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Lettland im Fokus |

Rigas Ritmi 2020

Text: Christoph Giese | Fotos: Jānis Škapars

Gelsenkirchen, 12.07.2020 | Einen runden Geburtstag lässt man nicht so einfach ausfallen. Dachten sich auch die Macher von Rigas Ritmi in Lettlands Hauptstadt Riga. Und sagten ihr Festival eben nicht ab, wie es die meisten anderen Sommerfestivals so taten und aufgrund vieler Restriktionen teilweise tun mussten.

In Riga aber ist von Corona Anfang Juli nichts zu spüren. Das Land hat nur gut 1.000 nachgewiesene Infizierte bis zu diesem Zeitpunkt. Und jeden Tag infizieren sich vielleicht ein oder zwei Menschen neu. Deshalb sieht man auch nirgends Masken, nicht draußen auf den Straßen und auch nirgends in den Gebäuden. Selbst in den Hochzeiten des Virus, im März und April, war alles weiterhin geöffnet - Geschäfte, Restaurants. Aber viele schlossen trotzdem, weil die Kundschaft vorsichtig war und wegblieb. Nur Konzerte gab es keine. So berichtet Kaspars Zavileiskis, zuständig für die Kommunikation bei Rigas Ritmi, von leuchtenden Augen, von bewegten Zuhörern, als in Lettland die ersten Konzerte wieder stattfinden durften, mit maximal 20 Leuten.

Beim Festival ist das längst wieder großzügiger erlaubt. Ohnehin finden alle Auftritte der um einen Tag verkürzten Jubiläumsausgabe draußen statt. Das Programm wurde angepasst. Internationale Stars wie der kubanische Pianist Roberto Fonseca kommen erst gegen Ende des Jahres nach Lettland, Rigas Ritmi 2020 widmet sich im Juli ausschließlich der lettischen Szene. Da ist zum Beispiel der Gitarrist Rainis Jaunais, ein Weltenbummler, der gerne neue Ecken auf diesem Planeten entdeckt, davon auch gerne erzählt und sich musikalisch inspirieren lässt. Jazz ist es nicht wirklich, was der hochvirtuose, sehr sympathische Gitarrero so spielt im Quartett. Eher folkig angehauchte Popmusik. Aber mit seiner Akustikgitarre kann der Mann aus Riga so ziemlich alles anstellen. Eine Weile dem zuzuschauen, machte schon Spaß. Viel Spaß bereitete auch der Auftritt von Rūta Dūduma und ihrer Band. Die Sängerin hat vielleicht nicht die riesigste Stimme, dafür aber viel Charisma und echte Bühnenausstrahlung. In erster Linie sang sie sich durch ein Jazzstandardprogramm. Aber wie sie die alten, bekannten Klassiker sang, das hatte einfach was. Und dann war da ja noch Musik von Rachmaninow, die das Quintett wie selbstverständlich in den Jazz überführte und die Rūta Dūduma dann natürlich auf Russisch zum Klingen brachte.

Wer sich selbst „Very Cool People“ nennt, hat schon Mal Humor. Und sollte dann tatsächlich aber auch cool sein. Die achtköpfige Truppe um Gitarrist und Bandgründer Elvijs Grafcovs ist es. Nicht nur sieht die Band in ihren schwarzen Anzügen lässig auch, ihr selbstkomponierter Jazzfunk klingt frisch, frech, ja auch cool, und in jeder Note bestens gelaunt. Im zweiten Konzertteil dann zusammen mit der in Lettland populären Popsängerin Aija Andrejeva in einer Premiere Lieder von Janis Joplin zu servieren – eine Superidee, weil stark und überzeugend umgesetzt.

Einen echten Jazzclub sucht man in Riga übrigens vergebens. Die, die es mal gab, funktionierten wirtschaftlich irgendwie nicht. Aber es gibt eine nette Cider-Bar am Rande der Altstadt mit einem Raum und einem Innenhof für Konzerte – je nach Wetterlage. Dort präsentierten sich an den drei Festivalabenden junge Bands. Und Nachwuchsjazzer durften bei anschließenden Jam Sessions mitmachen in diesem ungezwungenen Ambiente.

Es war ein besonderes Festivalerlebnis in Riga, in diesen Zeiten. In einer spannenden Stadt, die sich in diesem Sommer längst nicht so voll zeigte wie sonst um diese Jahreszeit. Was ja nicht unbedingt schlecht ist. Downsizing im Tourismus - wenn Corona was Gutes an sich hat, dann zählt das sicher dazu.