CD-Besprechung

Essen Jazz Orchestra |

CD ROADWORKS

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: umlandrecords, s.u.

Essen, 14.04.2020 | Seit einiger Zeit gibt es nun auch im Ruhrgebiet ein Jazz-Orchester. Das Essen Jazz Orchestra (EJO) hat Ende November seine erste (Doppel-) CD herausgebracht: ROAD WORKS. Das Orchester wurde vor 6 Jahren von Absolventen der Essener Folkwang Universität der Künste gegründet und spielt u. a. im CASA des Essener Grillo Theaters. Im letzten Herbst wurde es mit dem "Jazz Pott" 2019 ausgezeichnet.

  • Instrumentalisten - Komponisten - Arrangeure

Das 20köpfige Orchester besteht aus engagierten Musikern der Region, die im Begleittext der CD aufgeführt sind. Wegen der Einteilung in Instrumentalgruppen (s.u.) wird allerdings die Vielfalt der Instrumente nicht deutlich, so stellt man bei genauerem Hinhören fest, dass wie in jedem Orchester auch Klarinette, Bassklarinette, Flügelhorn und Querflöte vertreten sind.
Drei Mitglieder der Band haben die Stücke komponiert und arrangiert. Bandleader Tobias Schütte, Posaune, komponiert sonst auch für Theater/Schauspielhäuser und alle gängigen Orchester- und Ensemblebesetzungen. Alexander Morsey, Contrabass und Bassgitarre, ist ein überregional geschätzter Bassist, der in vielen Bands auch als Arrangeur tätig ist. Auf der CD ist er zudem an der Säge (‚Saw‘) zu hören. Tobias Wember, Posaune, gehört zur Leitung des Kölner Subway Jazz Orchestra Köln, 2015 erhielt er den WDR-Jazzpreis in der Kategorie Komposition.
Das EJO nennt sich nicht zu Unrecht ‚Orchestra‘, denn es spielt auf hohem Niveau. Vielfältige, ungewöhnliche und neuartige Kombinationen kennzeichnen das Klangbild. Jazz-Standards gehören nicht zum Programm. Wie in jeder Bigband sind Soli geplant, aber nicht konkret notiert, deshalb klingt das gleiche Stück bei verschiedenen Konzerten immer wieder anders.

  • Big Band Jazz

Einiges beim EJO erinnert an die Kenny Clarke-Francy Boland-Big Band, die schon 1971 mit ihrem Album Change of Scenes Maßstäbe gesetzt hat. In den EJO-Kompositionen finden sich einige stilistische Elemente, die aus der Geschichte des Big Band-Jazz bekannt sind.
Hierzu gehören „Auskopplungen“ von Klaviertrio mit oder ohne Solobläser wie sie schon in der Frühzeit des Swing, z. B. bei Count Basie, zu hören waren.
Typisch ist auch der Wechsel von dichtem Sound und elegischen (Solo)Parts, auf der CD z. B. bei Frowning; Jazz-Rock-Formationen wie Chicago und Blood, Sweat & Tears haben das um 1970 herum schon ähnlich gemacht.
Fusion-Jazz, wie wir ihn z. B. von Weather Report kennen, findet sich in längeren Passagen, oft in einem Crescendo gegen Ende der Stücke.

  • 'Road‘ ‚Works‘ konkret

‚Works‘- das wird im Ruhrgebiet immer noch groß geschrieben und bezieht sich auch auf musikalische Werke, die 'on the Road' sind und das Orchester auf seinem Weg begleiten.
Auf der ersten CD hört man die 3teilige Suite ‚Roadworks‘, komponiert von Tobias Wember, featuring John-Dennis Renken.
PART ONE liegt eine ungewöhnliche Tonfolge zugrunde, die mich atmosphärisch an den Anfang von Sacre du Printemps (I. Strawinsky) erinnert.
PART TWO beginnt mit einem einzelnen Ton, der, von Klavier und Bass getragen, 20 Minuten lang das ganze Stück durchzieht. Nachdem die ‚ausgekoppelten‘ Instrumente nach und nach dazu gekommen sind, schließt sich ein Trompeten-Solo, wahrscheinlich von John-Dennis Renken, an. Der Bass initiiert ein Tutti im Fusion-Stil, das mit einem langen Klavierton abgeschlossen wird.
Auch PART THREE führt nach einem ruhigen Anfang zu einem Trompetensolo, in dem die Trompete schließlich parallel zu Bass und Schlagzeug ‚flattert‘. Nachdem sich die anderen Musiker nach und nach eingeklingt haben, endet die Suite einem unspektakulären Abschluss.

