CD Rezension

COLOSSEUM |

Transmissions Live At The BBC

Text: Heinz Schlinkert

London, 25.06.2021 | COLOSSEUM

“Sad sad town .. in the burning desert …
Earthquakes and smog
Are driving me out of town
I don't want to be here
I don't want to be around
Take me away if you please ..
Get me away from Lost Angeles “

Lost Angeles – das war Höhepunkt des COLOSSSEUM-Live-Doppelalbums von 1971, der Song nahm eine ganze LP-Seite ein. Noch im selben Jahr hat sich die Band dann aufgelöst. Nun ist vor einem halben Jahr eine 6 CD-Box herausgekommen mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus Radio-Übertragungen der BBC. Die Konzerte wurden damals extra für die BBC in einem Studio aufgenommen.

Shades of Blue (Live at the BBC Sounds of the 70s, 21 July 1970)

  • 6 CDs - 399 Minuten

In den 399 Minuten hört man u. a. je 5 Versionen von Bettys Blues, Elegy, Walking in the Park und Lost Angeles. Ob man das alles braucht, muss man selbst entscheiden. Im ausführlichen Booklet erfährt man aber Dinge, die man vielleicht immer schon wissen wollte, z. B. warum die Gruppe so heißt und warum LA eigentlich ‚verloren‘ ist. Zwei einstündige Konzerte aus John Peel's Sonntags-Konzertreihe von 1970 sind auf CD III und IV zu finden. Zwischen den Songs spricht Peel jeweils eine Einleitung zum nächsten Stück. Alle Stücke sind remastert, darunter 6 Ansagen des Reporters und je ein kurzes Interview mit Dick Heckstall Smith und Jon Hiseman. Da fast alle Aufnahmen vor dem legendären COLOSSEUM-Album „Live“ erschienen sind, ist Sänger Chris Farlowe nur bei acht Songs am Ende zu hören.

Interessant ist es schon, wie sich manche Aufnahmen in anderen Arrangements anhören, z. B. wenn statt Chris Farlow Clem Clempson singt (V 3) oder wenn bei Lost Angeles im zentralen Solo nicht Clempson Gitarre, sondern Dick Heckstall Smith Saxofon spielt (III 1)*. Bei dem fast 13minütigen Drum-Solo von Jon Hiseman zu The Machine Demands a Sacrifice (III 7) wird man allerdings irgendwann selbst zum im Song beschriebenen Opfer. Barbara Thompson (Saxofon, Flöte) kam eigentlich erst später zur Band, ist hier aber schon 1969 bei Those About To Die (VI 6) während eines Radio 1 Jazz Workshops zu hören.

Im 44seitigen Booklet beschreibt Chris Welch die Band und stellt die Musiker einzeln vor, z. T anhand von Zitaten, viele Fotos ergänzen den Text. Besonders interessant sind die Bemerkungen von Dave Greenslade, der zu jedem Stück Informationen beisteuert; z. B. zu Take Me Back To Doomsday (III 3): “..a touch of Procol Harum about it”, gemeint ist die Ähnlichkeit mit A Whiter Shade Of Pale. Am Schluss steht übersichtliche Liste, in der zu jedem Titel Jahr, Komponist und Länge angegeben sind.

lp

Es ist viel zu entdecken, wenn man sich näher mit den Stücken und Texten beschäftigt. Bisher unbekannte Stücke wie A Pirate‘s Dream, Bring Out Your Dead, Shades of Blue finden sich. Am spannendsten wird es da, wo die Band stärker am Jazz orientiert ist. Ich wusste bisher gar nicht, dass Colosseum zeitweise mit dem New Jazz Orchestra unter der Leitung von Neil Ardley zusammen gespielt hat. Auf der CD V finden sich dazu Butty’s Blues, Shades of Blue und Rope Ladder to the Moon. Shades of Blue (V 2) von Neil Ardley klingt so gar nicht nach Colosseum. Dave erklärt im Booklet, dass die Band hier ohne ihn, dafür wohl mit Frank Ricotti am Vibraphon gespielt hat. Er hört dabei Ähnlichkeiten mit Miles Davis heraus, na ja ...

