nrwjazz unterwegs

Jazzfestival Freiburg |

outdoor - Rymden - Jazzrausch

Text & Fotos: Heinz Schlinkert

Freiburg, 24.09.2021 | Freiburg im Breisgau – wenn man hier im Westen erzählt, dass man nach Freiburg fährt, hört man sehr oft: ‚schöne Stadt‘, ‚immer gutes Wetter‘. Auf jeden Fall ist es eine sehr junge Stadt von 230.000 Einwohnern. Junge Leute beherrschen das Straßenbild, die Uni ist größter Arbeitgeber. Freiburg liegt am Rande des Schwarzwalds und hat ein großes Einzugsgebiet, denn rundherum gibt vor allem Weinberge und Wald. Zu den nächsten größeren Events müsste man sonst nach Basel oder Straßburg fahren. Auch in diesem Jahr startet im September wieder das Jazzfestival, das vom Jazzhaus und vom E-Werk veranstaltet wird.

  • Samstag Mittag

Am Samstag scheint wirklich die Sonne, mittags beginnen die Konzerte. Das ist eine wunderbare Atmosphäre mit blauem Himmel und Konzerten auf Plätzen in der Innenstadt. 4 Profi- und Amateurbands aus Freiburg präsentieren auf 4 Plätzen ihre Musik. Erst kurz vorher konnte ich telefonisch erfahren, wer wo wann spielt. Also beginne ich mit dem Jazz4Fun Quartett und erlebe eine Überraschung. Der Keyborder Christoph Hüllstrung wird hellhörig, als er von nrwjazz hört und erzählt mir, dass er ursprünglich aus Leverkusen kommt. Er ist Schauspieler von Beruf, aber auch leidenschaftlicher Jazzmusiker. Die Band legt los mit Standards von Coltrane, Rollins, Jobim und anderen Standards der 50er und 60er Jahre. Das hört sich sehr gut an, die Spielfreude guckt den MusikerInnen (Dorothea Ruf (ts), Susanne Stiefvater (b), und Carsten Auerbach (dr)) geradezu aus den Augen. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch anspruchsvoll. Schade nur, dass die Band an einer kleinen zugigen Ecke spielen muss, an der unentwegt Käuferströme vorbeiziehen.
Das Ingmar Kerschberger Trio hat es da etwas besser. Da ist immerhin ein richtiger Platz, zwar etwas abgelegen, aber ruhiger. Das Trio spielt Standards des Straight-Ahead Jazz, auch Latin, Blues und Funk. Die Musiker (Ingmar Kerschberger (as), Peter Steicher (b), Jörg Enz (g)) sind Profis, die ganz frei spielen mit vielen Soli. Der Gitarrist gefällt mir besonders gut. Glances & Giggles heißt die CD seines Trios, auf der er mit Hammondorgel und Bass Standards und Eigenkompositionen spielt.
Auf dem großen Augustinerplatz spielt die zehnköpfige Band Kiss el Funk. Auf den ersten Blick scheint es sich um eine Dixieland Band zu handeln. Aber nein, man hört fetzige, funkige Stücke, Pata Pata von Miriam Makeba ist dabei. Ein Plakat wird geschwenkt, da ist auch viel Show dabei, die viele Zuschauer anlockt.

Das GROOVEBOX Trio ist wohl die intellektuellste dieser Bands. Im coolen Sonnenbrillen-Outfit spielen Sebastian König (dr), Karsten Kramer (keys) und Christian Armin (7-Saiten-Bass) eigene Kompositionen im Fusion-Sound. Das klingt sehr professionell. Eins der Stücke heißt Balinero, es wurde nach einem Erlebnis in Kolumbien geschrieben.

Konzerte in der Innenstadt sind frei, für alle zugänglich, wirklich eine gute Sache. Nur hätte ich mir von der Stadt bessere Locations gewünscht. Vor allem wenn man bedenkt, dass zeitgleich auf der großen Wiese vor dem Archäologischen Museum Bands im Rahmen eines Festes auftraten, die den bisher genannten nicht das Wasser reichen konnten. Auch Information und Abfolgeorganisation hätten viel besser sein können und z. B. mir erspart, kreuz und quer durch die Stadt zu laufen.

  • Samstag Abend

Am Abend in dem eindrucksvollen Keller des JAZZHAUSES spielt Rymden, die Supergroup aus Skandinavien. Die Band war schon im letzten Jahr dort angesagt, konnte aber wegen der norwegischen Corona-Regelungen nicht kommen. Magnus Öström (Drums) und Dan Berglund (Bass) gehörten früher zum Esbjörn Svensson Trio (E.S.T.). Nach dem Tod des Bandleaders spielen sie nun mit Bugge Wesseltoft zusammen als Rymden.
Erster Eindruck: wuchtig. Die Band geht in die vollen, sie scheint erstmal alles einzusetzen, was ihr an Mitteln zur Verfügung steht. Ehrlich, E.S.T. hat mir besser gefallen. Doch dann kommen auch leisere Töne, sogar ein längeres Klavier-Solo ist zu hören. Wie soll man Musik beschreiben ohne in Schubladen-Denken zu verfallen? Hier höre ich eine Verbindung von Rock und Jazz mit ausgiebigem Einsatz elektronischer Instrumente. Bugge Wesseltoft setzt seinen MOOG-Synthesizer ausgiebig ein, Magnus Öström spielt in seinem umfangreichen Drumset auch auf elektronischen drumpads, die oft gar nicht von den analogen Drums zu unterscheiden sind. Bei einem langen Drum-Solo zu In My life in a Mirror verschwindet der Drummer nahezu in seinem Set.
Rymden bedeutet im Schwedischen ‚Raum‘, das kann der Konzertsaal sein, aber auch der Weltraum. Der Raum-Begriff kann helfen die Musik besser zu verstehen, denn die Band spielt vor allem Stücke aus dem neuen Album Space Sailors. In diesem Sinne kann man die Musik als eine Art ‚atmosphärisches Rauschen‘ verstehen, als eine großartige Lautkulisse, in der sich Energiewellen auf und wieder abbauen. Auf jeden Fall: Beyond Jazz.

