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Festival zu Corona-Zeiten |

PUNKT 2020

Text: Christoph Giese | Fotos: Petter Sandell

Kristiansand, 11.09.2020 | Absagen wollte man es nicht. Und wenn man so ins strahlende Gesicht von Erik Honoré schaut, dann ist einer der beiden Festivalgründer von PUNKT ziemlich froh, dass man das so besondere Remix-Festival im Süden Norwegens auch in diesem seltsamen Corona-Jahr durchgezogen hat. Ein wenig modifiziert, zugegebenermaßen. Aber manchmal bieten Limitationen auch Möglichkeiten. So gab es dieses Mal nur norwegische Künstler zu sehen und zu hören, was bei der großen Dichte an spannenden Musikern in dem Land alles andere als ein Nachteil ist.

Das machte schon der Eröffnungsabend deutlich. Die Pianistin und Sängerin Susanna Wallumrød, die als Künstlerin nur unter ihrem Vornamen auftritt, wärmt das Herz der Zuhörer mit dem Programm ihrer neuen CD „Baudelaire & Piano“. Auf dem vertont sie Gedichte des Franzosen Charles Baudelaire und interpretiert sie wie in Kristiansand nur mit Stimme und Piano. Minimalistisch, intim und berührend ist das, optisch unterlegt mit starken Visuals und Lichteffekten auf der Riesenleinwand am Bühnenhintergrund. Richtig spannend was direkt im Anschluss der Remixer Bendik Baksaas aus dem Konzert macht. Ausgehend von einer gesampelten und geloopten Sequenz der Stimme von Susanna begibt sich der Norweger auf einen ausufernden Trip aus Sounds und Beats bevor er irgendwann zum Klavierspiel und zur Stimme Susannas zurückkehrt, diese interessanterweise auch noch zur Männerstimme runterpitcht und parallel zur ebenfalls bearbeiteten Frauenstimme laufen lässt.

Ebenfalls ganz alleine mit seinem Instrument, dem Kontrabass, präsentiert sich Mats Eilertsen – und kreiert einen magischen, gut halbstündigen Set aus akustischem Spiel und elektronischen Erweiterungen. Magie ist eigentlich auch immer dabei, wenn Arve Henriksen, Jan Bang und Eivind Aarset zusammen musizieren. Dieses Mal stellen die drei, begleitet von drei eindringlichen Streichern, ihre Auftragsarbeit für eine Soundinstallation für eine Brücke in England erstmals als Live-Projekt vor. Sehr atmosphärisch schwebende Musik und Sounds, dazu der in die Höhe geschraubte Gesang von Trompeter Arve Henriksen und seine so sehnsuchtsvollen, unverwechselbaren Trompetenlinien - „The Height Of The Reeds“ ist ein packendes Stück Musik, ganz in der Tradition von PUNKT. In der traumverhangenen Stimmung dieses Konzertes wäre man gerne noch geblieben, aber Remixer Helge Sten holt mit seinem lauten, grellen Remix das Publikum schnell wieder zurück in die Realität.

Absagen wollte man PUNKT 2020 schon alleine deshalb nicht, um den norwegischen Künstlern und auch den Mitarbeitern wie Sound- und Lichtcrew nicht absagen zu müssen. Denn für alle ist die aktuelle Lage schwierig. Und wahrscheinlich sei die finale Ausgabe sogar noch stärker als das ursprünglich geplante Line-Up, bei dem auch ausländische Musiker eingeplant waren, meint Erik Honoré. Ja, in Norwegen kann man sich glücklich schätzen über so eine große Bandbreite an Spitzenkünstlern im Bereich des Jazz und der elektronischen Musik. Und fast alle aus dem engen Kreis der immer wieder bei PUNKT auftretenden Künstler kamen dieses Jahr nach Kristiansand.

Auch wegen Corona fanden alle Konzerte im langjährigen Festival-Hotel Norge statt. Das ist gründlich umgebaut und ziemlich modernisiert worden. Im obersten Stockwerk befindet sich jetzt ein großer Konferenzraum, der auch als Theater genutzt werden kann. Ein schöner Ort mit tollem Blick auf Kristiansand und ein würdiger, hervorragend klingender Konzertsaal mit einer Riesenleinwand, die für die visuellen Umsetzungen des Gehörten ideal war.

Das Visuelle ist bei PUNKT nämlich immer mit im Fokus. Und so ist das Konzert der beiden Soundtüftler Jan Bang und Eivind Aarset ein aufwühlendes audiovisuelles Erlebnis. Ihr gemeinsames Albumprojekt „Snow Catches On Her Eyelashes“ changiert zwischen atmosphärischen Melodielinien, anschwellenden Energien hin zu verqueren Sounderuptionen. Und hallt ebenso grandios nach im direkt anschließenden Remix mit Trompeter Nils Petter Molvær, Drummer Audun Kleive und dem jungen Soundbearbeiter Kristian Isachsen.

Und dann war da noch die Pianistin und Komponistin Anja Lauvdal, die sich als „Artist in Residence“ an allen drei Abenden mit einem unterschiedlichen Projekt zeigen durfte. Mit ihrem langjährigen Trio „Moskus“, einer ambitionierten Auftragsarbeit mit Streichquartett und dem wohl verblüffendsten Projekt, der Band „Finity“. Mit Tuba, Saxofon und Trompete, Schlagzeug, Klavier und Electronics werden Songs der amerikanischen R&B-Superband „Destiny´s Child“ dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Ein herrliches Musikvergnügen – und einmal mehr Beweis, dass es nichts gibt was bei PUNKT nicht möglich ist.