Ein starkes Label-Debut! |

Einzelstücke aus der Tonkunst-Manufaktur

Text: Stefan Pieper | Fotos: Rolf Schoellkopf (Markus Markowski), Stefan Pieper (Klaus Treuheit)

Marl, 30.03.2018 | In Zeiten der industriellen Massenproduktion genießen handgemachte Einzelstücke ihre besondere Exklusivität. Dies gilt auch für die freieste, spontanste Form des Musizierens, wo das unmittelbare Klangereignis und der individuelle Ausdruck ganz dem Moment oder dem subjektiven Ausdruck des Einzelnen geschuldet sind. Claudius Reimann, Initiator und Gründer des neuen Labels „Tonkunst-Manufaktur“ hat auf einem ambitionierten Sampler erst mal eine Bestandsaufnahme gewagt, bevor hoffentlich viele weitere Projekte dieser Label-Gründung folgen. Er lud viele Musikerinnen und Musiker in sein frisch eingeweihtes Studio ein. Dort durften sie sein, bzw. in maximal fünf Minuten die eigene künstlerische Visitenkarte auf den Punkt bringen.

Los geht es mit einem Akkordeonsolo von Ute Völker, die zu den festen Größen der Wuppertaler Szene gehört. Hier wird gleich zu Beginn das Prinzip eines Monologes hinterfragt - bietet doch das Akkordeon alle Möglichkeiten auf, zwei Stimmen lauter und leiser gegeneinander zu setzen, so dass unter den Händen eines Spielers ein Dialog mit Reibungen, aber auch Momenten tiefer Symbiose entsteht.

Iouri Grankin ist ein Stimmakrobat, der geht in seinem Beitrag extremst ans Eingemachte: Da tobt eine harsche Kehlkopf-Akrobatik, werden Stimmbänder scheinbar zum Besten gedehnt. Es schnalzt, gluckst, seufzt und noch viel mehr. Phasenweise entfalten auch artikuliertere Silben und Sprachfetzen eine spontane humorvolle Poesie – ja, das alles hat auch eine eigenwillige Rhetorik.

Markus Markowki demonstriert dann einen sehr unmittelbaren Zugang zu allem, was auf seiner E-Gitarre im weitesten Sinne klingen kann. Da brechen Klangwellen an ihrer Oberfläche, überschlagen sich geräuschhafte Gesten in Rückkopplungsgewittern. Viel Spielwut und manchmal auch brachiale Direktheit wird erfahren, wer es mit diesem Spieler aus Bremen, etwa in einer Duo-Session aufnimmt.

Ungleich zarter breitete Anke Ames auf ihrer Viola die Schwingungen aus. Man ist eingeladen, ihr auf spannende Entdeckungsreise zu folgen, darf Räume der tonalen Zwischenwelt betreten, die sich sehr weit auftum zwischen den „normalen“ wohltemperierten Tonabständen.

Natürlich gibt auch der Begründer dieses Projekts sein eigenes Statement: Claudius Reimann bringt in knackiger Dramaturgie seine eigene „Improvisatoren-Handschrift“ auf den Punkt. Was kann man mit der Luft im Organismus seines Baritonsaxofons alles anstellen: Da erheben sich perkussive Texturen aus dem reinen Geräuschereignis, ja, fast eine Art Groove, der mit eher stationäreren Parts wie ein einer ABA-Stuktur abwechselt. Man nicht im Zweifalsfall nicht mehr als knapp vier Minuten, um eine Dramaturgie auf den Punkt zu bringen - Reimann demonstriert, wie so etwas geht.

Wie in einem tibetanischen Gebetsritual muten die ersten sirrenden, scheppernden Klänge von Martins Blumes Extension Nr.3 an. Dann weitet der in Bochum lebende Schlagzeuger den Rahmen weiter aus, wenn er zunehmend immer mehr Felle, Trommel, Becken, Gongs und andere Objekte einbezieht. Und das ganze bleibt viel zu meditativ, um irgendwann mal in Überladenheit auszuarten. Hier hat jemand tief in sich hinein gehört, schöpft Klangereignis und Impulse aus einem inneren Ruhestand heraus - der in unserer Alltagswelt doch mal wieder erstrebenswert ist.

Hoch, noch höher, ganz hoch hinaus treibt es Katharina Bohlen, eine Klarinettistin aus Bochum und Partnerin von Claudius Reimann. Wie ein gellender Weckruf, gestaltet sie den Beginn ihrer instrumentalen Rede aus. Hier gibt es noch so viel zu sagen. Sie formt Figuren und schöpft eine filigrane Rhetorik aus komplexer, fein ausdifferenzierter Mikrostruktur - bei der man manchmal an Olivier Messiaens Vogelstimmen-Adaptionen erinnert wird.

Die Neue Musik und die Improvisationsszene sind doch in ihren Ergebnissen sehr verwandt miteinander – mit dem Unterschied, dass in der ersten Disziplin die Arbeitsteilung zwischen Komponist und Interpret weiterlebt, während im hier vorliegenden Szenario genau das Gegenteil der Fall ist und der Musiker zum „Instant composer“ wird -ein Prinzip, dass diese CD durch ihre Vorgabe des knappen Zeitformates stark radikalisiert!

Diesem Ziel wird auch Eberhard Meisel auf seiner elektrischen Zither gerecht. Das Ziel ist erreicht, wenn aus den schwirrenden, sirrenden Überlagerungen, die manchmal wie mysteriöse Schwingungen aus einem rätselhaften Äther kommen, ganz viel imaginäre Kraft hervor geht.

Carl Ludwig Hübsch spielt die Tuba – diese ist bekanntlich sehr groß und klingt sehr tief, was die Schwingungsverläufe entsprechend langsam macht. Auch solche physischen Gegebenheiten wecken viel Kreativität, um hier dem einzelnen Tonereignis zu Leibe zu rücken, sich vielleicht mal auf die Suche nach dem „Ur-Klang“ zu begeben.

Fast alle Beiträge wurden in Reimanns neuem Tonstudio aufgenommen - welches bis dato noch ein ganz normales Dachzimmer in seinem Haus im nördlichen Ruhrgebiet war.

Für den letzten Beitrag wurde ein Ortswechsel vorgenommen – und zwar in die Neustädter Kirche zu Erlangen. Dies ist die Haupt-Wirkungsstätte von Klaus Treuheit, den man wohl als den ambitioniertesten Musiker der freien Improvisation auf Kirchenorgeln und historischen Tasteninstrumenten bezeichnen muss.

Eine große Kirchenorgel bietet nun auch in Sachen freier und freiester Instrumentenbehandlung alle nur denkbaren Möglichkeiten auf. Treuheit weiß wie kein anderer, die gewachsenen und jahrhundertelang entwickelten Potenziale dieses größten Instruments mit der musikalischen Gegenwart, ja mit dem unmittelbaren Augenblick kurzzuschließen. Angesicht von vielen tausend Pfeifen, Registern, darf man sich zum großen Finale dieser CD auch mal doppelt so viel Spielzeit wie vorgegeben gönnen: So wird man nachhaltig hineingezogen in dieses Klanguniversum, was unter Treuheits Händen (und Füßen auf den Pedalen) entsteht. Klänge türmen sich in nebulös wabernden Clustern auf und es versetzen unruhige Reibungen und Schwebungen in Aufruhr.

Info und Bezugsquelle

http://tonkunstmanufaktur.de/