Jazz Matinée mit Stefan Bauer |

„Groove kommt aus Afrika“

Text & Fotos: Heinz Schlinkert

Essen, 23.12.2021 |

Exzeptionell, hochvirtuos und einfach umwerfend, das war mein erster Eindruck zu diesem Konzert. Am 19. Dezember bot Stefan Bauer mit seiner exklusiv besetzten Band einen ‚JazzAdvent‘, eine Matinée in Essen-Rüttenscheid. Wie wir schon berichteten ist Stefan Bauer schon eine Weile mit dem Ensemble “Phoenix” in NRW unterwegs. Kurz vorher in Warendorf, Recklinghausen, gestern in Dortmund und heute Abend schon wieder in Köln.

  • .. vor dem Konzert ..

Die Band ist noch gar nicht auf der Bühne, aber schon die vielen unterschiedlichen Instrumente machen neugierig und lassen erahnen, dass da etwas ganz Besonderes auf uns zukommt. Vibraphon und Marimba nehmen viel Platz ein. Das Drumset ist durch mehrere Klangstäbe, drei Darabukas und mehrere andere Perkussionsinstrumente erweitert. Querflöte, Bass- und Kontra-Bassquerflöte decken allein die linke Seite ab; das immer noch selten zu findende C MelodySax, aber auch – denn den regulären Kontrabass kann man lange suchen - die imposante Kontra-Altklarinette mit dem langen Hals stehen am Platz des Saxofonisten.
Wie viele andere Konzerte hätte auch dieses schon im letzten Jahr stattfinden sollen. Peter Kolling (Foto o. r.) von der vielfach ausgezeichneten Buchhandlung ‚Proust - Wörter und Töne‘ berichtet, dass das Konzert nur möglich war, weil es im Filmstudio Glückauf stattfinden konnte. Dies ist eine ganz besondere Location, denn die klassische Bestuhlung und der Blick auf die kleine Bühne erzeugen eine Theateratmosphäre, die das Konzert zusätzlich aufwertet.

  • Schweiz – Ghana – Indien

Jeder Musiker hat ein eigenes Stück mitgebracht. Mit einer Trio-Improvisation beginnt Stefan Bauers Seduction, eingeleitet von Sarah Buechi mit hoher Stimme und langen Vocalisen. Aus einzelnen Tönen entwickeln sich Tonreihen, die vorübergehend in kleine Melodien münden, die von anderen Musikern aufgegriffen werden.
Sarah kommt aus der Südschweiz und hat Le Vieux Chalet mitgebracht, das einzige Lied des Konzerts. Sie hat es neu arrangiert, sie singt es auf Französisch und begleitet ihren Vortrag mit viel Gestik.

Afrika ist ein großes Thema des Konzerts, denn einige Musiker haben dort in Konzerten mit afrikanischen Musikern wichtige Erfahrungen gemacht. Stefan berichtet ausführlich von einer Tour 2002 mit dem Flötisten Michael Heupel, bei der sie in Ghana intensiv mit Bernard Woma zusammengearbeitet haben. Woma ist in Westafrika sehr bekannt als Gyil Virtuose (einem Xylophon aus dem Norden Ghanas) und als Leiter der National Dance Company of Ghana. Er war auch weltweit unterwegs, ist aber leider vor 3 Jahren gestorben. „Groove kommt aus Afrika“, sagt Stefan.
Bernard Woma heißt darum auch Stefans Stück, das auf einer pentatonischen Tonfolge basiert, die Stefan bei einem gemeinsamen Konzert in Afrika erfunden hatte. In Ghana haben sie damals eine Stunde lang mit 20 Musikern nach diesem Motiv gespielt. Heute ist nicht ganz so viel Zeit, doch was Stefan da, meist auf der Marimba, zaubert ist phänomenal. Pentatonische Stücke klingen für uns allemal oft exotisch, doch richtig verstehen kann man diese Musik wohl nur, wenn man sich in afrikanischer Musik auskennt. Vibe-Instrumente scheinen mir ideale Groove Instrumente zu sein, weil sie Rhythmik und Melodik unmittelbar vereinen. Nicht zufällig spielen Drummer wie Joe Chambers auch Vibrafon. Das Publikum ist total begeistert und applaudiert sehr lange und intensiv!

