Kinderbuch-Besprechungen

Die Jazzgeister |

Jazz-Bilderbuch für Kinder: Blues, Swing, Latin & Co.

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Catherine Ionescu (ill.) s.u.

Berlin, 09.11.2020 | Kinder und Jazz - das ist auch ein Thema für nrwjazz.net! Musik-Sachbücher für Kinder zeigen oft nur Instrumente, berühmte Musiker und die Arbeit eines Orchesters. Dieses Buch schafft einen kindgemäßen Zugang zu einem interessanten Thema. Es wird der Versuch unternommen, Kindern den Jazz als Musikrichtung nahezubringen und ihnen erste Kenntnisse über Stilarten zu vermitteln. Dies ist weitgehend gelungen, denn es geht hier vor allem um Interesse am Jazz und um die Freude an der Musik.

Der Besuch der beiden pfiffigen Mädchen in dem ‚Geisterhaus‘ bildet die Rahmenhandlung. Tim und Tom, zwei junge Musiker führen die beiden durch verschiedene Räume der Villa, in denen Jazz-Musiker als ‚Geister‘ wohnen. In jedem Zimmer spuken Musiker eines Jazzstiles herum. So wird auf jeder Doppelseite ein Stil anhand einer Illustration, eines Erzähltextes und eines kleinen Infotextes vorgestellt. Namen berühmter Musiker werden genannt, leider nicht immer korrekt geschrieben. Die Geister, Tim und Tom stellen den Stil vor, indem sie dazu ein Kinderlied im jeweiligen Stil spielen. Am Ende feiern alle ein Fest, bei dem auch die Mädchen als Sängerinnen auf der Bühne auftreten. Zu dem aufwendig gestalteten großformatigen Bilderbuch (24x30cm) gehört eine CD ROM, mit der man sich zu jeder Doppelseite einen Sachtext und ein ‚verjazztes‘ Kinderlied anhören kann.

  • Illustration

Catherine Ionescu hat die Bilder gezeichnet, sie arbeitet als Kinderbuch-Illustratorin in Münster. In ihren ansprechenden Zeichnungen sind die beiden verschmitzten Mädchen und die beiden jungen Männer bunt gestaltet, die Jazzgeister dagegen grau-blau, sie bekommen aber beim Musikmachen etwas Farbe. Die Mimik der Musiker verrät viel Spielfreude und weckt Sympathie beim Leser. Man kann das Buch auch als eine Art Comic für Erwachsene ansehen.

  • Inhalt

Thematisiert sind bekannte Stile wie Swing, Blues, Bebop, Cool, Funk u. a., Fusion wird nicht genannt. Nicht nachvollziehbar ist, warum Hard Bop und Free Jazz zusammen erwähnt werden und der vielfältige Europäische Jazz als eine Stilrichtung gilt. Geographische, zeitliche und musikalische Aspekte werden hier vermischt. Warum der Kontrabass als ‚Bassgeige‘ bezeichnet wird, ist mir schleierhaft; soll das kindgemäß sein?

Scatten ist auch ein Thema, aber warum gerade beim Bebop? Und „Bibuba – alle – Vöglein – sind – schon – da – babubibo – Amsel – Drossel – Fink – und – Star – taratara – Salt Peanuts, Salt Peanuts!“ (S.12) ist das jazztypisch? Beim Free Jazz geht aber gar nichts mehr. ‚Free‘ geht nicht mit Vorlagen, schon gar nicht mit Schlaf Kindlein Schlaf.

Aus pädagogischer Sicht entspricht die Rolle der Mädchen dem modernen Bild vom Kind. Lea und Lotte sind die Heldinnen des Buches, sie interessieren sich für neue Dinge, überwinden Ängste, werden aktiv und entwickeln sich dabei weiter. Das könnte man auch als 'Selbstbildung' bezeichnen.

  • Musik

Die verjazzten Kinderlieder auf der Begleit-CD wurden von Autor und Jazzkontrabassist Oliver Steger arrangiert und von der Jakob Pocket Band, Tricycle und S. O. D. A. gespielt. Gitarre und Bass erzeugen zwar einen jazzigen Groove, auch mit guten Soli, aber reicht das aus, um typischen Jazz kennenzulernen? Blasinstrumente wie Trompete und Saxofon sind im Jazz besonders wichtig. Sie sind auch im Buch abgebildet, Miles Davis, Charlie Parker und John Coltrane werden ausdrücklich benannt. Aber zu hören sind die Instrumente nicht.
Die Idee bei traditionellen Kinderliedern anzuknüpfen halte ich für unglücklich. Welche Kinder kennen alle diese Lieder heute noch oder wollen sie im Grundschulalter noch hören?
Ein Männlein steht im Walde als Blues, Hoppe Hoppe Reiter als Modaler Jazz, für mich hört sich das nicht jazzig an, da die Melodie dies so nicht hergibt. Besser bei Fuchs du hast die Gans gestohlen als Funk. Im schlimmsten Fall wird es hier kontraproduktiv, wenn den Kindern die Stücke nicht gefallen und sie nun Jazz generell 'doof'' finden.
Wenn man die Kinder da ‚abholen will, wo sie stehen‘, dann gibt es andere Möglichkeiten. Schon der 'Zahnlückenblues' und der Rap 'Räum Auf' von Rolf Zuckowski zeigen, dass moderne Kinderlieder gar nicht so altertümlich sein müssen und Kinder ein Ohr für moderne Musik haben. Interessant im Vergleich ist in diesem Zusammenhang auch die Hörspielreihe der ZEIT-Edition »Jazz für kleine Hörer«.

  • Lesealter

Der Verlag schreibt „Lesealter: ab 5 Jahre“. Ich halte das für viel zu früh, das Spuk-Thema der Geschichte könnte auch jüngere Kinder ansprechen. Ein weitergehendes Verständnis für die Musik können aber nur ältere Kinder, etwa im späten Grundschulalter, aufbringen.

  • Fazit

Jazzgeister ist kein Fachbuch für Jazz, sondern ein Bilderbuch für Kinder. Deshalb sollte man hier die Maßstäbe auf der Sachebene nicht zu hoch anlegen. Jazz ist ein Riesenthema, das man nicht auf ein paar Seiten erschöpfend abhandeln kann, schon gar nicht für Kinder.
Entscheidend ist die pädagogische Eignung des Buchs: die Jazzgeister sind grafisch sehr gut gemacht, die Geschichte spricht Kinder an und vermittelt – trotz der problematischen musikalischen Gestaltung – einen Einblick in die Welt des Jazz.
Abbildungen: Aus Steger / Ionescu (ill.): Die Jazzgeister © Annette Betz Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin 2016

Text: Oliver Steger
Illustrator / Zeichner: Catherine Gabrielle Ionescu

Einbandart: Hardcover Seitenzahl: 32 Seiten
ISBN: 978-3-219-11675-5€ 22,95