Shannon Barnett Posaune, Billy Test Piano |

'Gentle Rain' im domicil

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Kurt Rade

Dortmund, 30.09.2020 | Shannon Barnett und Billy Test haben vieles gemeinsam. Beide haben länger in den USA gelebt und sind dort als Jazzmusiker bekannt geworden. Beide wohnen jetzt in Köln und haben enge Bezüge zur WDR Bigband. Shannon spielte dort 4 Jahre lang, Billy ist dort seit zwei Jahren als Nachfolger von Frank Chastenier dabei. Nun stehen sie – im Corona-Modus mit einer vorne über die Posaune gespannten Strumphose - auf der Bühne des Dortmunder Domicils und bilden den Auftakt zum 5. PENG-Festival.

PENG ist der Zusammenschluss von 7 Jazzerinnen, die Frauen im Jazz fördern wollen, da diese dort immer noch unterrepräsentiert sind. In einem kurzen Vortrag zu Anfang wird deutlich, dass die Gruppe sich inzwischen auch gegen andere Formen der Diskriminierung einsetzt. Sie will mit den Festivals einen Rahmen schaffen, der frei ist von Strukturen der Unterdrückung, Macht und Dominanz.

Das Konzert beginnt mit Pent-Up-House, als Gruß an Sonny Rollins, der vor ein paar Tagen 90 Jahre alt wurde. Es geht weiter mit Bluer Than Blue (1937), komponiert von Lil Hardin Armstrong, die ihr ganzes Leben lang im Schatten ihres Mannes Louis stand. Shannon singt dieses Stück mit hoher Stimme, fast schon kindlich hört sich das an, aber wirklich eindrucksvoll. Es folgt ein imposantes Posaunen-Solo mit New Orleans-Feeling.

Das nächste Stück beginnt sofort wieder mit einem Posaunen-Solo, man bekommt lange Zeit aber gar nicht mit, um welches Stück es geht. Manchmal klingt es, als ob Shannon durch das Instrument sprechen würde. Das Piano schließt sich an und erst am Ende kommt die Melodie: All the Things you are – ja klar!

Billy Test hat eine klassische Musikausbildung absolviert und verfügt über viel Erfahrung, auch mit Solo-Konzerten, in den USA. In dieser Duo-Konstellation übernimmt er die Aufgaben von Bass und Drums mit, über die reguläre Groove-Begleitung hinaus spielt er – ganz ohne Noten - exzellente Soli, einmal auch in der Call-Response-Form.

Den Bezug der beiden nächsten Stücke zu PENG bildet Nica de Koenigswarter, auch ‚Bebop-Baroness‘ genannt, die in den 50er und 60er Jahren Jazzmusiker unterstützte. Deshalb spielt das Duo ein Stück von Charlie Parker, der am Ende in ihrem New Yorker Apartment starb und der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Thelonious Monk schrieb für sie 1965 Pannonica, das wie alle seine Kompositionen etwas schräg klingt. In der Interpretation des Duos hört es sich auch schräg an, aber anders schräg als bei Monk, weicher, ungewohnt, irgendwie irritierend.

Jack Teagarden, Curtis Fuller, J. J. Johnson, Bob Brookmeyer, Albert Mangelsdorff – Posaunisten gibt’s viele im Jazz, aber Frauen? Wenn Shannon an die Pianistin Marian McPartland erinnert und deren berühmte Piano Jazz-Radiosendungen, warum nicht auch an die schwarze Swing-Posaunistin Melba Liston? Sie wurde von Dizzy Gillespie entdeckt und spielte mit vielen Jazz-Größen. 1959 veröffentlichte Melba mit ihrer Jazzband das Album ‚Melba Liston and her ‚Bones‘‘ – würde das nicht gut zum PENG-Festival passen, z. B. mit dem Blues Melba? Auch die moderne Jazz-Posaunistin Natalie Cressman könnte man erwähnen.

Weiter geht es dann mit Astrid Gilberto, die bei der Aufnahme von Ipanema nur als Aushilfe eingesprungen war, dann aber weltberühmt wurde. Hier nun Gentle Rain. Dies Stück hat mir am besten gefallen, es passt gut in die Atmosphäre des Konzerts, denn es ist früh dunkel geworden, draußen regnet es und auch die blaue Innen-Beleuchtung lässt nicht so richtig ein Wärmegefühl aufkommen.

Luiz Bonfá's Gentle Rain aber wärmt innerlich, wenn Shannon singt:

We both are lost and alone in the world
Walk with me in the gentle rain
Don't be afraid, I've a hand for your hand
And I will be your love for a while

Shannon singt hier ähnlich wie Stacey Kent in ihrer Version. Die Posaune spielt Shannon normalerweise sehr rhythmisch und temperamentvoll mit kurzen Tönen. Hier klingt sie in einem langen Solo ganz anders, sehr melodisch und einfühlsam. Intensiver Applaus.

Letztes Stück: Benny Bop, eine freie Bearbeitung des alten Limehouse Blues, wie Shannon vorneweg erklärt. Als Zugabe dann Ida Lupino, ein sehr interessantes Stück, das Carla Bley als Hommage an die gleichnamige Filmschauspielerin geschrieben hat. Die Atmosphäre des Film Noir, für den Ida Lupino stand, kommt gut rüber und bildet einen etwas befremdlichen Ausklang des Konzerts, der auf die Autumn Moods des beginnenden Herbstes verweist.

Das Publikum applaudiert wieder stark, es würde gerne noch mehr hören aber die Luft ist wohl raus. Nicht in musikalischer Hinsicht, aber bei so einem Duo-Konzert sind beide Musiker sehr in Anspruch genommen. Besonders die Posaune erfordert viel Luft-Einsatz und das geht wohl an die Substanz. Nicht nur deshalb wäre die Erweiterung bzw. die Rückkehr zur Quartett-Form auf die Dauer vielversprechender.

Mit dem PENG-Festival geht’s weiter

- am 17.10. wieder im Domicil mit Barbara Barth voc, Sebastian Büscher tenorsax, Veit Steinmann cello
- und vom 6. bis 8.11.20 im Maschinenhaus, Zeche Carl in Essen

Video zum Festival

https://www.shannonbarnett.info/

https://www.billytest.com/music