Steffen Schorn ist einer der Top Saxofonisten Deutschlands, zudem ist er Professor an der Nürnberger Musikhochschule, Abteilung Jazz. Steffen war schon bei der Kölner Saxophon Mafia dabei und erhielt 2009 den WDR-Jazzpreis in der Kategorie „Komposition“. Erst im letzten Jahr berichteten wir über sein Album Hermeto's Universe, das er mit Det Norske Blåseensemble aufgenommen hatte.
Sein Stück Africa, besteht ‚nur‘ aus einem 11/16tel Takt, der ständig wiederholt wird und den er als „Motor“ bezeichnet. Auf dieser Folie kurzer Töne entwickeln sich in der Übernahme durch die anderen Instrumente komplexe Tonfolgen, die manchmal an brasilianische Musik erinnern.
Ein Duo-Solo von Michael Heupel an der Kontra-Bassquerflöte und Steffen Schorn an der Kontra-Altklarinette beeindruckt mich besonders. Die riesige Querflöte steht auf dem Boden wie ein normaler Bass und hat ein breites abgewinkeltes Kopfstück. Auch die Kontra-Altklarinette mit dem riesigen Hals habe ich noch nie gesehen, nur die Kontra-Bassklarinette von Florian Leuschner beim Jazzrausch Konzert in Freiburg . Steffen Schorn erzählt mir später, dass Florian einer seiner Studenten war.
Auch die anderen Musiker spielen exzellent, denn auch sie sind Experten für außergewöhnliche Rhythmen. Leider können wir aus Platzgründen nicht weiter darauf eingehen. Es sei aber gesagt, dass der Schlagzeuger Christoph Haberer Spezialist für die Rhythmik Indiens, Afrikas und Südamerikas ist und diese in seine Spielweise integriert. Ähnliches gilt für Michael Heupel, der einer der spektakulärsten Flötisten der improvisierten Musik ist und uns mit einer Vielfalt an Flötenbauweisen bekannt macht.

Nach einem langanhaltenden Applaus kommt die Zugabe. Die Sängerin erzählt erst einmal eine kleine Geschichte von einer jungen Studentin, die nach Indien kam und sich dort zurechtfinden musste. Sie selbst war die Studentin, erfahre ich hinterher, denn sie hat ein Jahr lang in Banglore Musik studiert, vor allem bei Rama Mani, deren Song Many Ways Sarah nun präsentiert. C MelodySax und Kontra-Bassflöte lassen die Töne vibrieren, der Rhythmus des Drummers auf dem Xylophon setzt ein und erinnert an eine Tabla. Wenn dann Sarah mit ihrem Gesang beginnt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt, von Afrika nach Indien. Sind es Vocalisen, ist das schon Scat-Gesang? Nein, es ist Konnakol, höre ich später, eine südindische Silbensprache, die den Klang indischer Trommeln nachahmt.

Unglaublich ist die Präzision, mit der die Band agiert. Aber das ist bei diesen komplizierten Rhythmen wohl auch kaum anders möglich, erfordert aber die perfekte Beherrschung der Instrumente und ein außerordentliches Rhythmusgefühl, das über die Maßstäbe des regulären Jazz weit hinausgeht.

  • Stefan Bauer ...

kommt aus Recklinghausen, lebt aber meist in den USA. Dort hat er auch für nrwjazz.net als „Korrespondent“ über das musikalische Leben in New York berichtet, in Trump-Zeiten auch in drei 'cronicles' über die politische Lage und die Atmosphäre in New York.
Wie er schon beim Konzert ankündigte, wird im April '22 auf Jazzhausmusik eine Duo CD mit dem Flötisten Michael Heupel erscheinen. Außerdem ist soeben die Trio CD "Organic Earfood" auf Jazzsick Records erschienen mit dem Kanadier Bernie Senensky (Orgel), Stefan Bauer (vibes/marimba), Peter Baumgärtner (drums).

Hoffen wir, dass im neuen Jahr bald wieder Konzerte stattfinden können, im Moment hagelt es Absagen. In dieser Band-Konstellation würde ich mir auf jeden Fall noch mehr Konzerte wünschen!