CD-Besprechung

Miklós Lukács, Larry Grenadier & Eric Harland |

Cimbalom Unlimited

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 06.02.2017 | Politisch schwappt aus dem bewusst grenzziehenden Ungarn aktuell nicht unbedingt Erfreuliches über die Grenze – umso erfreulicher gelingt dies in der Musik, die – eine Binse – immer schon vom Ansatz und Anspruch grenzüberschreitend angelegt ist. Von dem ungarischen Label BMC ist unlängst eine CD mit einer solchen transgredierenden Musik erschienen: Cimbalom Unlimited.

Der Titel gibt bereits einen Hinweis auf ein zumindest im Jazzkontext eher ungewöhnliches Instrument, das Zymbal, ein mit Klöppeln geschlagenes Hackbrett, dem persischen Santur verwandt, das vor allem in der Folklore, aber auch in der klassischen Musik des osteuropäischen Raums eine wichtige Rolle spielt. Der ungarische Zymbal-Meister Miklós Lukács verbindet von Kindheit an – übrigens ursprünglich als Therapie – mit dem Instrument urbane Gypsy-Musik mit Klassischer Musik und Jazz. Nach eigener Aussage liegen seine Wurzeln in der Folk-Musik, seine Ausbildung ist durch die Klassik geprägt, seine Liebe gilt dem Jazz. Für diesen begriff er sich immer als Übersetzer mit starkem Interesse daran, den sog. Jazz Manouche style à la Django Reinhardt und Stéphane Grappelli zugunsten eines moderneren Zugangs zu erweitern. Mehr und mehr engagierte er sich in internationalen Formationen, die Zusammenarbeit schließlich mit keinem Geringeren als Charles Lloyd brachte ihn zusammen mit Larry Grenadier am Kontrabass und Eric Harland an den Drums, den Mitspielern der neuen CD.

Der Opener Balkan Winds erzeugt in der Tat mit einem jazzrockigen Impetus kräftigen Aufwind. Lullaby for an Unborn Child beginnt mit suchenden Lauten, die sich zu einem ruhigen Kammerspiel entwickeln, auf das eine Sequenz folgt, bei der Miklós Lukács seine Klöppel in hoher Geschwindigkeit auf die Saiten schlägt. Bei dem ebenfalls von Bela Bartók inspirierten Peacock Dance handelt es sich um ein Uptempo-Stück mit atemberaubender Virtuosität des Zymbal-Meisters. Der Dawn Song orientiert sich an typische Traditionen des Balkan-Folks, auf einer entspannten Bass-Linie spielt Lukács im Diskant wunderbare Arpeggien und Melodien. So auch in dem Stück Somewhere..., das eher der persischen Musiktradition verpflichtet ist und mit schnellen Läufen aus einem Schwebezustand auf einen kraftvollen Höhepunkt hinausläuft. Auf einen weiteren Kulturraum ebenfalls mit einer Hackbrett-Tradition verweist Sunrise in Chennai: auf Indien. Nach gut drei Minuten sphärischer Musik steigert sich das Trio zu einer jazzrockigen spielerischen Wucht und paart diese mit einem tiefen musikalischen Ausdruck – umwerfend. Die CD endet mit einer Verbeugung vor dem im letzten Jahr verstorbenen großen ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy: R.I.EP. (In Memoriam Esterházy Péter). Das im weiten Hallraum gespielte ruhige Stück nimmt sich im Verlauf immer mehr zurück, bis es sich schließlich ganz in Stille auflöst – eine ergreifende musikalische Erinnerung an einen Schriftsteller, der die grenzziehende Borniertheit des Rechtspopulismus immer verurteilte und sich für kulturelle Offenheit und Neugier einsetzte.

Dem Trio gelingt mit Cimbalom Unlimited mit der ungewöhnlichen Instrumentierung eine ungewöhnliche, ja eine ausgesprochen erfrischende Fusion, der man die Einflüsse von Folk, Klassik und Jazz deutlich anhört, die diese in einem wunderbar konzentrierten und perfekten Trio-Spiel auf ein beachtliches Level bringt. Ein rundum überzeugendes Beispiel dafür, dass Kreativität sich eben aus bewusstem Grenzüberschreiten speist und sich nur so entwickeln kann.

Miklós Lukács, Larry Grenadier, Eric Harland: Cimbalom Unlimited. BMC CD 244