Oliver Schroer Matthias Bergmann Duo |

Insight Inside in der Klosterkirche St. Marien

Text & Fotos: Heinz Schlinkert

Bochum, 12.08.2020 | ‘Jazzkompositionen und Improvisationen für Orgel und Flügelhorn‘

Kirchenorgel und Flügelhorn – das ist schon etwas ganz Besonderes, zudem, wenn das Konzert in einer Klosterkirche stattfindet. Und dies ist auch eine Herausforderung für das Publikum, das hier nur zuhören kann, weil die Musiker sich hinten auf der Empore befinden und kaum zu sehen sind. Insight könnte da bedeuten, mangels visueller Eindrücke in sich zu gehen, die Augen zu schließen und sich innerlich der Musik zu überlassen.

Coltranes Naima aus dem legendären Giant Steps – Album macht den Anfang. Die Orgel beginnt sehr langsam mit den Akkorden; das Flügelhorn setzt ein, folgt Coltranes Melodieführung um dann unmerklich in ein Solo überzugehen; beide finden zum Ende hin in der Melodie wieder zusammen. So hat man Naima noch nicht gehört, das Stück bildet hier eine Art Intro, in dem sich beide Instrumente vorstellen.

  • Kirchenorgel und Flügelhorn

Matthias Bergmann (Trompete, Flügelhorn) leitet in Köln seine eigene Band und ist Mitglied und Mitorganisator des Cologne Contemporary Jazz Orchestra.
Oliver Schroer (Kirchenorgel) kommt aus Bochum und ist neben seiner Tätigkeit als studierter Kirchenmusiker auch als Jazzpianist in professionellen Bands des Ruhrgebiets aktiv. Beide spielen schon einige Jahre zusammen.
Schon im März sollte diese Konzertreihe, auf der die beiden ihre CD INSIGHT präsentieren, anfangen. Nun am 9. August kann sie endlich in der Bochumer Klosterkirche St. Marien beginnen. Vor zwei Jahren hat das Duo ein ähnliches Konzert in der Stiepeler Dorfkirche in Bochum gegeben. Doch die Akustik der Klosterkirche ist besser, zudem hat sich das Duo weiter entwickelt. Oliver spielt Orgel inzwischen vielfältiger und differenzierter und verzichtet weitgehend auf ‚Breitseiten‘ im Stile der sonntäglichen Hochamts-Orgel. Matthias‘ Trompete und Flügelhorn kommen damit besser zur Geltung, so dass ein stimmiger Gesamteindruck entsteht. Improvisation spielt durchgängig eine große Rolle, insbesondere bei Trompete und Flügelhorn. So ist jedes Konzert ein wenig anders als das vorhergehende.

  • Jazz – Folk – Klassik

Weiter geht’s dann im Jazz mit Tutu von Marcus Miller. Dieses Stück, das mich immer an Exodus erinnert, gehört nicht zur CD. Matthias‘ gestopfte Trompete klingt hier ganz ähnlich wie Miles Davis auf dem Original, hell, schrill, irgendwie ‚verloren‘. Die Orgel dagegen übernimmt die durchgängige Basslinie, massiv-breit intervenierend. Am Ende ein abrupter Schluss.

Oliverhat zwei Stücke selbst komponiert. 9x8 ist ein polyrhythmisches Orgel-Stück. Nach den ersten zarten Tonreihen, von anderen Rezensenten mit Vogelstimmen assoziiert, bricht ein Unwetter los, bei dem die Orgel furios ‚alle Register zieht‘ und schließlich in sakral klingende Etüden einmündet; dann wieder ein abrupter Schluss. Dies Stück ist sehr interessant, könnte aber im letzten Teil noch weiter ausgebaut werden. Bei Remember, ein ruhiges Stück im 3/4Takt, erinnert die Orgel manchmal an ein Bandoneon, ein Anflug von Tango-Melancholie, dann ein klangvolles Flügelhorn-Solo, gebrochen durch ‚dissonante’ Akkorde, die am Ende zu einem gewaltigen Orgel-Crescendo führen.

Vårvindar friska ist ein altes schwedisches Volkslied (‚Kiefern im Wind‘). Ähnliches kennt man von Nils Landgren. Matthias intoniert die Melodie auf der Trompete, die Orgel wummert; besonders schön sind die bluesigen Melodieläufe, eine coole Kirchenorgel, wer hätte das gedacht! Improvisationen auf der Trompete, dann wieder die traditionelle Melodie. Wunderschön!

Auch Matthias hat zwei Stücke selbst komponiert. Beim Folk Song spielt er auf dem Flügelhorn eine folkähnliche Melodie im Wechselspiel mit der Orgel, die im sakralen Stil agiert. Bei Lost bleibt die Orgel meist mit einer sehr ruhigen Begleitung im Hintergrund, die Trompete nimmt die Melodie auf und führt sie improvisatorisch aus. Lost? Dafür klingt es zu harmonisch, verloren klang eher die Trompete bei Tutu. ‚Über allen Gipfeln ist Ruh‘ oder so würde besser passen.

Krönender Abschluss: The Glide von Ralph Towner. Hier laufen die Musiker zur Hochform auf. Matthias auf dem Flügelhorn gibt erst den Ton an mit vielen Improvisationen. Olivers Orgelspiel erinnert mich hier an Keith Emerson. Bravo!

Als Zugabe Ave Maria von Schubert, da hätte sicher auch Maria ihre Freude dran. Immerhin handelt es sich um das 612. Konzert der Reihe MARIENLOB. Aber vielleicht ist Maria die üblichen Marienlieder längst leid und ihr haben auch die anderen Stücke gefallen. Das Ave ist um ein Trompeten-Solo bereichert, es klingt ruhig und besinnlich - Insight Inside.

Die CD ist zur Zeit nur über Matthias Bergmann lieferbar. Weitere Konzerttermine sind geplant, aber bisher noch nicht bestätigt.

https://youtu.be/AOxXRw8JXmU