Jazz und improvisierte Musik im Kirchenraum |

Janning Trumann: Wem Zeit wie Ewigkeit

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 08.10.2019 | Jazzige Klänge dringen am Montag aus der Antoniterkirche in die Kölner Schildergasse. Die ein oder anderen neugierigen Passanten schauen herein. In der gut besuchten Kirche findet ein Konzert statt. Die Musiker*innen stehen auf der Empore um die Orgel gruppiert, an der Sebastian Scobel sitzt.

Mit Posaunenklängen, dunklen Orgeltönen und einem wuchtigen Bläsersatz eröffnet das Janning Trumann Nonett das Konzert in der Kölner Antoniterkirche. Janning Trumann hat Musik für den Kirchenraum komponiert, inspiriert von einer Zeichnung Ernst Barlachs, die sich auf ein Gedicht des Mystikers Jacob Böhme bezieht: „Wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid.“ Mit den Mitteln der Musik soll dem Spannungsverhältnis von Zeit und Ewigkeit nachgespürt werden.

Zu den Hintergründen der Komposition von Janning Trumann siehe den Jazzreport dazu:

https://nrwjazz.net/jazzreports/2019/Janning_Trumann_Projekt_Wem_Zeit_wie_Ewigkeit_/

Das Konzert in der, ist das dritte und letzte einer kleinen Konzertreihe, die in Janning Trumanns Heimatort Barum begann, im Kloster Loccum fortgesetzt wurde und nun in Köln endet.

Die Antoniterkirche ist sicher der passende Ort für die Aufführung einer Komposition, die von Ernst Barlach inspiriert wurde. Die Kirche wird auch “Barlach Kirche“ genannt, da sich dort einen Abguss von Barlachs berühmten fliegendem Engel mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz befindet.

Janning Truman, der selbst zu den profiliertesten Posaunisten der jungen Generation gehört, hat ein Nonett aus acht musikalischen Weggefährt*innen und der Künstlerin Lena Czerniawska, die mit Live Projektionen die Musik begleitet, zusammengestellt.

Der kräftige Bläsersatz zur Orgel am Beginn des Konzertes ist aber nur ein Element, das in einigen Passagen zum Einsatz kommt. Die Komposition besteht aus sechs Stücke, die eine zusammenhängende Suite bilden. Janning Trumann hat darin viele verschiedene musikalische Möglichkeiten eines Oktetts ausgelotet. Auch wenn die Orgel einen prominenten Platz einnimmt, verdrängt sie die anderen Stimmen nicht, sondern fügt sich in den Chor der Instrumente. Obwohl der Kirchenraum den Klängen eine kräftige Resonanz mit Hall gibt, kommen die feinen und leiseren Passagen durchaus zur Geltung. Gleich zu Beginn gibt es ein schönes Zusammenspiel von Dierk Peters am Vibraphon mit Sebastian Scobel an der Orgel.

Uli Kempendorff spielt eine herausragende Improvisation im Dialog mit der Orgel. Nach einiger Zeit setzen dann die anderen Instrumente ein, aber das Tenorsaxophon bleibt sehr prominent.

Die etwas über 60 Minuten des Konzertes sind angefüllt von solchen besonderen Momenten.

Etwa wenn Heidi Bayer mit hohen Trompetentönen in Zwiesprache mit den dunklen Tönen von Tini Thomsens Baritonsaxophon geht oder wenn Bayers dringliche Trompete von Sebastian Scobels Orgel begleitet wird. Wenn Stefan Schönegg, zu tiefen Orgelklängen den Kontrabass elegisch stimmungsvoll streicht, dann entstehen richtige Gänsehaut Momente.

Auch das Altsaxophon von Charlotte Greve, die für das Publikum unsichtbar hinter der Orgel steht, trägt zu diesen eindrücklichen Momenten bei. Diese subtilen Duos und Trios werden dann wieder von kräftigen Tuttis abgelöst, bisweilen kreisend, suchend, manchmal unisono.

Nicht zuletzt ist die Posaune von Janning Trumann ein tragendes Instrument, bei dem er mitunter auch nur auf dem Mundstück spielt. Hier spürt man den Einfluss seines Lehrers Nils Landgren. Janning Trumann gibt auch die Einsätze für die Band.

Lena Czerniawskas Live Zeichnungen, die an verschiedene Wände des Kirchraums projiziert werden, greifen das Bild des fliegenden Engels auf und verfremden es. Die Künstlerin lässt sich bei ihrer Arbeit vom Fluss der Musik anregen.

“Wem Zeit wie Ewigkeit“ ist in gewisser Weise sakrale Musik, mit Elementen des Jazz und der Neuen Musik, mit fest notierten Teilen und Raum zur Improvisation. Aber das Thema Zeit und Ewigkeit in unserer Welt der Schnelllebigkeit, ist auch ein säkulares Anliegen der Menschen. Janning Trumann hat durchaus etwas sehr Aktuelles aufgegriffen, auch wenn es bereits von einem Mystiker des 1700 Jh. formuliert wurde.

Das Ende des letzten Stückes bildet das ganze Thema noch einmal in der Nussschale ab. Aus einzelnen Tönen steigert sich die Musik zu einem Crescendo und steigt dann wieder ab, dann werden die Töne lange gehalten – Zeit als Ewigkeit – Ewigkeit als Zeit.

Ein eindrückliches Konzert, mit einer facettenreichen Musik, die das Publikum über Zeit und Ewigkeit nachdenken lässt, die aber darüber hinaus vielförmige Klanglandschaften eröffnet.

www.janningtrumann.com