CD Rezension

COLOSSEUM |

Live in Germany 1969 - 1971

Text: Heinz Schlinkert

London, 14.10.2021 | Erst vor knapp einem Jahr ist die 4-CD-Box Colosseum Transmissions Live At The BBC erschienen. Nun - wohl eher für das deutsche Publikum und nicht zufällig ein Vierteljahr vor Weihnachten - kommt das Album Colosseum Live In Germany heraus. Es enthält 2 CDs, eine DVD und ein ausführliches Booklet.

CD1 enthält 4 Stücke ‘Live At Beat Club’ (1969) und 3 Stücke und ein Radio Intro aus ‚Live At Messepalast, Wien‘ (1969). Auf CD2 finden sich 4 Stücke ‚Live At Kongresshalle, Frankfurt‘ (1971). Auf der DVD kann man sich die Beat Club-Aufnahmen der ersten CD als Video ansehen.

Wozu noch ein weiteres Album mit den alten Stücken? mag man sich zu Recht fragen. Manche Stücke wie Walking In The Park klingen wie auf den Original-Alben. Die langen Schlagzeugsoli von Jon Hiseman – 17min bei The Machine demands a sacrifice auf CD2 - waren damals zwar ein Aufreger, werden heute oft als ermüdend empfunden. Barbara Thompson an der Flöte klingt noch sehr amateurhaft, erst Jahre später konnte sie mit dem Sopransax wirklich mithalten.

Interessant finde ich einige Soli, die hier in ungewohnter Form und Qualität zu hören sind. Das Vibes Intro von Dave Greenslade bei Lost Angeles (CD2) hört sich ganz anders an als im LP-Version. Dave entwickelt eine eigene, fast schon sphärisch klingende Melodie, die allmählich zum Song hinführt

Vom Konzert in Wien hören wir fast 15 min lang Butty's Blues mit einem ellenlangen Gitarrensolo von James Litherland, das sich allerdings hauptsächlich durch seine Dauer auszeichnet. Ganz anders dagegen Dick Heckstall-Smith, der mit seinem Sax-Solo wie gewohnt die Jazz-Maßstäbe in der Band setzt. Auch die Valentyne Suite (23 min) hört sich an einigen Stellen anders an als gewohnt. Die vibes sind oft im Vordergrund, zeitweise synchron mit Sax. Dazu Bass-Solo-Einlagen von Mark Clarke.

Die technische Qualität der Aufnahmen ist, trotz remastering, nicht so toll. Die Bremer Studios waren eben nur Fernseh- und keine Tonstudios. Im gut bebilderten Booklet erfährt man, dass der Beat Club damals eine der wichtigsten Musikshows in Europa war und Colosseum vor dem Auftritt mehrere Proben hatte. Chris Welch lässt im Booklet ehemalige Bandmitglieder zu Wort kommen, u.a. Dave Greenslade, der erzählt, dass im Bremer Fernsehstudio ein Bechstein Flügel stand, für den er gerne seine Hammond-Orgel stehen ließ.

In der Retrospektive mit der DVD ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, wie jung die Musiker damals noch waren. Barbara Thompson im Hippie-Look, Dick Heckstall-Smith galt als alt, weil er schon über 30 war. Warum er unbedingt Sopran- und Tenorsax gleichzeitig spielen musste? Wohl nur Show. Ich weiß nicht, wie diese Musik heute auf jüngere Leute wirkt, die die Colosseum-Zeit nicht miterlebt haben. Für mich ist das alles
“downhill and shadows …
From now on I'm not searching
I've got nothing to lose
I had a dream that told me everything
I've got nothing now to choose
It's all downhill and shadows
But this song hasn't been a blues”

Lost Angeles (Live at Kongresshalle, Frankfurt 8 October 1971):

Colosseum live in Germany

Label: Repertoire
Bestellnummer: 10671147
Erscheinungstermin: 3.9.2021