Buch

Wolfram Knauer "Play yourself, man!" |

Die Geschichte des Jazz in Deutschland

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reclam Verlag s.u.

Bochum, 27.03.2020 | Dieses neue Buch ist DAS Standardwerk über die Geschichte des deutschen Jazz. Und das nicht wegen der gut 500 Seiten, denn es ist keine bloße Aneinanderreihung von Fakten, aber auch kein ‚storytelling‘ von amüsanten Geschichten. Es ist vielmehr eine grundlegende Analyse, die wissenschaftlichen Kriterien standhält und sich dennoch leicht lesen lässt.

  • ‚Intro‘

Gleich im ‚Intro‘ beschreibt der Autor WolframKnauer seine Intention:
„Ich habe … versucht, aus der Musik heraus die relevanten Fragen zu künstlerischer Haltung und Rezeption des Jazz zu entwickeln, diese dann zu kontextualisieren, in die gesellschaftlichen, politischen und ästhetischen Diskurs der Zeit einzupassen und all das am Ende wieder in die Musik zurückzuspiegeln.“ (S.9)

Ein hoher Anspruch, den er aber weitgehend umsetzt. Das Buch ist eingeteilt in 11 Kapitel, denen chronologisch 11 Zeiträume entsprechen (s. u. link zur Kapitelübersicht). Der Autor bringt sehr viele Details ein, die auf hohe Sachkompetenz und jahrzehntelange Recherchen schließen lassen. Kein Wunder, denn Wolfram Knauer ist kein Unbekannter. Er leitet seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt und gibt die Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung‘ heraus. Er hat viele Bücher und Aufsätze, z. B. über Louis Armstrong, Duke Ellington und Charlie Parker geschrieben und ist als Jazz-Koryphäe bekannt.

In jedem Kapitel wird zunächst kurz, aber treffend der zeitgeschichtliche Hintergrund einer Phase beschrieben. Danach werden jeweils wichtige Künstler beschrieben, oft mit Musikbeispielen. Aber auch Jazz-Zeitschriften, Tonträgerformate, Labels, Institutionen, Preise, Jazz-Ausbildungsstätten und Grundsatzdiskussionen gehören zu der umfassenden Darstellung. Am besten gefallen mir die Passagen, in denen er über eine Seite und mehr den Ablauf eines Stückes beschreibt, interpretiert und in den musikalisch/gesellschaftlichen Zeitzusammenhang stellt.
Und immer wieder wird man von Detailinfos überrascht, z. B. dass schon 1878 die Fisk Jubilee Singers in Darmstadt Negro Spirituals gesungen haben. Manchmal gehts auch über die deutschen Grenzen hinaus, z. B. wenn die inzwischen bekannte Geschichte von James Reese‘s European Hellfighters 1917 in Frankreicherzählt wird.

  • 20er Jahre

In den ‚Goldenen 20ern‘ wird deutlich, dass die deutschen Jazzer versuchten die Standards der US-Jazzer zu erreichen. Dass das nicht immer gelang, zeigt Knauer mit einem Vergleich der Soli eines deutschen und eines amerikanischen Posaunisten (S.95). Berlin wird als Zentrum des deutschen Jazz ausführlich anhand der Musiker und der Locations beschrieben, aber auch Nebenschauplätze wie Frankfurt, Köln und sogar Essen werden erwähnt. Der Autor unterscheidet drei Phasen der Jazzaneignung außerhalb der USA, die auch für in Deutschland gelten: Imitation – Assimilation – Innovation (S.167). Die 20er Jahre fallen in diese erste Phase, um 1930 war der Jazz als Musikform in Deutschland anerkannt.

  • ‚Jazzdämmerung‘

Knauer überschreibt mit diesem Begriff das Kapitel über den Nationalsozialismus ohne Herkunft und Bedeutung des Begriffs zu erklären. Der Komponist Karol Rathaus hatte schon 1927 von einer ‚Jazzdämmerung‘ gesprochen, um damit den Jazz, ähnlich wie später Adorno, abzuwerten. Ich finde das zumindest unglücklich, wenn nicht gar missverständlich. Es dämmert, wenn die Sonne auf- und wenn sie untergeht, was ist hier gemeint? Und wenn gemeint ist, dass die Sonne für den Jazz untergeht, ist das angesichts der Millionen Toten nicht nebensächlich? ‚Götterdämmerung‘ könnte man auch assoziieren, da sind wir bei Wagner, und wieder schnell bei Hitler. Es bleibt unklar und unangemessen, finde ich.