Sieben Stücke umfasst die zweite CD, die mir wegen der differenzierter gestalteten Anlage der Kompositionen besser gefällt.
Wheel-Dealer
beginnt choralähnlich, manchmal schon fast sakral, und führt zu einem melodischen Solo, das von Alex Morsey auf dem Bass gestrichen wird. Heidi Bayer steigt mit einem Flügelhorn-Solo ein, das als Hommage an Kenny Wheeler zu verstehen ist, worauf auch der Titel hinweist.
Toys Noise
klingt ganz anders. Ein nicht harmonie-gebundenes Intro erinnert daran, wie es sich anhören könnte, wenn Kinder mit ihren Spielzeugen versuchen Musik zu machen, es quietscht eine Gummi-Ente, daher wohl der Titel. Ein gelungenes Duett mit Veit Lange, (Tenor Saxophon)) und Hermann Heidenreich (drums) dominiert den mittleren Teil und führt am Ende zu einer Wiederaufnahme des Anfangsthemas.
In Truth News & Blues Cubes lässt Alex Morsey, der dieses Stück auch komponiert hat, bei den ‚Truth News‘ die Säge singen, parallel Gerd Jentzsch an der Posaune. Nach drei Minuten eröffnet Hajo Wiesemann mit einem bluesigen Klavier den ‚Blues Cube‘, die Posaune liefert abwechselnd mit Klavier, Gitarre und Querflöte ein launiges Solo. Markante Trommelschläge leiten über zum Ende, tiefe Posaunentöne beenden das Stück.
The Essence Of Air wird von der melodischen Bassklarinette eröffnet. Es folgt eine Passage in ‚echtem‘ Tutti-Bigband-Sound wie man sie auch von der WDR-Bigband kennt. Andreas Wahl bringt sich mit einem langen Gitarrensolo ein, bis dass das Stück leise mit Klavier und Bläsern ausklingt.

Es können hier nicht alle Stücke besprochen werden, aber eins ist klar: das EJO hat Klasse. In allen Stücken ist ein stetiger Wechsel von Instrumentengruppen, Soloinstrumenten und Klangfarben zu hören, aber auch als Struktur gut zu erkennen. Beim Hören der CD ist nicht immer ersichtlich, wer welche Soli spielt, aber das ist auch gar nicht so wichtig, denn alle Musiker machen einen exzellenten Eindruck.
Das Essen Jazz Orchestra braucht sich nicht hinter anderen Bands wie der WDR-Bigband oder dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra zu verstecken. Das nächste Konzert am 10. Mai im CASA Grillo Theater Essen ist noch nicht abgesagt. Ob das was wird? Sonst eben später, ich bin jedenfalls dabei.

Essen Jazz Orchestra ROADWORKS

umlandrecords released November 20, 2019

Foto oben Mitte von derselben website

Reeds: Sebastian Gerhartz , Philipp Sauer, Veit Lange, Julius van Rhee, Lennart Allkemper, Julia Kriegsmann
Trombones:
Tobias Wember, Philipp Schittek, Jonathan Böbel, Gerd Jentzsch
Trumpets:
Matthias Schwengler, Heidi Bayer, Marvin Frey, John-Dennis Renken, Stephan Struck
Piano: Hajo Wiesemann
Guitar/E-Bow: Andreas Wahl
Bass/Saw: Alexander Morsey
Drums: Hermann Heidenreich (2. CD), Niklas Walter (1. CD)
Bandleader: Tobias Schütte

YouTube-Film über die Aufnahme der CD im Tonstudio: Essen Jazz Orchestra EJO at Loft - Road-Works - CD Recording

PS A little help from my friends: vielen Dank an meine Freunde, die mit ihren Fachkenntnissen über Bigband-Jazz zu dieser Rezension beigetragen haben!