Marc Ribot & Ceramic Dog „Hope“ |

von der Bronx in den JunkYard

Text & Fotos: Heinz Schlinkert

Dortmund, 22.07.2021 | Die Sommerbühne des Dortmunder domicil ist dieses Jahr nicht der Westfalenpark, sondern - ganz im Gegenteil könnte man sagen - der JunkYard im Dortmunder Norden.

Ich muss zugeben, Mark Ribot kannte ich noch nicht. Den Junk Yard auch nicht. Beides war ein Erlebnis. Ribot kommt aus New York, der Junk Yard liegt im Dortmunder Norden. Wenn man diesen Hof betritt, fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Junk means Schrott, Plunder, Gerümpel – und ein alter Bus steht da, an eine Mauer gequetscht, Autoreifen hängen an der Mauer, Beine einer Schaufensterpuppe ragen in die Luft. Alles sehr bunt, die Sonne scheint. Ich setze mich auf die mir coronabedingt zugewiesene Bank. Tanzen darf man nur mit Maske auf seinem Platz. Nun, das muss nicht sein, ich warte ab, was das kommt.

Es kommt die Band und sie legt gleich los. Hat sie wirklich schon angefangen oder ist das noch der Sound Check? Das frage ich mich eine Zeitlang, merke dann aber irgendwann, wir sind schon mittendrin. Eine Stunde lang geht das fast ohne Pause. Da weiß man gar nicht, wann man applaudieren soll. Zum ersten Teil des Konzerts hatte ich schon vorher gelesen, dass Ribot mal gesagt hat, dass es „ein großes Maß an Kontrolle brauche, um Musik zu schaffen, die klingt, als ob sie unkontrolliert sei“. Ja das passt genau. Wenns gar zu laut wird, brauchen auch die Zuschauer Selbstkontrolle, denn die Band schafft eine gewaltige Klangkulisse, die den Hof erfüllt.

Zweifelsohne kommuniziert die Band direkt über die Musik. Ribot gibt Impulse und die anderen greifen sie auf, führen Sie weiter. Von außen gesehen allerdings macht Ribot einen fast autistischen Eindruck. Er ist über seine Gitarre gebeugt und scheint nur auf seine Saiten zu gucken; nur selten sieht er auf. Obwohl er Linkshänder ist, spielt er eine Rechtshänder-Gitarre, aber daran wird’s nicht liegen. Ich glaube eher es geht um eine Form von Embodiment, bei der der Musiker gar nicht mehr genau zwischen seinem Körper und seinem Instrument unterscheidet, beide sind – ähnlich wie ein Blinder und sein Stock – miteinander verwachsen. Christian Müller hatte in seinem Buch "Doing Jazz" davon berichtet.

Ganz anders die anderen beiden Musiker. Der Bassist Shahzad Ismaily spielt auch keyboards und ist zeitweise auch intensiv mit seinen Instrumenten beschäftigt, aber immer wieder hat er Blickkontakt mit dem Drummer. Beide lächeln, man merkt, sie spielen gerne zusammen, und sie kommunizieren auch über Blicke. Der Drummer Ches Smith ist umwerfend, er hat mir am besten gefallen. Souverän setzt er die verschiedenen Drums ein. Total präzise und trocken kommen seine Schläge. Und auch er selbst wird zum Instrument, seine Körpersprache ist sehr expressiv und signalisiert Energie, Engagement, Lebensfreude.

Nach einer Stunde dann plötzlich eine Ansage von Marc Ribot: Maple Leaf Reach heißt das nächste Stück. Nun wird alles anders. Ein Blues, etwas verzerrt, aber erkennbar, melodisches Gitarrenspiel, Marc singt und schaut auch öfter in die Runde. Ich glaube, jetzt beginnt erst die Vorstellung des neuen Albums HOPE, wie vor dem Konzert angekündigt. Nickelodeon ist kein Kinderlied, sondern eine Reggae-Version von I can’t get no satisfaction, sehr gelungen. Solche Reinterpretationen sind wohl eine Spezialität von Marc, das hat er auch mit Stücken von Coltrane und Hendrix gemacht. Den Lick des nächsten Stücks kenne ich aus Bus Stop, aber leider keine weiteren Ansagen.
Die Zugabe beginnt mit einem Text. Ein Gedicht, eine Erklärung? Die Instrumente setzen ein und Mark spricht und singt. Ein langer Text, ich verstehe „I don’t accept, I refuse, I resist“. Das Stück heißt, erfahre ich hinterher, The Activist. Man sieht, Marc Ribot ist auch ein politisch denkender Mensch und Kritiker von Trump. Ein gelungener Abschluss einer hochkarätigen Band in einer denkwürdigen Location.

PS Manchmal frage ich mich, wenn Jimi Hendrix noch leben würde, würde er so ähnlich spielen?

Nächste domicil-Konzerte im Junk Yard:

http://junkyard.ruhr/veranstaltung/lbt-acoustic-techno-night-praesentiert-von-domicil

http://junkyard.ruhr/veranstaltung/kinga-glyk-praesentiert-von-domicil

http://junkyard.ruhr/veranstaltung/koma-saxo-praesentiert-von-domicil