Jazzprezzo |

Alphabet-Reihe: Landgren, Wollny, Haffner

Text: Heinz Schlinkert

Bad Oeynhausen, 03.04.2021 | Wenn ich ein Buch rezensiere, gibt’s am Ende meist im Text allerhand Unterstreichungen und Anmerkungen. Die Bücher der Alphabet-Reihe sind mir dafür zu schade, denn es sind kleine Kunstwerke. Sie haben Gewicht. Das merkt man sofort, wenn man sie in die Hand nimmt, aber auch nachdem man sie gelesen hat. Jedes Buch wird nur einmal aufgelegt.

jazzprezzo heißt ein Verlag in Bad Oeynhausen in Ostwestfalen, der Bücher über Jazz herausbringt. Ein Interview mit dem Verlagsleiter Rainer Placke erschien hier vor einiger Zeit als Jazz-Report. In der ‚Alphabet-Reihe‘ des Verlags wurden bisher Nils Landgren, Michael Wollny und Wolfgang Haffner vorgestellt.

  • Monografien besonderer Art

Die Bücher sind nach folgender Methode entstanden: Karten mit den Buchstaben des Alphabets bilden die Grundstruktur. Vor jedem Interview werden auf jeder Karte fünf personenbezogenen Begriffe eingetragen. Der jeweilige Musiker kann Stichwörter abwählen, kann aber auch neue hinzufügen. Spontan soll dann der Interviewte sagen, was ihm zu jedem Begriff einfällt. Während des Gesprächs erstellt der Fotograf Oliver Krato zusätzlich ein Portrait mit Fotos. Zu jedem Buch gehört eine umfangreiche Diskografie. Bei den Büchern über Nils Landgren und Wolfgang Haffner kommt eine DVD mit einer Dokumentation bzw. einer Konzertaufnahme dazu. Berichte von Personen, die oft mit dem Musiker zusammengearbeitet haben, ergänzen den Text. Im Gegensatz zu regulären Monografien werden mit dieser Methode nicht die üblichen lifelines beschrieben und die üblichen Standardfragen gestellt. Unterm Strich entstehen so sehr lebendige Portraits, man hat den Eindruck, die Musiker näher kennengelernt zu haben.

lp

  • 3 Bücher – 3 Musiker – 3 Persönlichkeiten

Wenn man die 3 Bücher nacheinander liest, kann man kaum umhin Äußerungen zu vergleichen, die sich auf ein Stichwort beziehen, das alle auf ihrer Karte hatten. Zu ‚IMPROVISATION‘ z. B., dem Kerngeschäft jeden Jazzers, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Nils Landgren verwendet den Begriff nicht nur für die Musik und sieht ihn vor allem im Zusammenhang einer Gruppe. Michael Wollny widmet dem Thema eine ganze Seite. Er unterscheidet zwischen Interpretation im Alltag (‚eher negativ konnotiert‘) und Interpretation in der Musik und philosophiert über den ‚Kosmos zwischen Strenge und Freiheit‘ (S.62). Wolfgang Haffner reichen da 3 Zeilen, um zu bemerken, dass Improvisation „das halbe Leben“ ist. (S.45)

Die drei porträtierten Musiker veröffentlichen unter dem ACT-Label und scheinen sich recht gut zu kennen. Verschieden sind die Schwerpunkte, die die Musiker selbst setzen. Natürlich steht die Musik im Vordergrund, aber darüber hinaus gibt es markante Unterschiede.
Nils Landgren
„Ohne Groove kann man nicht leben. Groove kann alles Mögliche sein. ...Wenn etwas nicht groovt, ist es tot.“
(S.36)
Sein Schwerpunkt sind soziale Bezüge, Aktivität, Mitmenschlichkeit, politische Verantwortung bis hin zu politischem Engagement, z. B. mit seinem Afrika-Projekt in Kibera.

Michael Wollny
Er sieht sich und die Musik in größeren Zusammenhängen. Er ist nicht total abgehoben, kann aber gerne Fragestellungen in einem größeren Zusammenhang betrachten und in einem Nebensatz locker mal Sloterdijk zitieren. Neu waren mir seine Nähe zum Film und seine Erfahrungen als Professor an der Uni Leipzig.

Wolfgang Haffner
Er sagt zum Stichwort ‚Visionen‘, er „plane immer für die nächste Tour, für’s nächste Album“ (S.80). Bemerkenswert auch, dass so interessante Stichworte wie ‚Mein Becken‘ und ‚Intonation‘ von ihm gestrichen wurden und ihm zum Stichwort Hände nicht viel einfällt. So entsteht der Eindruck, dass Wolfgang Haffner vor allem in seiner eigenen Musik-Welt lebt. Eine gewisse Ambivalenz zeigt sich, wenn er zum Thema Bandleader autoritäre Züge erkennen lässt ("Als Bandleader und Namensgeber genieße ich die Freiheit, all das zu tun, was ich möchte" S.80), andererseits aber eine, für einen Drummer untypisch sachte, Spielweise an den Tag legt. Die kann man sehr gut anhand der DVD beobachten.

Letztlich geht es darum, die einzelnen Musiker-Persönlichkeiten näher kennenzulernen. Und da soll sich jeder sein eigenes Bild machen. Schwierig fand ich, dass man oft mit Namen konfrontiert wird, die dem Musiker sehr geläufig sind, die man aber selbst gar nicht kennt.
Hardware: Papierstärken 120 bis 150g/qm, solider Pappdeckel, großformatige Hochglanz-Fotos, das erzeugt einen preziösen Eindruck, wobei Umweltaspekte aber kaum eine Rolle spielten.
Wer wird als nächster porträtiert??

Die Alphabet-Reihe, Herausgeber Rainer Placke

Bd.1 Das Landgren Alphabet 2018

Mit einer CD-Diskografie und DVD »Nils Landgren – Do Your Own Thing« Ein Film von Jan Bäumer und Dietmar Klumm

Bd.2 Das Wollny Alphabet 2019
Mit einer CD-Diskografie.

Bd.3 Das Haffner Alphabet 2020
Mit einer CD-Diskografie und DVD »Wolfgang Haffner - Live at JazzBaltica 2018«

http://www.jazzprezzo.de/index.htm