Lulo Reinhardt & Yuliya Lonskaya |

Jazz in Zeiten von Corona

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 19.03.2020 | Am 13. März ist alles anders. Der Kulturrat in Bochum Gerthe wäre normalerweise ausverkauft gewesen wie bei den Konzerten im letzten Jahr. Aber Corona lässt grüßen. Nicht einmal halbvoll ist der Saal und es besteht die Auflage sich in eine Liste mit Namen und Telefonnummer einzutragen. Soll man einen Platz frei lassen zum Nachbarn? Ist das jetzt erstmal das letzte Konzert? Hätte man überhaupt kommen dürfen? Egal, jetzt ist man da und los geht’s.

Es beginnt mit Un día de noviembre des Kubaners Leo Brouwer, ruhig, melancholisch. Mal ‚gucken‘ wie die Gitarristin Yuliya Lonskaya so spielt. Nach Lulos Tango singt sie auf Russisch ein Liebeslied, Romance, traurig, aber schön, ergreifend. Der Schwarze Tango, nach dem russischen Volkslied Schwarze Augen, führt diese Stimmung fort. Ich kenne es noch aus den 60ern, als Alexandra Ja Lublju Tebja sang. Lulo imitiert dazu die kurz angeschlagenen Töne der Balalaika auf seiner Gitarre.

Danach kommt Lulo Reinhardt wieder mehr zur Geltung mit Magdalena, einem klassischen Flamenco. Er ist mit dieser Musik groß geworden. Man muss unwillkürlich an Paco de Lucía denken. Die beiden folgenden Piazzolla-Stücke schließen das erste Set ab. Yuliya singt Oblivion unter dem Titel J'oublie: Eine Weißrussin singt in Deutschland ein argentinisches Lied auf Französisch, genau so soll es sein (danke an den Fotografen für diesen Satz). Den Libertango legen beide mit viel Schwung hin,Yuliya greift Akkorde und klopft dazu den Rhythmus auf dem Gitarrenkorpus, wobei die Töne leise mitschwingen, da ist ‚viel Musik drin‘.

Im 2. Set bekommen Latin und Flamenco wieder mehr Gewicht. Lulo‘s Cuban Flair beginnt mit Flamenco und geht dann über in kubanische Musik, Guantanamera klingt leicht an und der Buena Vista Social Club ist nicht weit. Im Blues für B.B. geht es um B. B. King, den Lulo in Australien getroffen hatte. Das Stück beginnt bluesig-schräg, wandelt sich zu Latin und findet wieder zurück zum Blues; Blues auf klassischer Gitarre, das hört man nicht oft. In Momento Mágico, einem ursprünglich koreanischen Lied, singt Yuliya rhythmische Vocalisen. In Mar y Sol, traurig-fröhlich, verbindet Lulo in einer für ihn typischen Komposition die Genres. In einer der Zugaben Jobims Bossa A Felicidade, singt Yuliya portugiesisch: „Tristeza não tem fim - Felicidade sim“ – hoffen wir was anderes.

Lulo Reinhardt (Gitarre) als Weltklasse-Gitarrist braucht hier nicht mehr vorgestellt zu werden. Er ist bekannt für sein virtuoses Gitarrenspiel und seine genreübergreifende Musik.

Yuliya Lonskaya (klassische Gitarre, Gesang) hat in Minsk und Karlsruhe klassische Gitarre studiert. Geboren in Weißrussland ist sie oft in Russland mit bedeutenden Orchestern aufgetreten und hat Preise in internationalen Wettbewerben mehrerer Staaten gewonnen. Mit Lulo spielt sie seit 2017. Sie singt auf Russisch, Portugiesisch, Französisch, bei russischen Liedern singt sie manchmal etwas theatralisch, aber das scheint wohl zum Timbre zu gehören.

Insgesamt 16 Stücke spielen die beiden, oft kommentieren sie diese mit Erklärungen und Anekdoten. Beide sprechen ihre unterschiedlichen Zugänge zur Musik an und erzählen von ihren Erfahrungen beim Zusammenspiel. Denn das Duo ist ja gegensätzlich aufgestellt: klassische Gitarre vs. Gypsy-Gitarre; Spiel nach Noten vs. Improvisation; Weißrussin vs. Sinti und nicht zuletzt Frau vs. Mann. Doch das kann auch sehr produktiv sein.
Die beiden übernehmen abwechselnd die Parts von Rhythmus- und Leadgitarre, manchmal spielen sie auch zusammen die Melodie. Soli stehen meist bei Lulo an, das gehört zu seinem Musikverständnis, während Yuliya sich eng an die Noten hält. Interessant, wenn beide erzählen, dass Yuliya immer genau so spielt wie bei der Probe, Lulo aber immer wieder anders, weil er stets neu improvisiert. Das hat erst für Irritationen gesorgt, funktioniert nun aber gut. Nur bei Blues und Bossa ist noch Luft nach oben, da scheint die klassische Gitarrenausbildung dem Feeling noch etwas im Weg zu stehen.

Die Musik ist sehr vielfältig: Tango, Flamenco, Gypsy, Latin, russische Romanzen. Schon als Yuliya an diesem Abend die erste russische Romanze singt, fühle ich mich an Fado erinnert, und mir wird im Verlauf des Konzerts klar, dass die unterschiedlichen Musikstile doch eines gemeinsam haben: das Grundgefühl von Melancholie und Lebensfreude. Das kann im Wechsel erklingen, aber eben auch gleichzeitig. Und das findet sich in all diesen Genres von Argentinien über Kuba, Portugal, Spanien bis hin nach Russland

Wie es nun weitergeht? Auch Lulos Konzerte fallen erstmal aus. ‚Die Liebe in Zeiten der Cholera‘ hat García Márquez mal geschrieben. ‚Jazz in Zeiten von Corona‘ könnte man assoziieren. Die Musik kann uns helfen auch diese Krise zu bewältigen. Wenn‘s schon nichts mehr live zu erleben gibt, wie wäre es mit Lulos brandneuer Live-CD?

Daniel Stelter, Yuliya Lonslaya, Lulo Reinhardt,
Live @ Lulo Reinhardt Acoustic Lounge

Label: DMG März 2020 (s. Cover rechts unten)

vorletzte CD
Lulo
Reinhardt Feat.Yuliya Lonskaya
Label: DMG März 2019 (s. Cover links unten)