  • Sonntag

Von wegen, immer schönes Wetter, heute regnet es in Freiburg, Schmuddelwetter. Immerhin läuft der Film Jazz on a Summer`s Day im Kommunalen KINO. Am Abend gibt es aber wieder ein Konzert im JAZZHAUS mit der Jazzrausch Bigband aus München.

Das Publikum ist hier ganz anders. Gestern Abend waren es eher ältere, mehr am Rocker-Image orientierte männliche Zuschauer. Heute Abend sind es viel mehr junge Leute und viele Frauen. Auf den ersten Blick scheint es weniger Plätze zu geben, aber der Schein trügt. Im hinteren Bereich ist viel Platz zum Tanzen. Allein die Bühne ist beeindruckend mit den vielen Instrumenten, insbesondere die drei unterschiedlichen Klarinetten. (s. Foto links)

Und es wird richtig voll. Gespannte Erwartung, wann geht es endlich los? Plötzlich breitet sich Bühnennebel aus, die Groove-Maschine setzt ein, die Drums kommen dazu, die Musiker kommen auf die Bühne, erste Bläsersätze und ein Solo auf dem Tenor. Sofort entsteht ein Riesenschwung, man ist schon mittendrin im Konzert. Gespielt wird Mosaïque Bleu von der neuen CD téchne. Dröhnender Applaus schon bevor es richtig angefangen hat.

Das ist wirklich eine unbeschreibliche Atmosphäre. Leuchtstäbe stehen auf der Bühne und am Eingang. Sie werden während des Konzerts von den Musikern in alle Richtungen geschwenkt. Sie blinken im Takt der Musik und ändern dauernd die Farben, was gerade blau ist, ist plötzlich rot. Außerdem tanzen die Musiker auf der Bühne, ‚Aha-Chöre‘ steigern die Dynamik.
Da ist es - auch wegen des Bühnennebels - schwer, scharfe Fotos zu schießen. Doch ‚scharf‘ sind die Fotos allemal, weil sie wegen ihrer Unschärfe die ungewöhnliche Atmosphäre gut abbilden. Durch diese vielen akustischen und visuellen Effekte entsteht eine enorme Dynamik auf der Bühne, die sich auf die Zuschauer überträgt. Roman Sladek, der Bandleader, treibt seine Musiker mit viel Körpereinsatz zusätzlich an. Er spielt exzellent Posaune mit vielen Soli und moderiert sehr humorvoll zwischen den Stücken. Einmal fragt er, wer im Publikum vom Jazz kommt, wer vom Techno. Das ist so ‚halbehalbe‘ und er freut sich, dass hier „soziale Schichten zusammenwachsen“. 15 Musiker stehen auf der Bühne, es sind eigentlich 25 Bandmitglieder, so dass man nicht immer nachverfolgen kann, wer spielt. Alle hätten auf der Bühne kaum Platz.

Gespielt werden Stücke von den ersten beiden Alben wie I wanna be a banana und eine Beethoven-Adaption, besonders aber vom neuen Album Téchne, z. B. Green Sun und What it is. Die knochentrockenen Bläsersätze sind ein wichtiges Element. Bei den Soli ragen vor allem die Saxophone heraus. Elektronische Instrumente werden gezielt eingesetzt, verkommen aber nicht zum Selbstzweck, wie das bei Jazzmusikern manchmal der Fall ist. Florian Leuschner entlockt seiner Selmer Kontrabass-Klarinette unbeschreibliche Töne, sein Instrument sieht im bunten Nebel wie ein Ungeheuer aus der Vorzeit aus.

Über Technojazz und Jazzrausch habe ich in einem anderen Report schon viel geschrieben. Solch eine Atmosphäre kann nur aus dem Techno-Milieu, hier aus der Münchener Unterfahrt, kommen.
Zu den Songs des neuen Albums wird bei NRWJazz bald eine ausführliche Rezension erscheinen.

Jazzrausch spielt bald auch in NRW: am 24.9. beim Jazzfestival Viersen, am 8.11. bei den Leverkusener Jazztagen

Das Jazzfestival in Freiburg geht noch weiter bis zum nächsten Sonntag, u. a. mit einem Konzert von Ron Carter.

Plakate oben von https://jazzfestival-freiburg.de/