie Dreitongruppen, die kombinierbar sind. Das war die erste Idee, mit der ich schon lange rumspielte. Diese beiden Klänge finden sich im harmonischen Zentrum, den Motiven in Melodieinstrumenten und Bässen wieder und gehen immerzu eine starke Reibung ein. Auf deren Verknüpfungen und Entfaltungen baut sich die gesamte harmonische Sprache auf."

Die ganze Emotionalität und Färbung eines Musikstückes kommt nun mal von bestimmten Tonbeziehungen, die eben vorhanden und eben bewusst nicht vorhanden sind. Schorn weiß, was er will, und da standen wieder seine Hörerfahrungen von früher, seine Erlebnisse mit Sinfonik Pate:

"Bei Bartok oder Strawinsky beispielsweise baut sich vieles auf Quartakkorden und –Harmonien auf, bei gleichzeitiger Vermeidung von Terzen. Dies ergibt eine Art schwebende Mehrdeutigkeit, die die Emotionalität der inneren Bilder unterstützt und die Form auf unterschiedliche Weise sich entfalten lässt."

Das fließt dann in extrem anspruchsvolle rhythmische Ideen ein - oft polymetrische Verfahren oder unregelmäßig Rhythmen wie Fünfachtel oder sogar Dreiundzwanzig-Achtel. Letztlich will Schorn mit so etwas "ausdrücken wie es in mir schwingt."

Man könnte Messiaen-Einflüsse heraushören und natürlich immer wieder Jazzharmonik, die sehr speziell dosiert wird, damit diese Komposition ihre eigene Note bekommt. Die Holzbläser-dominierte Instrumentierung, ist daher auch eher an sinfonischen Apparaten und weniger an Jazzbigbands orientiert. Was Schorn immer wieder mit diesem Ensemble erlebt kann er mit einem einfachen Wort auf den Punkt bringen: "Absolute Tiefe!"

Über seine dreijährige Zusammenarbeit mit den multitalentierten Norwegern ist Steffen Schorn auf jeden Fall überglücklich. Sie ist der bisherige Höhepunkt Schorns, was den Austausch des in Nürnberg lebenden Bandleaders mit der skandinavischen Musikszene anbelangt. Erste Konzerte hatten ihn bereits 1998 im Duo mit Claudio Puntin und der Kölner Saxofon Mafia nach Norwegen geführt. Vor allem lernte der Geir Lysne, einen norwegischen Saxofonisten und Komponisten kennen, mit dem ein reger Gedankenaustausch in Sachen großorchestraler Farben und Formgestaltung in Gang kam. 2009 wurde Schorn dann zu einem Gastdirigat mit dem Norwegian Wind Ensemble eingeladen. Eine Suite mit Musik von Astor Piazolla war das erste Projekt. Die Einladung zu einer dreijährigen Tätigkeit als Kurator war dann nur noch die logische Konsequenz. Weitere Veröffentlichungen aus dieser fruchtbaren Zusammenarbeit sind geplant.

Und: Steffen Schorn und das Norwegian Wind Ensemble sind mit ihrem Tiefenträume-Programm am 1. Februar 2014 in Gütersloh beim WDR Jazzfest. Unbedingt vormerken!

NORWEGIAN WIND ENSEMBLE cond. by STEFFEN SCHORN Tiefenträume

01. Intro (Steffen Schorn), 02. Tiefenträume, 03. Intermezzo, 04. Dantie´s Dance, 05. Intermezzo, 06. Tauspiegelungen, 07. Intermezzo, 08. Coda, 09. Epilogue

Roger Hanschel - as, f-mezzo-sax, Steffen Schorn - afl, bfl, bars, bcl, b-tubax perc, Rob Waring - vib, Rune Arnesen, Knut Ålefjær - dr, Øywind Haavik, Linn Cecilie Aasvik - fl, Inga Eeg Henriksen, Karin Seppola - oboe, Eirik Jordal, Knut Henriksen, Thorleif Bergby - cl, Roar Alnes, Tor Egill Hansen - bcl, Geir Holm, Kristin Haagensen - saxes, Jaran Stenvik, Embrik Snerte - bassoon, Frank Brodahl, Marius Haltli, Torgeir Haara - tp, Britt Larsen, Steinar Nilsen - horns, Tarjei W. Grimsby, Torild Grytting Berg, Arild Hillestad - tb, Roger Fjeldet - tuba, Roger Morland - b, Andre Fjørtoft - perc

Norwind Records 2013

Vertrieb über inakustik