Im Kapitel selbst wird gut erklärt, warum Jazz in das Feindbild des Nationalsozialismus passte, aber auch warum die Verhinderung dieser Musik schwierig war. Es war dabei für die Musiker von Vorteil, dass es keine allgemeingültige Jazzdefinition gab, denn so war – wie auch später in anderen Ländern – unklar, was eigentlich im Einzelfall verboten werden sollte. Man versuchte über die Reichsmusikkammer ‚dreckigen‘ Jazz und ‚guten‘ Swing zu unterscheiden, Goebbels stellte Grundsätze auf, Soli waren verdächtig. Dabei gab es Jazzfans auch unter den Nazis.

  • 1945 "Play yourself, man!"

Die Zeit von 1945 bis 1990 wird in vier Kapiteln sehr ausführlich dargestellt. Es beginnt mit der direkten Begegnung der deutschen Jazzer mit den amerikanischen Soldaten-Bands. Die GIs wurden oft gefragt, wie man guten Jazz spielt. "Play yourself“ war die Antwort.
Doch zunächst orientierten die deutschen Jazzer sich an der Musik der GIs, in deren Bands sie auch mitspielen durften. Knauer berichtet davon sehr detailreich und zitiert u.a. den amerikanischen Jazzkritiker L. Feather, der nach einem Konzert von Jutta Hipp berichtete:
„Da hörten wir den besten europäischen Jazz… ausgerechnet in einem Land, das über so viele Jahre des Nazismus und des Kriegs um den Anblick und den Sound des Jazz betrogen worden war ..“ (1954, zit. nach Knauer S. 186)

Viele Namen werden genannt, berühmte wie Emil und Albert Mangelsdorff, Paul Kuhn, Hans Koller, Jutta Hipp, Kurt Edelhagen, Max Greger, Helmut Zacharias, aber auch viele unbekannte. Hier lohnt es sich vielleicht mehr zu stöbern, nachzuhören und etwas Neues zu entdecken statt stringent von Anfang bis Ende zu lesen.
Doch ‚Play yourself‘ – das fiel zunächst schwer. Man orientierte sich vor allem am Cool Jazz, Bebop spielte kaum eine Rolle. Der Autor findet dazu verständliche Erklärungen, interessant ist auch wie er innerhalb des COOL zwei Gruppen unterscheidet und die deutschen Jazzer diesen zuordnet. Erst allmählich gelangen dann die Loslösung von den amerikanischen Vorbildern und die Entwicklung eigener Sounds. Die weitere Jazzgeschichte bis zur Wende wird auf gut 100 Seiten sehr ausführlich beschrieben, Albert Mangelsdorff ist dabei ein eigenes Kapitel gewidmet.

  • Jazz in der DDR

Der Jazz in der DDR wird in zwei Kapiteln - vor und nach dem Mauerbau - dargestellt. Im Gegensatz zum ‚Kollerland‘ BRD war es hier schwieriger, da die russischen Soldaten nun mal keinen Jazz spielten. Der Autor beschreibt die Ambivalenz der SED-Führung im Umgang mit dem Jazz und die weitere Entwicklung, die den Jazz – wie z.T., auch in der BRD – in die Nähe der Tanzmusik brachte. Ulrich Gumpert, E.-L. Petrowsky, Conny Bauer und nicht zuletzt Günter ‚Baby‘ Sommer gelang es einen unabhängigen DDR-Jazz zu schaffen.

