Festivals in NRW

48. Moers Festival Pfingsten 2019 |

Utopien und Träume mit ungewöhnlicher Musik

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Moers, 11.06.2019 | Joshua Redman steht auf der Bühne mit seinem Tenorsaxophon und spielt grandiose Improvisationen und mit ihm treten die zwei wichtigsten Klangkörper in NRW im Bereich aktueller Gegenwartsmusik auf: das Ensemble Musikfabrik und die WDR Big Band. Das Ensemble Musikfabrik, das seinen Schwerpunkt in der Neuen Musik hat und dabei aber auch Musik von Frank Zappa spielt, sowie die WDR Big Band sind beide in ihren Bereichen Weltspitze.

Das Moers Festival macht es möglich, das diese Spitzenmusiker*innen als Moers Abstractions zusammen auf der Bühne stehen unter Leitung von Vince Mendoza. Es erklingen Klanglandschaften mit so nie gehörten Arrangements und Improvisationen, die eindrucksvolle Momente schaffen. Die Kombination der Musiker*innen ist ebenso einzigartig, wie die Musik. Das gibt es nur hier auf dem Festival.

Diese unglaubliche Kollaboration, ist nur eine von vielen. Wenn Günter Baby Sommer und Marshall Allen, der Sun Ra Leader, zusammen mit einem jungen Elektronikmusiker aus Japan und einem brasilianischen Spokenword Performer zusammen kommen, dann entstehen neue Formen von Musik.

Ein weiteres einzigartiges Moers Projekt ist das Global Improvisers Orchestra. Hier sind zehn Musiker*innen aus neun Ländern zusammen. Ungewöhnliche Instrumente, wie der burmesische Trommelkreis, ein Marimbaphon, eine Theorbe (eine Lautenart) und Akkordeon, aber auch Elektronik, Gitarre, Trompete, Saxophon, Bass und Schlagzeug, kommen hier zusammen und erschaffen eine Fülle an Klangfarben.

Emilo Gordoa, der Improviser in Residence, stellt sein Move Quintet vor. Hier erlebt das Publikum freie Improvisation auf höchstem Niveau.

Hayden Chisholm war 2015 Improviser in Moers und lebt seit zwei Jahren in Belgrad, genauer im Stadtteil Dorcol. Dort traf er auf eine lebendige Musikszene, in der er sich eingebracht hat. In Moers tritt er mit einigen der Musiker aus Dorcol in der Band D.K. Heroes auf. Treibende schnelle ungarisch-serbische Sintimusik, wechselt mit sentimentalen Liedern.

Mit dem Trompeter Damir Bacikin spielt er auf der Festivaldorfbühne im Bandprojekt Balkan Realbook, am Bass ist Joscha Oetz und Achim Krämer am Schlagzeug.Bei den Urban Pipes spielt Chisholm Duddelsack. Am späten Abend spielt er dann mit den Musikern im Vortex Kafana, einer “serbischen Kneipe“ auf dem Moers Festival.

Hayden Chisholm ist als Musiker, quasi eine Verkörperung des Moers Festivals. Er ist ein hochkarätiger Saxophonspieler, greift auch manchmal zur Gitarre, sitzt bei Bedarf am Schlagzeug, spielt Flöte oder auch Dudelsack. Er ist ein kreativer Grenzgänger, Kosmopolit und immer offen für neue musikalische Inspirationen.

Der herausragende Trompeter Peter Evans, der am ersten Festivalabend einen beeindruckenden Soloauftritt hat, tritt am Sonntag mit der Improviserin des letzten Jahres, der Flötistin Josephine Bode und zwei Musikern aus Tokyo, auf. Auch ein Bandprojekt, das es nur in Moers gibt.

Über die wunderbaren brasilianischen Musiker*innen haben wir bereits vom ersten Tag berichtet. Sie spielen in unterschiedlichsten Formationen von Septett bis Solo. Ein besonderer Soloauftritt, ist der von Mariá Portugal, Schlagzeugerin und Sängerin aus Sao Paulo. Sie war letztes Jahr bereits mit Band in Moers.

Für Nachtschwärmer oder “Frühaufsteher“ kuratiert Saxophonist Jan Klare aus Münster die Moers Sessions, hier treffen die unterschiedlichsten Musiker*innen aufeinander.

Aber es gibt nicht nur “Moers Bandprojekte“ sondern auch feste Gruppen, die auf dem Festival spielen. So die Band SCATTER THE ATOMS THAT REMAIN , die das Festival mit einem famosen Konzert eröffnet haben. Der 26-jährige Mike Troy an Tenor- und Sopransaxophon spielt in wahrhaft ekstatischer Weise und lässt John Coltrane auferstehen.

Für den Bandleader Franklin Kiermeyer am Schlagzeug ist die spirituelle Komponente seiner Musik ebenso wichtig, wie sie es für John Coltrane war. Die Band ist die Entdeckung des Festivals.

Eine andere großartige Band, ist das New York Trio der Saxophonistin Angelika Niescier mit Chris Tordini am Bass und Gerals Cleaver an den Drums.

Das Trio spielt am Samstag im Schlosshof und am Sonntag in der Festivalhalle zusammen mit den Frauen der Trondheim Voices. Der Gesang hat eine fast sakrale Komponente, die durch die Beleuchtung noch unterstrichen wird. Die Soli von Angelika Niescier sind bei beiden Konzerten exzeptionell. Eine großartige Instrumentalistin.

Das Konzert von DBLW mit Johannes Brecht an der Elektronik, Christopher Dell am Vibraphon, Christian Lillinger am Schlagzeug und Jonas Westergaard am Bass ist ein weiterer Höhepunkt des Festivals. Zwei herausragende Schlagwerker, die sich gegenseitig fordern, stützen und treiben, unterstützt von Bass und Elektronik geben der Band ihr besonderes Gepräge. Dell und Lillinger sind einfach beide virtuose Schlagwerker.

Bei der Eröffnung lud Tim Isfort die Zuhörenden ein, ihr ganz persönliches Moers Festival zu kreieren und zu erleben. Mit 250 Musiker*innen und 130 Konzerten an unterschiedlichen Orten, kann ein Festivalbericht nur ein sehr persönlicher Bericht sein.

“Mein“ 48. Moers Festival ist ein Festival mit vielen tiefen Momenten, voll von Musik die ergreift, die in die Glieder fährt, zu Herzen geht und auch den Kopf erreicht. Inspirierend, aber auch nachdenklich machend.

Für den künstlerischen Leiter Tim Isfort ist es das dritte Festival und an Zahlen gemessen, das erfolgreichste. An der Musik gemessen war es wieder ein Festival der Experimente, des Neuen, der Utopien und Träume. Well done.

Freuen wir uns auf das nächste Festival 2020.

www.moers-festival.de

Siehe auch Bericht vom ersten Tag:

http://nrwjazz.net/jazzreports/2019/Moers_Festival_Erste_Eindruecke/