Daniel de Alcalá |

Rumba Gitana

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 02.07.2020 | «El Flamenco se ha quedado huérfano.»* - So hieß es 2014 nach dem Tod von Paco de Lucía. Aber nein, der Flamenco ist nicht verwaist. Er hat zwar mit Paco einen wichtigen Exponenten verloren. Aber er hat viele junge Musiker gewonnen, die das Flamenco-Erbe - auch in NRW - übernehmen und diese Musik weiterentwickeln. Dazu zählt Rumba Gitana. Am 27. Juni konnte die Band endlich wieder im Kulturrat Bochum Gerthe auftreten.

Daniel de Alcalá ist mit Rumba Gitana schon beim Gypsy-Festival „Zigeunerwagen“ im Sommer 2019 dabei gewesen. Heute steht er nach 3 Monaten Corona-Pause wieder auf der Bühne und genießt es in vollen Zügen endlich wieder auftreten zu können. Er spielt akustische Gitarre und hat die meisten Stücke selbst komponiert. Er studierte Flamenco-, Jazz- und klassische Gitarre sowie Tanz- und Gesangsbegleitung für Flamenco. Seit 2005 tourt er mit „Rumba Gitana“ erfolgreich durch Deutschland und das europäische Ausland. José Antonio Primo hat u. a. bei Juan Lama Gitarre gelernt und danach in mehreren Flamenco-Bands gespielt. Er ist von Anfang an bei Rumba Gitana dabei, er singt, manchmal auch im Flamenco-Stil des Cante Jondo*.

David Bermúdez spielt Cajón* und Keyboard, manchmal auch beides gleichzeitig, und das allein ist schon bemerkenswert. Er kommt als Autodidakt aus einer Musiker-Familie aus Barcelona. Mit vielen Künstlern auf der ganzen Welt hat er schon zusammen gespielt, u. a. mit dem spanischen Tänzer Joaquín Cortés. David steht für die Weiterentwicklung des Flamencos, besonders in Richtung Jazz. Victor Castro‚'bailaor‘*, ist die Überraschung, er war nicht angekündigt und kommt erst mit dem vierten Stück auf die Bühne. Der in Bochum lebende Flamenco-Tänzer aus Granada hat seine Choreographien selbst entwickelt; er tanzt sonst Flamenco mit Pepi Alvarez im Duett.

Das Konzert beginnt mit einem Tango Flamenco*, gefolgt von Garganta de Arena*, einem ‚echten‘ argentinischen Tango. Die Band hat sich nun warm gelaufen. Von Anfang an fällt David Bermúdez am Keyboard auf, der mit diesem Instrument dem Flamenco ein besonderes Gepräge gibt.

Von Argentinien aus geht es weiter an die andalusische Atlantikküste. Dieser Küstenabschnitt ist kaum bekannt, doch wenn man schon einmal im Frühling da war, weiß man genau, was mit Alegría de Cádiz gemeint ist. David Bermúdez eröffnet das Stück auf dem Keyboard mit einem selbst komponierten Intro. Dann kommt Victor Castro auf die Bühne. Schwarze Kleidung, rotes Hemd und die typischen Flamenco-Schuhe. Die sind sehr wichtig, wie man gleicht merkt, denn nun beginnt eine Art Schlagzeugsolo, bei dem der Holzfußboden der Bühne eine riesige Trommel bildet und die Schuhe des Tänzers die Rolle der Sticks übernehmen. Man fühlt sich manchmal an die ‚bastones‘*, erinnert, wie man sie z.B. aus ‚Carmen‘ kennt. Dieses akustische Feuerwerk wird von Posen, Bewegungsabläufen und Rufen begleitet.

Dies ist ein Höhepunkt des Konzerts, aber es bleibt nicht dabei, denn die Band hat auch ohne Tänzer noch einiges zu bieten. Ein kleiner Exkurs nach Cuba mit dem Bolero Vida Loca, dann geht es weiter nach Huelva in die Heimatstadt von Daniels Vater Rafael de Alcalá, der auch den Text des Fandangos Canta a Huelva geschrieben hat. Dort ist auch der Fandango* entstanden. Wir hören eine Version, die an Paco de Lucía erinnert, auf Daniels Homepage kann man sich dazu eine interessante Version mit Saxofon anhören (s.u.).

Farruca* ist ein vom kulturellen Einfluss Galiziens geprägter Flamenco, auch von Daniel komponiert. Text und Gesangsmelodie stammen aus dem traditionellen Repertoire. Victor Castro tritt wieder mit einer beeindruckenden Präsentation auf. Die Band bleibt im Hintergrund, setzt aber manchmal mit cajón*, palmas* und Gitarrenakkorden Akzente.

Aus Jazz-Perspektive fiel besonders positiv Bulería auf. Ein Flamenco, sehr virtuos umgesetzt auf dem Keyboard, das hört man nicht alle Tage. David Bermúdez hat das Stück komponiert, auch den gesamten Groove übernimmt er, z. T. mit Samples, am Keyboard, denn mehr als 4 Musiker waren wegen Corona nicht zugelassen. Nach vielen Variationen zum Flamenco, wechselt er den Stil und leitet gegen Ende mit dem II-V-I Moll – Modus (danke, Daniel) zum Jazz über. Das ist echter Flamenco-Jazz, da würde auch Chano Domínguez applaudieren!

Die beiden Gitarristen Daniel de Alcalá und José Antonio Primo sind zweifellos Meister ihres Fachs. Sie improvisieren unablässig, ihre Virtuosität wird besonders deutlich, wenn sie parallel oder gar synchron Solo spielen. Bald wird die erste CD der Gruppe mit Kompositionen Daniels erscheinen.

Rumba Gitana ist ein wichtiger Teil der Flamenco/Gypsy-Szene in NRW. Und für diese Szene wiederum ist der Kulturrat Bochum eine wichtige Location. Mitte August 2021 – erst nächstes Jahr! - wird dort das 4. Gypsy-Festival stattfinden, wohl auch mit Daniels Rumba Gitana.

Kleines Flamenco-Glossar für aficionados:

*El Flamenco se ha quedado huérfano: ‘Der Flamenco ist verwaist’, sagten die spanischen Tänzer A. Canales und C. Rodríguez nach dem Tod Paco de Lucías im Februar 2014

*Gitano: ‚Zigeuner‘, Roma ...das G wird ausgesprochen ‚ch‘ in ‚ach‘

*Bailaor: Flamenco-Tänzer

*Tango Flamenco , Alegría de Cádiz, Fandango, Farruca: Flamenco-Arten

*Cajón: wörtlich ‚Kiste‘ deutsch: Kistentrommel, auf der man sitzt

*Cante Jondo: ‚tiefer Gesang‘, Form des Flamenco-Gesangs

*Palmas: rhythmisches Klatschen mit den palmas, den Handflächen

*Garganta de Arena: wörtlich ‚Kehle aus Sand‘

*Bastones: dicke Spazierstöcke, die im Flamenco-Tanz zur rhythmischen Begleitung eingesetzt werden

*Aficionados: Fans

Link: Fandangos Canta a Huelva - Rough Mix con Percussion Daniel de Alcalá