  • ‚Auf ins 21. Jahrhundert‘

Das letzte Kapitel handelt von der Zeit seit 1990. Der Autor selbst schreibt ausdrücklich, dass die Auswahl der Musiker und seine Bewertung besonders subjektiv geprägt sind. Er geht dabei nicht mehr chronologisch vor, da der Jazz „der Jazz ja bereits seit 1970 nicht mehr wirklich eine Abfolge klar definierter Stilarten“ war (S.449).
Stattdessen strukturiert er das Kapitel nach den Schwerpunkten Strukturen, Traditionsbezug, Klang, Komplexität, Song und Virtuosität. Er befasst sich näher mit Thomas Heberer, Nils Wolgram , Anke Helfrich. den Big Bands der ARD, Julia Hülsmann, Angelika Niescier und anderen. Nur kurz genannt werden viele andere wie z. B. die Wasserfuhr-Brüder, Dieter Ilg, Wolfgang Haffner. Auf Till Brönner geht er besonders intensiv ein, er bemüht sich die kontroverse Diskussion über das Berliner Jazz House möglichst objektiv darzustellen. Dieses Kapitel ist kein Überblick, sondern gibt einen Einblick und kann zu weiteren Recherchen motivieren.

  • Jazzgeschichte in NRW

Aus Sicht von nrwjazz.net ist besonders interessant, was das Buch zur Jazzgeschichte in NRW sagt. Dazu wird vergleichsweise wenig berichtet, denn die Zentren liegen - abgesehen von Köln - schon länger in Berlin undFrankfurt. Überraschendes Detail: um 1930 traten in Essen weiße Frauen-Jazzkapellen auf, darunter die Bon John Girls (s. Foto oben).

Traurige Berühmtheit erlangte Düsseldorf 1938 mit der Ausstellung ‚Entartete Musik‘, die sich gegen Jazz und Neue Musik richtete und danach in weiteren Städten zu sehen war (s. Titel der Broschüre oben rechts).

Nach dem Krieg wurde Köln zum Jazz-Zentrum in NRW, ‚Anything goes in Köln‘ heißt eine Zwischenüberschrift. Genannt werden u.a. die Kölner Saxofon Mafia, Klaus König und Peter Herbolzheimer mit seiner Rhythm Combination & Brass. Wichtig auch die Clarke Boland Big Band und, klar, Keith Jarrett mit seinem berühmten Konzert von 1975.
Kurt Edelhagen hat besondere Bedeutung für NRW: er wurde geboren in Herne, gründete 1957 den Vorläufer der WDR Bigband, und gab als erster Jazzkurse an der Musikhochschule Köln. Jazzfestivals in NRW gab bzw gibt es in der Burg Altona, in der Balver Höhle, Moers. Neue Spielstätten entstanden wie das Kölner Jazz Haus und das Dortmunder Domicil. 1986 entstand der Jazz-Zweig der Folkwang-Hochschule in Essen.

Einige bedeutende Musiker kommen aus NRW wie Peter Brötzmann (RS) und Peter Kowald (WUP), auch Georg Löwe (BO) und Paul Lovens (Aachen) werden genannt. Viel mehr dazu findet sich in den Büchern von Robert von Zahn (s.u.)
Und nicht zuletzt: Die ersten Frauen in den Big Bands der ARD waren Karoline Strassmayer (2004) und Shannon Barnett (2014), beide bei der WDR-Bigband!

Ein detailliertes Namensregister und eine ausführliche Literaturliste machen das Buch auch zum Nachschlagewerk und runden den positiven Eindruck ab. Schön wäre auch ein Ortsregister gewesen. Dieses Buch gehört in jede Musik-Bibliothek.

Wolfram Knauer "Play yourself, man!" - Die Geschichte des Jazz in Deutschland
Reclam Verlag, Stuttgart 2019
ISBN 9783150112274
Gebunden, 528 Seiten, 36,00 EUR

Kapitelübersicht in der Buchvorstellung bei buecher.de

empfehlenswerte Rezension bei jazzcity.de

- Foto oben Mitte aus Knauer S. 59, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- Foto oben rechts: Wolfram Knauer (Klappentext des Buches)
- Abbildung 'Entartete Musik' von commons.wikimedia.org

NRW: Robert von Zahn, Jazz in Nordrhein-Westfalen seit 1946 Köln 1999

7 min Film, in dem W. Knauer Jazz in Deutschland nach '45 erklärt