  • COLOSSEUM und der Jazzrock

COLOSSSEUM ist als Jazzrock-Band ein Stück Jazz-Geschichte. Sie hat, ähnlich wie Chicago, Blood Sweat & Tears und Keef Hartley, den jugendlichen Rock-Fans die Türen zur Jazzwelt geöffnet.

Fusion, Jazzrock und Rockjazz werden oft als Synonyme benutzt. Ich würde Fusion eher da ansetzen, wo Jazzer, z. B. wie Miles Davis mit In a Silent Way und Bitches Brew, auf den Rock zugingen. Von Jazzrock würde ich sprechen, wenn eine Band zunehmend Jazz-Elemente antizipiert, die Grundstrukturen des Rock aber beibehält.
Bei COLOSSEUM gab es bei Jon Hiseman und Dick Heckstal Smith schon vorher eine Jazz/Blues-Affinität, als Jazz-Protagonisten sind die beiden in der Band besonders interessant. Wichtige ‚Lehrer‘ waren Alexis Korner und John Mayall, die eine ganze Generation von Musikern geprägt haben. So hat Dick - wie Ginger Baker, Clapton, Jagger u.v.a. - ursprünglich bei Alexis Korner’s Blues Incorporated gespielt. Beide gehörten zeitweise zu Mayall‘s Bluesbrakers und hatten auch, zusammen mit dem Colosseum-Bassisten Tony Reeves, Mayall’s LP Bare Wires aufgenommen. Walkin' in the Park, eine Komposition von Jon Hiseman, wurde schon 1966 mit der Graham Bond Organization aufgenommen.
Wenn man die bekannten Stücke von COLOSSEUM mit ‚Jazz-Ohren' hört, fällt zunächst auf, dass Blues kein Fremdwort ist (Backwater Blues und Butty's Blues). Dave Greenslade bringt, besonders mit dem Vibraphon, jazzige Klangfarben und Rhythmen ein, z. B. bei einem Intro zu Lost Angeles (III 1). Jon Hiseman spielt die Double Bass Drum, wie schon vorher Buddy Rich, und war für seine kraftvollen, rollenden Soli bekannt. Aber es ist Dick Heckstal Smith, der in der Band in erster Linie für den Jazz steht. Allein seine beiden Saxofone (Tenor und Sopran) symbolisieren dies. Seine Soli gehen weit über die oft doch sehr einfach strukturierten Rock-Soli hinaus und weisen weit in den Bereich des Jazz hinein.

Doch COLOSSEUM war nur ein Anfang. Dick hatte schon als Student ein Jazzorchester geleitet, nach den COLOSSEUM-Jahren brachte er – leider oft unbeachtet - Solo-Alben heraus (A Story Ended u. a. mit Mark Clarke, Jon Hiseman, Dave Grennslade dund Chris Farlowe) und spielte in mehreren Rock-, Jazz-, Blues- und Fusion-orientierten Ensembles.

Selbst der ‚Blues-Opa‘ Mayall folgte dem Trend mit seiner Jazz Blues Fusion, zu der der Hard Bop-Jazztrompeter Blue Mitchell gehörte. Jimmy Hendrix wäre wohl auch in Richtung Jazz gegangen, wenn er die magischen 27 überschritten hätte; Ginger Baker wurde zum bekannten Jazz-Schlagzeuger bis dass er 2019 starb. Eins seiner letzten Konzerte fand in Bochum beim Ruhrjazz-Festival statt.

Auch Jon Hiseman und Dick Heckstal Smith sind inzwischen gestorben. Aber die meisten Fans leben noch. Ihnen werden diese 6 CDs wohl am besten gefallen, weil sie die Band damals miterlebt haben. Das ist eine riesige Gemeinde, und ich muss zugeben, ich gehöre dazu, denn COLOSSEUM - das ist auch eine Sehnsuchtsbeziehung.

* die Zahlen in Klammern bezeichnen die Nr. der CD (röm. Zahl) und des Stücks (arab. Zahl)

Colosseum Transmissions Live At The BBC

4-CD-Box - Repertoire Records 27.11.2020

Colosseum – Geschichte einer Band | Doku | Rockpalast (128 min.)