​Alarmstufe Rot |

Illuminierte Spielstätten sind ein Hilferuf

Text: Stefan Pieper

Marl, 24.06.2020 | Wir wissen nicht, ob man die ca 7000 roten Lichtpunkte aus dem Weltall sehen konnte. Tatsache ist: Dem Aufruf, Konzerthallen, Theater und andere Kulturspielstätten rot anzuleuchten sind zahllose Betreiber und Veranstalter überall im Lande gefolgt. Die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit war beachtlich. Denn es ist Alarmstufe rot für die Kultur.

Auch der Nordsternturm leuchtet rot an diesem Abend und auch hier ist diese Geste vor allem ein Hilferuf. Viele Clubs, Theater, Konzerthallen sind seit Monaten verwaist. Zunehmend prägen leerstehende Lokale die Stadtbilder, denn viele mussten schon aufgeben. Das Virus hat alle gleich gemacht? Ein zynischer Satz angesichts von so viel zweierlei Maß, mit dem in Politik und Wirtschaft gemessen wird. Vollbesetzte UrIlaubsflieger dürfe wirder starten. Die Betreiber von Shopping Malls erfreuen sich schon seit Monaten wieder eines regen Kundenandrangs. Jetzt gerade explodiert ein neuer Infektionsherd, weil ein milliardenschwerer Konzern der Lebensmittelindustrie aus Profitgier seine Arbeitskräfte unverantwortlich zusammengepfercht.

Kulturelle Veranstaltungen ersticken derweil unter ausufernden behördlichen Restriktionen. Natürlich manchen gründliche Vorsichtsmaßnahmen Sinn - die wenigen nun endlich wieder stattfindenden Konzerte funktionieren angesichts eines disziplierten Verhaltens aller Beteiligten sehr gut. Nur: Finanziell rechnet sich dies alles nicht. Typisches Beispiel: Beim jüngsten Konzert der Gruppe „Masaa“ in den Hertener Schwarzkaue wurde eine viel größere Halle angemietet, weil nur so die Abstandsregeln einzuhalten sind. Die Hallenmiete wird dadurch aber nicht billiger, auch wenn sie nur mit einem kleinen Bruchteil ihres Fassungsvermögens besetzt werden darf.

Rücklagen bilden? Oder für die geleistete Arbeit den Lebensunterhalt der Beteiligten sichern? Für die meisten Veranstalter kein Gedanke daran! Über 7000 Venues waren gestern rot angeleuchtet, weil seit dem 10.03.2020 einem kompletten Wirtschaftszweig die Arbeitsgrundlage entzogen worden ist. Bei nahezu allen Gesten der Politik, hier für Abhilfe und Nachhaltigkeit zu sorgen gilt leider der Satz: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Tim Koporek, Initiator der Aktion „Night of Light“ schätzt die Lage realistisch ein: "Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht!" Die gesamte Veranstaltungsbranche stehe damit auf der "Roten Liste der aussterbenden Branchen. Die Illumination von Theatern, Konzerthallen, Clubs und auch den Industriedenkmälern im Ruhrgebiet ist ein Hilferuf. Wie emotional Musiker und Publikum auf die raren Konzertevents reagieren, belegt das starke, gesellschaftliche und soziale Bedürfnis nach Livekultur. Für das weitere Überleben nach dem Lockdown braucht es finanzielle Hilfen, die nachhaltig und verlässlich sind. In Aussicht gestellte Kreditprogramme wirken schon wieder wie eine Luftnummer in einer Branche, in der sowieso kaum Überschüsse erwirtschaftet werden können.

Auch viele kleinere Städte sind dem Aufruf, ihre Spielstätten rot illuminieren gefolgt. Denn gerade hier ist das einzige Stadttheater oder eine kleine, langjährig bestehende Konzertreihe ein existenzieller, weicher Standortfaktor. „Mit der Aktion wollen auch wir auf die gravierenden Folgen für den Arbeitsmarkt aufmerksam machen und die kulturelle Vielfalt in den Städten thematisieren. Daher zeigen wir uns gerne solidarisch“, sagt Werner Arndt, Bürgermeister der Stadt Marl - stellvertretend für viele andere Kommunen.

Ein sehenswertes Video dokumentiert ausführlich die Aktion:

https://www.youtube.com/watch?v=H9lyEWHk4WQ