Livestream-Kritik

BTVN 2020 |

Bandleaderinnen wurden von Musik zu Musik inspiriert

Text: Stefan Pieper

Köln, 06.12.2020 | Beethoven und Jazz? Ein Widerspruch oder vielleicht gar nicht? Im Rahmen von „BTHVN 2020“ suchten vier hochmotivierte Projektbands in raffinierten Besetzungen nach Schnittstellen zum großen Komponisten.

Ob Beethoven wohl ein progressiver Jazzer wäre, wenn er in heutiger Zeit lebte? Vielleicht – wo er mit mutigem Forschergeist Grenzen aufbrach und erweiterte und in vielen Werken auch die musikalischen Grundlagen seiner Zeit erforschte.

„Wie dieser Mann gearbeitet hat, das hat mich total umgehauen“ zog Caroline Thon das spontane Fazit nach ihren persönlichen Beethoven-Erkundungen im Rahmen des Festivals BTHVN 2020. Da man hier nicht mehr Beethoven einladen kann, damit der sich im zeitgenössischen Jazz erprobt, war der Spiel gewissermaßen umgedreht worden: Vier Bandleaderinnen mit exklusiv für diesen Anlass gebildeten Besetzungen wurden auf das Erbe Beethovens losgelassen – was zur kreativen Freiheit hörbar ermutigte!

Zwei Konzerte pro Abend und dies zweimal hintereinander mit wirklich hochkarätigen Besetzungen - schade einmal mehr, dass all dies wieder nur an den Bildschirmendgeräten erlebbar war und dann auch wieder diese beklemmend traurigen Momente kamen, wo statt Publikumsapplaus nur verkrampfte Stille herrscht. Die Experimentier- und Spiellust bremste dies aber in keiner Weise, gibt es doch so viele Wege, sich von Musik zu Musik inspirieren zu lassen.

Rebecca Salomea Zieglers Anliegen war vor allem das seelische Psychogramm dieses Komponisten. Ihre Quelle sind weniger die Partituren, sondern umso mehr die vielen, oft sehr bewegenden Textdokumente aus Beethovens Feder – natürlich das berühmte Heiligenstädter Testament, aber auch zahllose Briefe. Hinter dem aufbrausenden Musikrevoluzzer und energischen Workaholic steht doch eine ganz und gar zerbrechliche Seele. Das wird deutlich durch die fragil-verinnerlichte und etwas spröde Songpoesie, welche Gesang und manchmal auch Sprechstimme erlebbar machen. Imaginäre Räume hinter den Worten eröffnen derweil die instrumentalen Stimmen, allen voran Kathrin Pechlof auf der Harfe und der lyrisch aufspielende Saxofonist Sebastian Gille.

Ulla Oster, die im Rahmen der Jazzhaus-Initiative den Anschluss der Kölner Jazzszene ans BTHVN-2020-Projekt initiiert hatte, setzte mit ihrer Band genau am anderen Ende an - um dann mit umso mehr Klangsinnlichkeit den Stadtgarten anzufüllen: Einige klar definierte Themen und Motive sind genug, geben endlos Futter für improvisierte, spielerische Energie im Sextett. Ein Thema aus einem Streichquartett reizte Ulla Oster besonders für verspielte Dekonstruktion. Der virtuose Bogen läuft am Ende wieder auf „pur“ gespielte Passage aus einer Klaviersonate hinaus. Große Kreise am Ende wieder zu schließen, genau das war ja auch immer Sache des Ludwig van Beethoven, der in vor 250 Jahren in Bonn geboren wurde.

Angelika Niescier hatte ebenfalls Beethovens Ouvre gründlich erforscht, um sich von der daraus sprechenden künstlerischen Philosophie zu etwas Eigenständigem, Intuitiven inspirieren zu lassen. Das setzte eine hellhörige, manchmal tief gründelnde Spiellaune frei und löst sich – zumindest aus der Hörer-Perspektive - am weitesten von irgendwelchen direkten Beethoven-Anspielungen. Fantastisch auch die Palette der Klangfarben, vor allem die Interaktion des Vibrafon-Duos aus Christopher Dell und Evi Filliopou.

Aus bzw. mit Beethoven Jazz zu machen bleibt allemal eine Gratwanderung. Denn im Gegensatz zur improvisatorischen Variabilität von Bach sind Beethovens Kompositionen viel zu durchkonstruiert und in sich geschlossen, als dass hier noch veränderbare Paramenter da wären. Die hohe Kunst ist der Spagat zwischen maßvoller Annäherung und einer gestalterischen Freiheit, die den Gegenstand im Blick behält.

Caroline Thon und Christina Fuchs nahmen sich mit freudigem Schöpfergeist diesem Abenteuer an. Basierend auf konkret zitierten Passagen aus Streichquartetten und später dem Dritten Satz aus der Pathetique erzeugte die Großbesetzung einen wirkungsstarken Mix aus freier Klangfantasie, sinfonischer Pracht, improvisierter Wildheit und lyrischer Direktheit. Das beinhaltete auch so manch tief emotionale Gesangslinie von Filippa Gojo, die einmal mehr auf Grundlage von Beethovens Texten dem sehnsüchtig und (oft auch unglücklich liebenden ) Menschen eine Bühne bereitete.

BTVN 2020

2020 feiert Deutschland mit der ganzen Welt den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. In einem einzigartigen Schulterschluss haben sich die Bundesrepublik Deutschland, das Land Nordrhein-Westfalen, der Rhein-Sieg-Kreis und die Bundesstadt Bonn zur Errichtung der gemeinnützigen Beethoven Jubiläums GmbH zusammengefunden, die dieses bedeutende Jubiläum koordiniert und unter der Dachmarke BTHVN2020 kommuniziert.